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Ich habe den englischen König bedient

Ich habe den englischen König bedient

(tsch/cg) Und wieder ein Film, der die ewige Gretchenfrage um die Kompatibilität der Holocaust-Thematik mit dem Genre der Komödie aufleben lässt: "Ich habe den englischen König bedient" ist ein äußerst seltsames und sehenswürdiges Stück Kino. Die im Stil der Chaplin-Filme und mit filmischen Mitteln des frühen Tonfilms inszenierte Komödie des tschechischen Regisseurs Jirí Menzel (1968 Oscarpreisträger für „Liebe nach Fahrplan“) ist eine pikareske historische Rückschau in die tragikomische Nationalgeschichte Tschechiens.

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"Ich habe den englischen König bedient" ist Menzels erste abendfüllende Regiearbeit seit beinahe 15 Jahren, mit der er gleich für den Auslandsoscar nominiert war. Dort ging seine Adaption des gleichnamigen Bohumil-Hrabal-Romans jedoch ebenso leer aus wie im Rennen um den Goldenen Bären bei der letztjährigen Berlinale. Was insofern bedauerlich ist, als Menzels kunstfertigem, unaufdringlichem Kleinod der öffentlichkeitswirksame Schub einer namhaften Auszeichnung zu wünschen gewesen wäre.

Menzel rekonstruiert das tschechische 20. Jahrhundert aus der Perspektive des gewitzten Glücksritters Jan Díte (Oldrich Kaiser), der nach 15 Jahren Zuchthaus eine genügsame, asketische Existenz im Niemandsland des tschechoslowakischen Grenzgebiets beginnt. Nach dem Krieg war der klein gewachsene Mann mit stets großen Ambitionen über die Briefmarkensammlung eines deportierten Juden zu einem gewaltigen Vermögen gekommen. 15 Millionen waren übrig, als das Land dem kommunistischen Vorbild der Sowjetunion folgte - für den plötzlichen Klassenfeind gleichbedeutend mit einem Jahr Haft pro Million. Geläutert und mit sich im Reinen blickt der alte Mann nun auf sein turbulentes Leben zurück, das Menzel im Rückgriff auf die filmischen Mittel des Stumm- und frühen Tonfilms inszeniert.

Wortkarg und chaplinesk stolpert der junge Jan Díte (Ivan Barnev) von Zufall zu Zufall die Karriereleiter herauf. Er beginnt als Würstchenverkäufer am Prager Bahnhof, rutscht über die Gastranomie ins Hotelgewerbe und bedient bald die unfassbar reichen Industriemagnaten und Industriellen des Landes. Vor allem in amouröser Hinsicht weiß der unscheinbare, aber fantasievolle und aufgeweckte Schelm, stets seinen Teil des Kuchens zu sichern. Und so findet sich der Günstling der Superreichen im Dunstkreis derer, zu denen er selbst irgendwann gehören möchte.

Mit filmischem Realismus hat die pikareske Geschichtsstunde nicht viel gemein. Menzel protokolliert nicht, er choreografiert seine historische Rückschau als Mischform aus rauschendem Gelage und prunkvoller Revue. Er blickt auf Dekadenz und Gräuel nicht als Chronist und Richter, sondern er rekonstruiert sie als ausschweifende, tragikomische Groteske. Auch als der bunte Rausch vorüber ist und die Nazis in Prag einmarschieren, hat Menzel den Schneid und die Fertigkeit, den grotesken Grundton beizubehalten. Nur die Kostüme und die Choreografie werden andere.

Díte verfällt der deutschen Lehrerin Líza (Julia Jentsch), einem naiven, verblendeten, aber auch rührigen Nazi-Dummchen, und wandelt sich liebesblind zum Profiteur des feindlichen Gräuelregimes. Doch Menzel richtet auch hier nicht über den Sündenfall seines traurig-komischen Helden. In der historischen Klammer, die er einfügt, wuchtet er über die schmalen Schultern des sympathischen Wichts stellvertretend die Aufarbeitung einer ganzen Nationalgeschichte. Ein Schelm, wer hier ungerührt bleibt.

Jens Szameit

Credits:
V:Farbfilm, CZ / SK 2007, R: Jirí Menzel, D: Oldrich Kaiser, Ivan Barnev, Julia Jentsch u.a.

Laufzeit: 120 Min.

Kinostart:
21. August 2008


Das virtuose Schelmenstück "Ich habe den englischen König bedient" des tschechischen Regisseurs Jirí Menzel ist ein unerwarteter Glücksfall für das europäische Autorenkino.
Das virtuose Schelmenstück "Ich habe den englischen König bedient" des tschechischen Regisseurs Jirí Menzel ist ein unerwarteter Glücksfall für das europäische Autorenkino. (Farbfilm)

Der aufgeweckte Glücksritter Jan Díte (Ivan Barnev) will irgenndwann zum exklusiven Club der Millionäre gehören.
Der aufgeweckte Glücksritter Jan Díte (Ivan Barnev) will irgenndwann zum exklusiven Club der Millionäre gehören. (Farbfilm)

Das ideologisch verblendete Nazi-Dummchen Líza (Julia Jentsch) hat Jan den Kopf verdreht.
Das ideologisch verblendete Nazi-Dummchen Líza (Julia Jentsch) hat Jan den Kopf verdreht. (Farbfilm)

Datum: 16.08.2008

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