(tsch) "Geh in die Fremde. Vergiss deine Angst. Geh ganz nah dran. Verliebe dich. Tauch ein. Bis die Grenzen verschwimmen, weit hinter dir." In dicken Buchstaben beschreiben diese Worte die Geschichte von "Dr. Alemán". Tom Schreibers Abenteuergeschichte von der Gier nach einem anderen Leben, von der Lust am Risiko ist aber nicht so reißerisch wie dieser Slogan. Mit August Diehl in der Hauptrolle und zahlreichen brillanten Nebendarstellern erzählt das mit dem Deutschen Drehbuchpreis 2006 ausgezeichnete Drama von einer viel größeren, schrecklichen Erkenntnis.
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26 Jahre ist Marc, hat Medizin studiert und will noch nicht ins Berufsleben eintauchen, nicht im Luxus der Rente entgegenoperieren. Jene Langeweile beschrieben bereits zwei andere Filme in den vergangenen Monaten. Zum einen rutschte James McAvoy in "Der letzte König von Schottland" als junger Mediziner in die Fänge Idi Amins. Bei Sean Penns "Into The Wild" lehnt Emile Hirsch Zivilisation und Karriere ab, wandert durch die Fremde Nordamerikas und Alaskas, um das wahre Leben zu spüren. Sein Abenteuer endet tödlich.
Schreiber schickt Diehl durch die Hitze der Stadt, im Vorbeigehen erlebt er das Elend in angenehmen Farben. Ganz nah dabei sind die Zuschauer, wenn der junge Arzt im Praktikum sofort zum Herr über Leben und Tod gemacht wird. Freilich, nachdem er mit "Heil Hitler" begrüßt wurde.
Trotz solcher Avancen spürt der Zuschauer sofort die Authentizität, die Greifbarkeit jeder Szene. Selbst fürs Publikum wird die erste entfernte Kugel zum Erlebnis, bei dem man automatisch den Atem anhält. Oliver Keidels Drehbuch erklärt den Einfluss der Unterbringung, die Vor- und Nachteile des Familienanschlusses in einem fremden Land mit anderer Mentalität, gleichtzeitig macht er klar, weshalb Drogenkonsum unausweichlich wird.
Schreiber bekam Briefe von einem Freund, der sein Praktikumsjahr in Cali in Kolumbien absolvierte. Aus seinen begeisterten Erzählungen entwickelten sich undurchsichtige Aneinanderreihungen von Erlebtem. Diese Briefe wurden die Grundlage für den Film, der in erster Linie die verschobene Wahrnehmung eines Menschen beim Eintauchen in eine neue Welt bebildert. Die romantische Sicht soll entlarvt werden. Leider ist jeder Grund zur Freude in Wahrheit keiner. Dabei glaubt August Diehls Marc endlich an echte Gefühle.
Am Kiosk von Wanda (Marleyda Soto) erlebt er Akzeptanz, versteht sich mit den Dealern, die dort verkehren, ist beeindruckt von Wanda, die sich nichts gefallen lässt, sich um Straßenkinder kümmert.
Der Platz scheint die Gegensätze zu egalisieren. Was bleibt, sind die Streitgespräche mit den anderen Ärzten über Oben und Unten, die Kontraste dieser Stadt. Dabei beobachtet Schreiber fein, lässt seine Figuren nachvollziehbare Schritte machen.
Schwierig wird die Situation, wenn der smarte, junge Kopf der Drogenbande, El Juez (Victor Villegas), Kontakt mit Dr. Alemán aufnimmt, ihn auf seiner Seite haben will.
Kaum beginnt man an etwaige Klischees zu denken, verringert der Regisseur die Geschwindigkeit, nimmt die Kurve anders als erwartet. So stehen da immer Menschen, die hilflos und unfähig ein Schicksal erleben, das tatsächlich so hart ist, dass einem nicht mal die Tränen kommen.
Durch den fulminanten Schluss erklärt "Dr. Alemán" das wirklich Schlimme: All das, was anschwoll und zu einem furchtbaren Ende führte, ist nur eine Fußnote in diesem großen gefährlichen Land. Einem Land, das man kennen muss, einem Land, das sicher nicht deinen Regeln folgt. Wie die meisten anderen Länder auch. - Und dann kommt die Erkenntnis: Wir sind eben nicht das Maß aller Dinge, sondern nichtig und klein.
Claudia Nitsche
Credits: V:Zorro Film, D 2008, R: Tom Schreiber, D: August Diehl, Andrés Parra, Marleyda Soto u.a.
Laufzeit: 106 Min.
Kinostart: 14. August 2008
Ein hochmotivierter, aber auch naiver angehender Arzt wird mit der Härte des kolumbianischen Drogen-Millieus konfrontiert. (Zorro Film)
Für Medizin-Student Marc (August Diehl) wird es ein hartes Jahr als Praktikant in Kolumbien. (Zorro Film)
Die Kioskbesitzerin Wanda (Marleyda Soto) findet den deutschen Arzt sehr attraktiv. (Zorro Film)
Datum: 10.08.2008
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