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Morgen räum ich auf

Morgen räum ich auf

(tsch) Jeder hat so einen im Bekannten- oder gar Freundeskreis: einen, der es nicht hinkriegt mit der Ordnung, der in seinem ungeordneten Haushalt beinahe umzukommen scheint. Aber so recht einzuordnen wusste man dieses Phänomen doch erst, als der neudeutsche Begriff des "Messies" aufkam und lebenshilfemäßig Schlagzeilen machte. Das war greifbar in all seinem Ausmaß, seiner Bedrohlichkeit. Klar wurde aber auch: So einer ist kein Einzelfall. Und: So einer hat seine Gründe. Die Autorin und Regisseurin Martina Elbert machte aus diesem Stoff einen tragikomischen Fernsehfilm, ein Mutter-Tochter-Stück, das sich als Zweikampf zwischen den Generationen sanft am Abgrund des Wahnsinns entlang bewegt. Dabei wird viel Wissenswertes über das Wesen der Messies transportiert. Zum Ausgleich für den geneigten Zuschauer tritt die Autorin dann aber doch die forcierte Flucht nach vorne, in die Komödie an. Mithin stolpert sich "Morgen räum ich auf" einem herzlich begrüßten Beinahe-Happy-End entgegen.

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Zuletzt sorgte der Dokumentarfilm "Sieben Mulden und eine Leiche" des Schweizers Thomas Hämmerli für viel Aufsehen. Den Film, in dem der Autor die Aufräumarbeiten in der Wohnung seiner toten Mutter zeigt, wurde als "herzerfrischend pietätlos", "erschreckend heiter" und "beklemmend unterhaltsam" begrüßt. Hämmerli und sein Bruder mussten entdecken, dass ihre Mutter ein Messie war und in einer wahnwitzigen Müllhalde lebte.

Mit derart grellem schwarzen Humor hält der Spielfilm von Martina Ebert nicht mit. Aber etwas mehr Grausen hätte schon sein dürfen als hier. Alles kommt ein wenig schwer in die Gänge, alles wird von Beginn an mit zahlreichen Zutaten und Einfällen bereichert. Muss es wirklich sein, dass das neugeborene Baby der Nachbarin die folgende Messie-Halbkatastrophe auslöst? Muss es sein, dass ausgerechnet der Mann der schlampigen Heldin sich als Vater des Babys zu erkennen gibt? Ach ja, der immer währende männliche Seitensprung ist halt doch ein Dauerthema des frauenaffinen Fernsehfilms.

Ausgerechnet am Geburtstag ihres Mannes wird Ellen (Esther Zimmering) mit dessen folgenschwerer Affäre mit der Nachbarin konfrontiert. Statt nun diesen aus dem Haus zu werfen, packt sie ihre zwölfjährige Tochter und die Siebensachen, um überstürzt in eine andere Wohnung zu ziehen. Viel zu viel nimmt sie mit, um dem Schoflen nur ja nichts mehr zu hinterlassen.

Doch die Krise löst Leere und Ratlosigkeit in Ellen aus. So groß ist der Energieverlust, dass sie in der neuen Wohnung nicht mal ihre Kisten auspacken kann, stattdessen kauft sie einfach immer noch Neues hinzu. Nicht zuletzt bleibt natürlich auch die Küche kalt - es wird einfach der Pizzabote bestellt. An ein Bad in der Wanne ist nicht mehr zu denken, da es längst als Bettstelle dient.

Esther Zimmering spielt diese Ellen so rührend kraftlos wie verträumt - eine Romantikerin, die in die Fänge des Schicksals und der eigenen Veranlagungen ("die Gene!") geraten ist. Hier sitzt sie - und kann nicht anders, macht falsche Versprechungen, wie die titelgebende ("Morgen räume ich auf!"), gerät unter den Zwang, andere und sich selbst zu belügen.

