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Selbstgespräche

Selbstgespräche

(tsch) Da sitzen sie also alle in ihrem grauen Großraumbüro. Und reden, und reden, und reden. Nur so richtig sagen tut niemand etwas. Die Damen und Herren arbeiten in einem Callcenter und wollen Flatrates verkaufen - für unbegrenztes Telefonieren, für unbegrenztes Surfen. Für unbegrenzte Kommunikation. Bloß, was soll man damit anfangen, wenn man nichts zu sagen hat? André Erkau beschäftigt sich in seinem Langfilmdebüt "Selbstgespräche" mit der Sprachlosigkeit im Kommunikationszeitalter. Ziemlich gnadenlos nimmt er die Mechanismen des gesellschaftlichen Kommunikationszwangs einerseits und inhaltlicher Leere andererseits unter die Lupe. Erkau macht aus seinem Max-Ophüls-Preis-Gewinner eine bittersüße Mischung aus melancholischer Komödie und vielen kleinen persönlichen Dramen, die von fabelhaften Darstellern über kleinere Schwächen getragen werden.

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Dass man kommunizieren muss, ist ein Muss. Wer es heutzutage nicht tut, ist außen vor. Mindestens ein Handy, mindestens grenzenloses Online-Sein mit mindestens zwei personalisierten, für alle einsehbaren Profilseiten, über die nicht nur Freunde über die aktuelle Befindlichkeit informiert werden - wer ist da schon gerne Außenseiter? Jeder muss alles wissen und immer erreichbar sein. "Was machst Du gerade?" - "Ich lasse einen Pups." Mehr Substanz muss dabei nicht sein.

Im Privaten allerdings sieht es ganz anders aus. Da gibt es keine technischen Hilfsmittel, hier gilt: Selbst ist der Mann, oder die Frau. Dumm nur, dass man bei all dem Blabla den ganzen Tag verlernt, sich auszudrücken, seine Träume, Hoffnungen, Wünsche zu artikulieren. Ein Callcenter als Haupthandlungsort für einen Film über das moderne Kommunikations-Paradoxon auszuwählen, entbehrt da natürlich nicht einer gewissen Ironie. Hier treffen sich die vier Protagonisten jeden Tag: Sascha (Maximilian Brückner in einer ungewohnt redseligen Rolle), Adrian (Johannes Allmayer), Marie (Antje Widdra) und ihr Chef Richard Harms (August Zirner). Zusammen mit ein paar gut gezeichneten Nebenfiguren wird die "Go Flat"-Zentrale ein Hort ungelöster Probleme und unerfüllter Wünsche.

Während der Chef seine Mitarbeiter zu mehr Leistung und höheren Abschlusszahlen motiviert, scheitert seine Ehe und bekommen Sascha, Marie und Adrian ihr Privatleben nicht auf die Reihe. Marie ist alleinerziehende Mutter und Architektin, schafft es aber nicht einen Job zu finden. Adrian ist Ende 20 und der beste Verkäufer im Laden. Nur privat ist er unfähig, sich zu artikulieren. Er wohnt bei seinem Vater und kann sich gegen den Despoten nicht durchsetzen. Und Frauen anzusprechen - davon träumt er nicht einmal.

Da kommt Sascha gerade richtig: Der immer gut gelaunte Sonnenschein hat lauter große Pläne im Kopf und hilft ihm bei Frauensachen. Dabei kann er ohne Punkt und Komma reden, sich aber der eigenen Verantwortung nicht stellen. Zum Beispiel, dass seine Freundin schwanger ist und es an der Zeit wäre, aus Träumen etwas Handfestes zu machen. Aber, so sieht es sein Darsteller Maximilian Brückner: "Er ist eben der größte Verdränger der Welt und wartet, und wartet - vielleicht ja kommt noch etwas Besseres."

Und warten tun sie alle. Nur dabei passiert eben nichts. Also reden sie - nicht unbedingt miteinander, eher aneinander vorbei. Und versuchen, jeder für sich, ihre privaten Probleme zu lösen. Diese Sprachlosigkeit übersetzt André Erkau geschickt in gewitzte Bilder. Virtuos in den filmischen Mitteln sieht er seinen gut geschriebenen, lebensnahen Figuren zu, wie sie sich abstrampeln in einer Welt, mit der sie völlig unzufrieden sind. Dabei wäre es ein Leichtes, sie zumindest erträglich zu machen. Mit kleinen Seitenhieben auf Globalisierung ("Mecklenburg ist das neue Indien") und Geschäftemacherei im Callcenter angereichert, ist "Selbstgespräche" eine ironische, vielleicht etwas zu brave, Zustandsbeschreibung der modernen Dienstleistungs- und Kommunikationsgesellschaft.

Andreas Fischer

Credits:
V:Filmlichter, D 2007, R: André Erkau, D: Maximilian Brückner, August Zirner, Antje Widdra u.a.

Laufzeit: 101 Min.

Kinostart:
30. Juli 2008


In "Selbstgespräche" wird viel geredet, aber kaum etwas gesagt.
In "Selbstgespräche" wird viel geredet, aber kaum etwas gesagt. (Filmlichter)

Sascha (Maximilian Brückner) zeigt seinem schüchternen Kollegen Adrian (Johannes Allmayer) wie das so geht mit den Frauen.
Sascha (Maximilian Brückner) zeigt seinem schüchternen Kollegen Adrian (Johannes Allmayer) wie das so geht mit den Frauen. (Filmlichter)

Marie (Antje Widdra) hat eine tolle Telefonstimme, aber keine Lust auf Callcenter.
Marie (Antje Widdra) hat eine tolle Telefonstimme, aber keine Lust auf Callcenter. (Filmlichter)

Datum: 27.07.2008

Diskussion: "Selbstgespräche"

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Artikel ID 204356

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