(tsch) Nicht nur Hauptdarstellerin Esther Zimmering findet, es war höchste Zeit für einen Spielfilm, der danach fragt, "wie die jungen Leute in den neuen Bundesländern nach der Wende so klarkommen". Höchste Zeit für einen Film wie "Kleine Schwester" (2004). Bei starker Konkurrenz, recht überraschend, jedoch völlig zu Recht hat Christian Granderath 2004 beim Filmfest in München für den von Sabine Derflinger inszenierten ZDF-Film den Produzentenpreis eingeheimst. Vielleicht, weil es gelungen ist, gleich dreierlei Ansprüche unter einen Hut zu bringen und dabei authentisch zu bleiben: "Kleine Schwester", nun noch einmal bei ARTE zu sehen, ist ein intensives Psycho-Drama zwischen zwei ungleichen Schwestern, ein spannender Kriminalfilm um Schleuserbanden an der sächsisch-tschechischen Grenze und der einfühlsame Versuch, die Bedeutung des Wortes "Heimat" zu definieren.
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Der Film, der 2005 auch für den Grimme-Preis nominiert war, beginnt mit einer grobkörnigen Einstellung, die den Blick durch ein Nachtsichtgerät simuliert. So wird der Zuschauer von Anfang an auf einen dokumentarischen Anspruch eingestimmt. Natürlich ist alles, was folgt, reine Fiktion, doch offensichtlich wurde genau recherchiert. Sabine Derflinger, die als Dokumentarfilmerin einen guten Namen hat, und ihr Team haben sich mit dem Alltag - gedreht wurde in Pirna bei Dresden -, den Befindlichkeiten und den sozialen Hintergründen in der sächsischen Provinz vertraut gemacht. Ausländerfeindlichkeit, Arbeitslosigkeit, die Skinhead-Szene, Schleuserbanden, Ost-West-Vorbehalte, aber auch Bescheidenheit und die Geborgenheit der Idylle werden im Hintergrund eines packenden Schwesterndramas thematisiert.
Erzählt wird die Geschichte von Romy (Esther Zimmering), ein emotionales, zerbrechliches, nur fast erwachsenes Mädchen, das, so die Darstellerin, "den Absprung irgendwie nicht geschafft hat". Sie ist zu Hause in einem Kaff im Nirgendwo des sächsischen Grenzlandes hängen geblieben.
Der Job mies, der Vater ein ausländerfeindlich gesinnter Kleingärtner, der Freund ein brutaler Neo-Nazi. Als ihre Halbschwester Kathrin (Maria Simon), das genaue Gegenteil von Romy, nämlich eine starke, selbstbewusste, erfolgreiche BGS-Beamtin, mit ihrem Lebensgefährten und Vorgesetzten (Benno Fürmann) nach Jahren im Westen in den Heimatort zurückkehrt, treffen zwei Frauen mit völlig unterschiedlichen Emotionalitäten und Lebensauffassungen aufeinander, aber auch zwei Menschen, die durch ein unsichtbares Band aneinander gefesselt sind.
Gut und Böse, Heldin und Anti-Heldin, alles verschwimmt, der Zuschauer wird mit seinen Gefühlen hin- und hergeschickt. Aber Romy, getrieben von der tiefen Sehnsucht nach familiärer Geborgenheit und nach Liebe, verstrickt sich auf ihrer Suche. Der Grat zwischen Sehnsucht und Eifersucht ist schmal, am Ende ist das Drama unausweichlich. Dass man beim BGS ganz andere Sorgen hat und eine Bande von Menschenschmugglern dingfest machen will, ist eine andere Geschichte ...
Eigentlich müsste man mäkeln, dass hier ein bisschen zu viel Anspruch in einen nicht sonderlich großzügig budgetierten Fernsehfilm gepackt wurde. Doch wo ist der Ansatz für derlei Kritik? Die Story bleibt trotz verschiedener Ebenen packend und straff, die Inzenierung ist authentisch, die Figuren sind kraftvoll realistisch, und das Hauptdarsteller-Dreigestirn Simon, Zimmering, Fürmann agiert, als gelte es zu beweisen, wie gut es um den deutschen Schauspielernachwuchs bestellt ist. Esther Zimmering, am Mittwoch, 20.08., 20.15 Uhr, Hauptdarstellerin im ARD-Messie-Film "Morgen räum ich auf", die sich eigens den sächsischen Dialekt antrainierte, schreibt das zum Großteil der Regisseurin zu. "Sabine befasst sich sehr intensiv mit den Schauspielern, sie nimmt sich Zeit für sie, was großes Vertrauen schafft. Und wenn man Vertrauen hat, wagt man mitunter auch, eigene Grenzen zu überschreiten, Situationen zu spielen, die man sich vorher nicht vorstellen konnte."
Frank Rauscher
Die unterschiedlichen Halbschwestern: Romy, die sensible Rebellin (links, Esther Zimmering) und Kathrin, taffe Beamtin beim Bundesgrenzschutz (Maria Simon). (ZDF / Katrin Knoke)
Kathrin (Maria Simon, links) im Garten ihres Vaters (Michael Gwisdek, zweiter von links) mit ihrer Halbschwester Romy (Esther Zimmering) und deren Freund Schnaubi (André Szymanski). Kathrin ist schockiert von deren rechtsradikalen Äußerungen. (ZDF / Katrin Knoke)
So gut sollte sich Ulf (Benno Fürmann) nicht mit Romy (Esther Zimmering), der kleinen Schwester seiner Freundin, verstehen ... (ZDF / Katrin Knoke)
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