Irgendwann, klar, hält das Ellens Tochter Nina nicht mehr aus, ergreift die Flucht ins Zelt und unter die Brücke. Als sie von der Polizei aufgegriffen wird, weil sie der Schule ferngeblieben ist und das Jugendamt nach Hause kommt, kriegt die Sache Drive: Ellen und ihre Tochter täuschen nun in der adretten Wohnung der Nachbarin, wo Nina die Katze hütet, die Sauberfrauen vor. Hier darf sich die graue Tragik endlich zur Slapstick-Komödie wandeln. Die Kisten, alles Unbrauchbare, endlich dürfen sie fliegen.

Genau genommen ist "Morgen räum ich auf" gar kein Messie- sondern ein Mutter-Tochter-Film. Wie sie aneinander klammern, einander zu helfen versuchen, aber doch nie wirklich offen reden können, das wird subkutan gezeigt und hat nicht zuletzt dank der schauspielerischen Leistungen seine Klasse. Dass Ellens Tochter Nina aus arbeitsrechtlichen Gründen (begrenzte Tagesstunden für Jugendliche) von Zwillingen gespielt wird (Gina und Sandy Holzapfel) ist rührend und natürlich furchtbar nett. Das doppelte Ninchen arbeitet sich im Verlauf des Films so richtig glaubhaft in die Ein-Personen-Rolle rein. Viel Amüsantes und Berichtenswertes also hinter den Kulissen, vor der Kamera aber etwas viel Ideen-Ballast. "Iss Wurscht", heißt die Bude, an der sich Ellen und Nina mangels Eigenem immer laben. Man schließt sich dem heiteren Motto gerne an.

Die Messie-Toleranz wächst mit Fortdauer des Films merklich an. Das Messie-Verständnis auch. Man schaut jetzt, wenn das Wort fällt, nicht mehr gar so verschreckt oder verständnislos drein. Dahinter steckt ein richtiger Mensch. Auch der Schweizer Hämmerli wusste das, als er am Ende die Wohnung seiner Mutter räumte.

Wilfried Geldner


Noch scheint die Welt von Ellen (Esther Zimmering, links), ihrer Tochter Nina (Gina Holzapfel) und ihrem Mann Bernd (Thomas Limpinsel) in Ordnung zu sein: Gemeinsam feiern sie Bernds Geburtstag mit einem Kuchen, den die Tochter extra für ihn gebacken hat.
Noch scheint die Welt von Ellen (Esther Zimmering, links), ihrer Tochter Nina (Gina Holzapfel) und ihrem Mann Bernd (Thomas Limpinsel) in Ordnung zu sein: Gemeinsam feiern sie Bernds Geburtstag mit einem Kuchen, den die Tochter extra für ihn gebacken hat. (BR / Bella Halben)

Der eigentlich perfektionistischen Ellen (Esther Zimmering) gleitet ihr Leben immer mehr aus den Händen. Während sich ausgerechnet ihr Bruder, ihr Vater und dessen Lebensgefährtin bemühen, Ordnung in die neue Wohnung zu bringen, liegt sie selbst apathisch auf Bergen von Wäsche in der Badewanne.
Der eigentlich perfektionistischen Ellen (Esther Zimmering) gleitet ihr Leben immer mehr aus den Händen. Während sich ausgerechnet ihr Bruder, ihr Vater und dessen Lebensgefährtin bemühen, Ordnung in die neue Wohnung zu bringen, liegt sie selbst apathisch auf Bergen von Wäsche in der Badewanne. (BR / Bella Halben)

Eigentlich ist Ellens (Esther Zimmering) neue Wohnung schon vermüllt genug mit all den Kartons, Kisten und Säcken, die noch vom Umzug her unausgepackt überall herumstehen. Trotzdem kann sie der Versuchung nicht widerstehen, sich aus einem privaten Container einige Sachen mitzunehmen.
Eigentlich ist Ellens (Esther Zimmering) neue Wohnung schon vermüllt genug mit all den Kartons, Kisten und Säcken, die noch vom Umzug her unausgepackt überall herumstehen. Trotzdem kann sie der Versuchung nicht widerstehen, sich aus einem privaten Container einige Sachen mitzunehmen. (BR / Bella Halben)

Datum: 20.08.2008

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Artikel ID 204070

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