(tsch) Die Anrede "Fräulein" wird heutzutage kaum noch gebraucht. Von vielen Frauen wird sie als erniedrigend oder respektlos empfunden. "Es ist ein ambivalenter Begriff", erklärt Filmemacherin Andrea Staka. "Ein Neutrum, kein Mädchen, keine Frau, eine Frau ohne Mann, eine Jugoslawin ohne Heimat, ein Film über Unsichtbare." In ihrem Spielfilmdebüt "Das Fräulein" (2006) lässt die Schweizerin, deren Familie aus Bosnien und Kroatien stammt, zwei sehr unterschiedliche Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien in Zürich aufeinandertreffen. Das ZDF zeigt das vielfach preisgekrönte Drama nun passenderweise zum Auftakt der "kleinen Fernsehspiel"-Reihe "Young Europeans".
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Ana (Marija Skaricic) ist jung und schön, manchmal auch lebenslustig. Vor allem wirkt die Frau, die den Krieg auf dem Balkan als Kind hautnah miterlebte, aber geheimnisvoll. "Meine Oma erzählt, ich habe mir immer die Toten angeschaut", sagt sie. "Es war Scheiße!" Obwohl sie gerade einmal Anfang 20 ist, hat Ana große Angst vor dem Tod. Aus gutem Grund, wie sich bald herausstellen wird.
Die 50-jährige Ruza (Mirjana Karanovic) kann so schnell nichts einschüchtern. Die resolute Chefin einer Zürcher Betriebskantine hat allerdings auch an nichts Freude. Vor 25 Jahren kam sie aus Belgrad in die Schweiz. Damals war sie noch sorglos und optimistisch. Die harte Arbeit hat auch sie hart gemacht. Doch nun tritt Bosnierin Ana in ihr Leben, bringt frischen Wind in den Betrieb und schafft es mit ihrer Freundschaft, die kalte Ruza aufzutauen.
Regisseurin und Drehbuchautorin Andrea Staka gewann mit "Das Fräulein" unter anderem den "Goldenen Leoparden" von Locarno sowie den Schweizer Filmpreis. Die 35-Jährige lässt in ihrem melancholischen, düsteren und ruhig inszenierten Drama vor allem die Bilder sprechen. Die Schweizerin, die sich schon während der Schulzeit für Fotografie interessierte, findet stets die passenden Motive, um im Zuschauer Stimmungen und Emotionen auszulösen oder Personen zu charakterisieren - wie etwa die strenge und geschäftige Ruza, die direkt nach dem Aufstehen ihr lockiges Haar bändigt und noch morgens den Abdruck ihrer Armbanduhr auf der Haut hat.
Neben dem modernen Stil der Filmemacherin sind es vor allem die beiden Hauptdarstellerinnen, die "Das Fräulein" zu einem bewegenden und faszinierenden Fernseherlebnis über Entwurzelung und Sehnsucht machen: Die 31-jährige Kroatin Marija Skaricic wurde 2006 auf dem Filmfestival von Sarajevo mit dem Preis für die beste Schauspielerin ausgezeichnet. Die 51-jährige Serbin Mirjana Karanovic war 2006 für das Drama "Esmas Geheimnis - Grbavica" (Goldener Bär) für den Europäischen Filmpreis nominiert.
Ute Nardenbach
Zwischen Ruza (Mirjana Karanovic, links), die ihre Heimat Serbien vor vielen Jahren verlassen hat, und der jungen Bosnierin Ana (Marija Skaricic) entwickelt sich eine zarte Freundschaft, die bald vom Schicksal auf die Probe gestellt wird. (ZDF / Björn Allemann)
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