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Die Eisbombe

Die Eisbombe

(tsch) Es ist ein herrliches Bild, wie die Familie da um diesen unförmigen, rosafarbigen Eisklotz versammelt steht. Der fiel gerade vom Himmel durch das Dach, riecht merkwürdig und sorgt fortan für eine Menge Turbulenzen im recht geordneten und ökologisch verträglichen Leben der Schuhmann-Weils. Ja , "Die Eisbombe" ist zerstörerisch. Regisseur und Drehbuchautor Oliver Jahn, der sich zuletzt mit der ZDF-SciFi-Groteske "Ijon Tichy: Raumpilot" als Meister des schrägen Humors bewies, nimmt mit seiner Öko-Komödie den grassierenden Gesundheits- und Bioproduktewahn aufs Korn und erzählt dabei die "Coming-of-Age"-Geschichte eines jungen Mannes, der unter einer Regenphobie leidet und überhaupt ganz schön merkwürdig ist.

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Dieser Tom (Eike Weinreich) ist eigentlich ein feiner Kerl. Nur nicht ganz normal, was ihm allerdings nicht anzukreiden ist. Man könnte die Ursachen für seine - gelinde ausgedrückt - Weltfremdheit in der Kindheit suchen oder der Pubertät oder der Gegenwart. Auf jeden Fall bei seiner Mutter Beate (Karoline Eichhorn), die ein ziemlich strenges Öko-Regime führt und ihren Buben vor allen Gefahren der Außenwelt - radioaktiver Regen, herumfliegende Allergene, Schokoriegel - beschützen will. Das ist so absurd, aber wahrscheinlich gar nicht so unrealistisch, wie es klingt.

Natürlich geht das nicht ewig gut, und so flieht Tom aus dem alten Atombunker im Garten, den Familie Schuhmann-Weil nach dem Eisbomben-Anschlag bezogen hat. Aus Angst vor den hinterlistigen Gefahren, die sich in dem Klotz aus gefrorenem Wasser verstecken könnten. Der Sohnemann zieht jedenfalls in das Zivi-Zimmer des Krankenhauses. Er wird von der lebenslustigen Elfie (Heike Jonca) und deren hübscher Nichte Lucie (Katharina Schüttler) an einen normalen Alltag gewöhnt.

Während Tom Sorglosigkeit lernt, die Angst vorm Regen verliert, sich verliebt und langsam abnabelt, steigt die Familie auf Drängen der Mutter von frischen, biologisch angebauten Vitaminen auf Dosennahrung um. Ravioli, Feuertopf und Kartoffelsuppe stapeln sich seit Tschernobyl regalweise im Bunker. Es ist ein ziemlich ätzender Fingerzeig, den sich Oliver Jahn erlaubt. Leise Töne sind jedenfalls nicht seine Stärke, "Die Eisbombe" trägt dick auf und schießt dabei auch bisweilen über das Ziel hinaus. Zumal die Figuren in ihrer Schemenhaftigkeit nicht immer glaubwürdig bleiben und die Inszenierung nicht konsequent ist.

Viele Einfälle verpuffen einfach oder scheinen - wie die Reality-Reportagensendung, die vom Unglück der Schuhmann-Weils berichtet - aufgesetzt. Das wirkt auf der Leinwand ohnehin ein wenig verloren, im Fernsehen wäre die "Die Eisbombe" wahrscheinlich besser aufgehoben. Dort käme auch eher zur Geltung, dass der Film ein vortrefflicher Kommentar des Zeitgeistes ist, den all die Öko-Yuppies, Lohas ("Lifestyle of Health and Sustainability") und Slow-Food-Fetischisten als Fessel individueller Freiheit benutzen und sich dabei ein ruhiges Gewissen ankonsumieren. Dabei bleibt einem das Lachen dann schon mal im Halse stecken.

Andreas Fischer

Credits:
V:Neue Visionen, D 2008, R: Oliver Jahn, D: Eike Weinreich, Karoline Eichhorn, Katharina Schüttler u.a.

Laufzeit: 97 Min.

Kinostart:
07. August 2008


Oliver Jahn ätzt mit seinem Film "Die Eisbombe" gegen den grassierenden Biowahn.
Oliver Jahn ätzt mit seinem Film "Die Eisbombe" gegen den grassierenden Biowahn. (Neue Visionen)

Bloß kein Regen: Tom (Eike Weinreich) hat seit seiner Kindheit unerklärliche Angst vor Niederschlag.
Bloß kein Regen: Tom (Eike Weinreich) hat seit seiner Kindheit unerklärliche Angst vor Niederschlag. (Neue Visionen)

Tom (Eike Weinreich) freundet sich mit Lucie (Katharina Schüttler) an und lernt die Sorglosigkeit des Lebens kennen.
Tom (Eike Weinreich) freundet sich mit Lucie (Katharina Schüttler) an und lernt die Sorglosigkeit des Lebens kennen. (Neue Visionen)

Datum: 03.08.2008

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