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Nanny Diaries

Nanny Diaries

(tsch) Das Leben kann schon ein ganz schön schweres Stück Arbeit sein. Vor allem für die Menschen, die es eigentlich leicht haben müssten. Die Reichen und Sorglosen, wie die High Society der Upper East Side. Dorthin verschlägt es eine College-Absolventin aus New Jersey. Annie Braddock hat Anthropologie und Wirtschaft studiert und wollte sich eigentlich einen Job in der New Yorker Finanzwelt suchen. Wären da nicht ihre Identitätskrise und das ohnehin größere Interesse an Menschen denn an Zahlen. Also heuert sie bei einer schwerreichen Familie an. Als Kindermädchen und für die anthropologische Feldstudie "Nanny Diaries".

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Scarlett Johansson spielt - eigentlich gegen den Strich besetzt und seltsam unterfordert - in der US-Produktion die leicht naive junge Frau, die durch ein Missverständnis und den Dienstboteneingang Zutritt zu New Yorks besserer Gesellschaft bekommt: Mrs. X (bedrückend: Laura Linney) bietet ihr den Job als Kindermädchen ihres Sohnes Grayer (Nicholas Reese Art) an. Als arme Anthropologin aus der Provinz ist das eine einmalige Gelegenheit, die Schönen und Reichen aus der Nähe zu beobachten.

Was sie dort sieht, ist erschreckend. Das Kind ist eine Trophäe, eine Art Luxusgut, das man einfach haben muss. Mrs. X - die echten Namen sollen nicht preisgegeben werden - kümmert sich lieber um Benefizveranstaltungen für Kinder in Afrika als um ihr eigenes. Und ihr Gatte Mr. X (Paul Giamatti) kümmert sich lieber um das Geschäft, als um seine Familie. Der fünfjährige Sohn dient als Vorzeigeobjekt, soll Französisch lernen, intellektuell gefördert werden, auf keinen Fall Metro fahren, Peanut-Butter essen oder sonst irgendwie Spaß haben. Und Elternliebe ist auch nur eine Legende.

Selbstfindung und Feldforschung - Annie wird zu einer modernen Mary Poppins, die als Zitat von Shari Springer Berman und Robert Pulcini immer wieder eingeflochten wird. Die beiden Regisseure, für ihre liebenswerte Groteske "American Splendor" Oscar-nominiert, können sich allerdings nicht entscheiden, wie sie die "Nanny Diaries" lesen wollen. Als Sozialkritik in Form einer teilnehmenden Beobachtung, als romantische Komödie, als Sirksches Melodram über die Einsamkeit einer Frau in besserer Gesellschaft. Von allem ein bisschen und am Ende geht's doch den Weg des geringsten Widerstandes entlang. Unterwegs verpuffen nette Regie-Einfälle wie die museale Anordnung der Bevölkerung Manhattans oder die absurde Selbsthilfegruppe von Nanny-gequälten Müttern.

Dass eine Menge Klischees bemüht werden, mag daran liegen, dass das Leben eine Menge Klischees bereithält. Die "Nanny Diaries" basieren schließlich auf Buch gewordenen Erfahrungsberichten der echten Kindermädchen Emma McLaughlin und Nicola Kraus, die sich als Studentinnen um den Nachwuchs der versnobten High Society kümmerten. Aber hier müssen diese Klischees als Gerüst den ganzen Film tragen, und das ist nicht nur übertrieben, sondern auch unglaubwürdig. Die Figuren bleiben schlecht ausgemalte Schablonen: die vernachlässigte, reiche Ehefrau, der vom Geschäftsleben gestresste Vater, der kleine Sohn, der sich einfach nur nach ein wenig Liebe sehnt. Noch schlimmer ist nur der reiche "Havard Hottie" (Chris Evans), in den sich das Kindermädchen verliebt.

Die Sozial- und Konsumkritik, die Abrechnung mit der Absurdität der sinnentleerten Existenzen von Müttern, die ihre Kinder als Accessoire behandeln, sind Ansätze, die nur kurz aufblitzen. "Nanny Diaries" ist dann doch vor allem eine schnell durchschaubare New Yorker Selbstfindungsromanze, der Bissigkeit, überraschende Momente und die tragische Konsequenz fehlen, die eigentlich logisch wäre. Die Abrechnung mit der Lebensleere von Annies Feldforschungsobjekten verpufft in der Selbstzentriertheit der "Nanny Diaries". Der Film dreht sich gewissermaßen um sich selbst, ihm fehlt die kritische Distanz, die ein Feldforscher zu seinen Untersuchungsobjekten haben muss, um gesicherte, unverfälschte Erkenntnisse zu gewinnen.

Andreas Fischer

Credits:
V:Central, USA 2006, R: Shari Springer Berman, Robert Pulcini, D: Laura Linney, Scarlett Johansson, Alicia Keys u.a.

Laufzeit: 106 Min.

Kinostart:
14. August 2008


Ein Kindermädchen muss sich in der High Society von Manhattan durchschlagen.
Ein Kindermädchen muss sich in der High Society von Manhattan durchschlagen. (Central Film Verleih GmbH)

Annie (Scarlett Johansson) und Grayer (Nicholas Reese Art) sind nicht in Party-Laune.
Annie (Scarlett Johansson) und Grayer (Nicholas Reese Art) sind nicht in Party-Laune. (Central Film Verleih GmbH)

Annie Braddock (Scarlett Johansson) freut sich auf ihren Job als Kindermädchen.
Annie Braddock (Scarlett Johansson) freut sich auf ihren Job als Kindermädchen. (Central Film Verleih GmbH)

Datum: 10.08.2008

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Diskussion: "Nanny Diaries"

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