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Christoph Bach

"Man ist, wofür man sich nicht entscheidet"

Schauspieler Christoph Bach

(tsch) Dieses Gespräch dreht sich nicht um Robert De Niro. Das ist ungewöhnlich. Denn Christoph Bach sieht der Schauspielikone nun mal ähnlich. Und Christoph Bach spielt auch immer wieder den arroganten Rebellen, sodass der Vergleich eigentlich in Ordnung geht. Mit Bach kann man aber auch andere Themen anschneiden. Tango und Fußball zum Beispiel, zwei Themen seiner aktuellen Produktionen. Wobei er weder das eine kann noch für das andere schwärmt, man darf ihn sogar am Samstag anrufen zwischen sechs und acht. Und das nicht erst, seit er in "Finnischer Tango" (Regie: Buket Alakus, Kinostart: 28.08.) ein neues Verhältnis zur Zeit gewonnen hat.

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Eine ZDF-Produktion über das Leben von Rudi Dutschke, dem Anführer der Studentenbewegung der 68-er, kostete ihn beim Dreh im Frühjahr eine Menge Kraft. Da erscheint sein Sommerfahrplan, ein Buddymovie über Fußball, beinahe wie Erholung.

Doch der Reihe nach: Jetzt kommt erst einmal "Finnischer Tango" in die Kinos. Die Rolle des Alex, der sich ein Zuhause erschwindelt und in einer betreuten Wohngruppe unterkommt, bedeutete für den 33-Jährigen erstmals eine intensive Zeit mit Behinderten vor einer Kamera. Fremd war ihm das nicht, sein Onkel arbeitet seit vielen Jahren mit Betroffenen. "Besondere Menschen" sei die korrekte Bezeichnung.

Sicherlich habe man Geduld lernen dürfen. "Man kann das nicht leugnen, dass Zeit eine andere Rolle spielt. Aber es war eine gleichermaßen großartige Erfahrung. Nele Winkler zum Beispiel, die seit zehn Jahren Theaterschauspielerin ist, präsentierte in den Drehpausen Szenen aus ihren aktuellen Stücken, mit einer Präsenz, dass man seinen Kaffee vergisst." Sagt er und stellt die Szene nach, wie er mit einem imaginären Pappbecher fasziniert ins Leere starrt. Der Enthusiasmus seiner Kollegen sei so stark gewesen, dass sie arbeiteten, bis sie vor Müdigkeit ins Bett fielen: "Man musste sie fast vor sich selbst schützen."

Die zweite interessante Erfahrung bei diesem Dreh war, dass er ein wenig Finnisch lernen durfte: "Nur eine Betonung falsch, und es verschiebt sich der ganze Zusammenhang", zeigt er sich immer noch begeistert.

Christoph Bach wirkt entspannt an diesem Sommertag in Kreuzberg, obwohl er schon wieder mitten in Dreharbeiten steckt, obwohl ihn dieses Jahr bisher ganz schön geschlaucht hat. Er bleibt uneitel, obwohl er sich längst etwas darauf einbilden könnte, dass er immer den Arsch spielt und doch sympathisch wirkt. Das versteckte Kompliment schüttelt er ab. "Man gestattet Kinofiguren mehr, erwartet weniger Moral von ihnen als von seinen Freunden. Sie sollen einem ruhig etwas zumuten. Als Zuschauer möchte man schlecht behandelt werden. Deshalb sind eben die Charaktere erlaubt, die man im normalen Leben meiden würde."

Wie er die Balance hält, kann er nicht beschreiben, aber: Er hat Vorbilder. "Leute, die ich kenne. Mir fallen einige Schlawiner, ja, Gauner ein in meinem Freundeskreis. Ein Hochstapler hat ja immer auch Entertainerqualitäten, unterhält Menschen mit seinen Anekdoten. Allerdings werden und wurden da Grenzen der Freundschaft erreicht, wenn man selbst betroffen ist. Das kann Beziehungen ein paar Monate oder Jahre auf Eis legen, sogar beenden. Aber mich umgeben auch ein paar Pappenheimer mit dem Charme des Unverbesserlichen."

Das klingt ein wenig, als wäre er selbst eine Spur biederer. Bach verneint: "Aber mit mehr Skrupel ausgestattet." Ihn durchfahre öfter der Gedanke: "Das kann ich jetzt nicht machen." Er würde also der Verkäuferin im Supermarkt die fünf Euro zurückgeben, um die sie sich verrechnet hat. "Absolut", nickt er.

