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We feed the world - Essen global

We feed the world - Essen global

(tsch) "Jedes Kind, das an Hunger stirbt, wurde ermordet!" Ein Satz, der hängenbleibt. Doch Jean Ziegler, langjähriger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, weiß seine Worte zu begründen: Laut Bericht der Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen wäre die Weltlandwirtschaft im Stande, problemlos zwölf Milliarden Menschen zu ernähren. Doch das tut sie nicht. Stattdessen werden allein in Wien jährlich zwei Millionen Kilogramm Brot entsorgt, weil es ein oder zwei Tage in den Geschäften liegen blieb. Und 100.000 Menschen sterben an Hunger oder seinen Folgen - täglich. In seinem preisgekrönten Dokumentarfilm "We feed the world" serviert Erwin Wagenhofer Fakten, die einem das Essen im Halse stecken bleiben lassen.

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Spöttisch begutachtet Philippe Cleuziou einen großen Fisch, der von einem dieser großen Kutter gefangen wurde, die Schritt für Schritt die kleinen, autonomen Fischereibetriebe der Bretagne ersetzen: "Daraus wird Filet gemacht. Ohne Gräten, ohne Geschmack. Vor zehn Jahren hätte man das weggeworfen." Schelmisch fügt der Fischhändler hinzu: "Das ist nicht zum Essen, nur zum Verkaufen." Um Geschmack, weiß der Franzose, geht es nicht mehr in der Lebensmittelindustrie. Eine Meinung, die nicht nur er vertritt.

Karl Otrok kam vor Jahren nach Rumänien, um dort die Saatgutfirma Pioneer zu vertreten, deren Werbeslogan "We feed the world" zum Titel des Films wurde. Der Österreicher fühlt sich hier um 50 Jahre zurückversetzt, in eine Zeit, in der Bauern noch mit Pferdefuhrwerk ihren Acker bestellten und mit der Sense die Getreidehalme schnitten. Und er findet das gut. Eindringlich bittet er einen Rumänen, nicht das Hybridsaatgut zu verwenden, das er ihm eigentlich verkaufen soll: "Wir haben schon den Westen versaut, und nun kommen wir nach Rumänien, um auch dort die Landwirtschaft zu versauen." Seinen Posten bei Pioneer soll er übrigens mittlerweile nicht mehr innehaben.

Von den Auswüchsen der Globalisierung, die in dem Film ganz klar der Kritikpunkt ist, kann auch Vincent Jose Puhl ein Lied singen: Der Brasilianer muss mit ansehen, wie Regenwald gerodet wird, um Soja anzubauen. Dumm nur: Der Boden eignet sich nicht für die Bohnenpflanze, sodass künstliche Nährstoffe zugesetzt werden müssen. Fertig gereift werden die Bohnen nach Europa exportiert, wo sie als Tierfutter enden: "Europäische Tiere fressen den Regenwald", fasst der Biologe zusammen. Paradox ist, dass ausgerechnet in Brasilien, einem der reichsten Agrarländer der Erde, etwa 25 Prozent der Bevölkerung Hunger leiden.

Dem europäischen Huhn geht es hingegen glänzend - jedenfalls in Hinsicht auf die Futterversorgung. Ein weiterer Filmschnipsel, der das Federvieh vom Brüter bis auf die Schlachtbank begleitet, lässt selbst den hartgesottensten Fleischfresser über Salatrezepte nachdenken.

Die einzelnen Beiträge werden fast immer mit einem Kommentar von Jean Ziegler abgeschlossen, der zu den Geschichten Fakten und Zahlen liefert. Geschickt verknüpft der Österreicher Wagenhofer die Ausführungen und Handlungsorte, vom rumänischen Kleinbauern zum damaligen Nestlé-Chef, von der Steiermark bis nach Brasilien. Die Aussage der Dokumentation, die in Deutschland 2006 immerhin 370.052 Besucher in die Kinos lockte, ist deutlich, obwohl der Autor nie in Erscheinung tritt: Irgendetwas läuft hier schief.

Annekatrin Liebisch


Allein in Wien werden jährlich zwei Millionen Tonnen Brot entsorgt.
Allein in Wien werden jährlich zwei Millionen Tonnen Brot entsorgt. (SWR)

Vom Brüter übers Fließband zur Schlachtbank: Biologisch wäre die Menge an Fleisch, die derzeit konsumiert wird, wohl nicht herstellbar, mutmaßt Geflügelhändler Johannes Titz.
Vom Brüter übers Fließband zur Schlachtbank: Biologisch wäre die Menge an Fleisch, die derzeit konsumiert wird, wohl nicht herstellbar, mutmaßt Geflügelhändler Johannes Titz. (SWR)

Landwirtschaft wird in der EU subventioniert - ein Grund, warum spanische Tomaten auf afrikanischen Märkten landen und die dortige Landwirtschaft ruinieren.
Landwirtschaft wird in der EU subventioniert - ein Grund, warum spanische Tomaten auf afrikanischen Märkten landen und die dortige Landwirtschaft ruinieren. (SWR)

Datum: 03.08.2008

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Artikel ID 203476

 
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