Bach bezeichnet sich als faulen Menschen, der für eine neue Rolle sein "Phlegma durchbrechen" muss. Einer, der die Stunden am liebsten mit Tagedieberei verbringt, ein schönes Wort. Dabei tut er ganz unspektakuläre Dinge, Hauptsache, die Zeit geht einfach so ins Land. 2008 tut sie das nicht. "Es war ein herausforderndes Jahr bisher, was vor allem an der Dutschke-Verfilmung lag. Ich habe meine Zeit gebraucht, um den Rudi Dutschke abzustreifen. Zudem gingen die Dreharbeiten sehr nahtlos ineinander über."

Da sitzt er in seinem Caféstuhl, ganz in Schwarz gekleidet, und somit auch optisch ein vollwertiges Mitglied der Kulturmischpoke, wie er die Kreise nennt, in denen er sich bewegt. Er könnte sich auf die knochige Schulter klopfen, stattdessen aber meint er: "Drehen ist manchmal gar nicht so gut fürs Selbstbewusstsein, sondern eine Phase der großen Unsicherheit. Du bereitest dich intensiv vor, aber es ist eine Arbeit, die auch mit zehn Jahren Erfahrung schwierig bleibt. Das ist nicht so wie Radfahren. Du hast zwei, drei Chancen und dann ist eine Szene für immer auf Video gebannt."

Vor wie hinter der Kamera habe man ständig die Qual der Wahl, stehe permanent vor Entscheidungen. "Es gibt finanziell verlockende Angebote. Ich muss welche annehmen, für die ich Geld bekomme. Darum sage ich mir: Ein 'Tatort' ist Unterhaltung, hat aber manchmal sehr hohen Anspruch." Im Kino hingegen pendle er zwischen No- und Low-Budget-Produktionen.

"Man ist das, wofür man sich nicht entscheidet. Ich wurde gesucht und gefunden in einem Debütantenmilieu. In kompletter Abwesenheit von Routine versucht jemand, seine Handschrift zu hinterlassen, und ich kann mich ausprobieren." Das sei immer eine Tour de Force, aber mehr Karriere braucht er nicht. Er hat lieber ein Auge darauf, ob seine Kapazitäten erschöpft sind: "Ein Jahr mit Arbeit vollzustopfen, da wäre ich nicht gut."

Sein Soll wäre erfüllt. Gerade kommt er vom Set zu "66/67". Der Titel beziffert die Saison, in der Eintracht Braunschweig Fußballmeister wurde. Gut, dass er es sagt.

Obwohl Regisseur Carsten Ludwig Eintracht-Fan ist, sei die Produktion "alles andere als ein klassischer Fußballfan-Film. Eher ein Coming Of Age in dem Sinne, dass da etwas zu Ende geht. Ein rauer Film, der zeigt, wie Freundschaften auseinanderbrechen."

Zwar seien die jungen Männer - unter ihnen auch Maxim Mehmet - schon um die 30, aber sie kommen erst jetzt an diese Schwelle. Zu den "Sollbruchstellen", die die Frage aufwerfen, "ob man die Ideale der Jugend doch mal hinter sich lässt".

Bach selbst, der seit über zehn Jahren in Berlin lebt, war mal VfB-Fan, der Geburt wegen. Er mag Fußball, sei aber keiner, den man während der "Sportschau" nicht stören dürfe. Es gelinge ihm auch nicht, sich glaubwürdig über den Erfolg der Nationalmannschaft zu freuen. Über "wohlwollende Neutralität" komme er nicht hinaus. Auch "der selbstverständliche Umgang mit der Fahne" falle ihm schwer. "Dafür bin ich zu stark mit den Ausläufern des Punks sozialisiert", sagt er, eigentlich Schwabe, aber: "Wir hatten andere Probleme, als ein positives Deutschlandbild zu entwickeln."

Fansein kann er trotzdem nachvollziehen, er nähert sich dem Thema über die Musik, das war eher sein Ding. Und so ein bisschen Transferleistung gehört sicher zu den leichteren seiner Übungen.

Claudia Nitsche


"Finnischer Tango": Vorsichtig kuschelt sich Lotte (Mira Bartuschek) an Alex (Christoph Bach).
"Finnischer Tango": Vorsichtig kuschelt sich Lotte (Mira Bartuschek) an Alex (Christoph Bach). (Neue Visionen Filmverleih)

Sozialarbeiterin Lotte (Mira Bartuschek) ist von Alex' (Christoph Bach) Tangomusik ganz angetan.
Sozialarbeiterin Lotte (Mira Bartuschek) ist von Alex' (Christoph Bach) Tangomusik ganz angetan. (Neue Visionen Filmverleih)

In Carsten Ludwigs Drama "Detroit" (2003) begeisterte Christoph Bach zu Beginn seiner Karriere.
In Carsten Ludwigs Drama "Detroit" (2003) begeisterte Christoph Bach zu Beginn seiner Karriere. (ZDF)

Datum: 24.08.2008

Diskussion: "Christoph Bach"

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