Dschihad in der City
(tsch) Für verschiedene Dokudramen bekam der britische Autorenregisseur Peter Kosminsky bereits höchste Auszeichnungen in Großbritannien. Politische Diskurse, auf die handelnden Personen übertragen, sind sein Markenzeichen. Mit dem TV-Drama "Britz", den ARTE nun unter dem Titel "Dschihad in der City" (2007) in zwei Teilen am selben Abend sendet (21.00 und 22.45 Uhr), gab Kosminsky nicht nur sein Spielfilmdebüt, sondern wandte sich auch einem brisanten Thema zu: dem Werdegang islamistischer Terroristen mitten in Großbritannien.
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Die Handlung ist zwar rein spekulativ, doch sie vermittelt den Eindruck: So könnte der Werdegang eines gewaltorientioerten Islamisten (hier: einer Islamistin) sein. Dabei wirkt Kosminskys Film - wegen seiner Recherchenlast - zwar einigermaßen schulfunkgeprägt, doch behält er die psychologische Spannung ebenso wie einen großen Rest an Wahrscheinlichkeit.Könnte sich so der U-Bahn-Terror mitten in der Londoner City entwickelt haben? - Kosminsky zeigt die Entwicklung anhand der verschiedenen Perspektiven der Mitglieder einer pakistanischen Einwandererfamilie aus Bradford auf. Obwohl muslimisch erzogen, führen die Kinder dieser Familie ein fortschrittlich-aufgeschlossenes Leben. Erst als sie unter den neu erlassenen Anti-Terror-Gesetzen der britischen Regierung leiden müssen und sich die feindselige Haltung der Briten ihnen gegenüber verschärft, werden sie zu einer Entscheidung gedrängt über die Frage, ob sie eigentlich Briten oder Moslems sind. Beide, Bruder und Schwester, geben eine je verschiedene Antwort darauf. Zwar mag Kosminskys Drama, das Thriller-Züge trägt, äußerst modellhaft sein. In Großbritannien wurde ihm bei der Ausstrahlung durch Channel 4 sogar Anleitung zum Terrorismus vorgeworfen. Doch sind die einzelnen Charaktere glaubhaft entworfen, sie werden zudem durch die jungen Schauspieler - Riz Ahmed ("Road to Guantanamo", Silberner Bär 2006) und Manjinder Virk - beeindruckend präsentiert. Klar, dass der Entschluss des Jurastudenten Sohail (Ahmed), sich ob der islamistischen Umtriebe dem britischen Abwehrdienst MI 5 anzudienen, einigermaßen starker Tobak ist. Doch der Film geht da recht selbstverständlich zur Sache, wenn er Sohail im Geheimdienst-Präsidium durch eine Mitarbeiterin über dessen Denkweise zur eigenen Familie, die USA oder sein spezifisches Sexualverhalten ausquetschen lässt. Amerika gehe es um die Kontrolle der globalen Ölreserven, nicht um den Kampf gegen den Islam, sagt Sohail. Und: "Mein Mitbewohner ist Amerikaner, und ähnlich wie er freue ich mich auf einen neuen Präsidenten!" Das alles hält freilich den Sicherheitsdienst nicht davon ab, ihn umgehend zu verpflichten, um nach den Londoner U-Bahn-Terroristen vom 7. Juli 2005 zu fahnden. So wird er gewahr, dass Familienmitglieder und beste Freunde verdächtig sind. Besonders geraten Sohails Schwester Nasima und deren Freundin Sabia, beide Medizinstudentinnen, ins Visier. Beide nehmen regelmäßig an Demonstrationen gegen die Ausländerpolitik Großbritanniens teil. Sabia begeht schließlich Selbstmord, als ihr die Polizei jeglichen Kontakt mit ihrer Familie und ihrer Freundin verbietet. Es kommt daraufhin zur Eskalation. Man wird Kosminskys Film nicht als Eins-zu-eins-Spiegel nehmen dürfen. Doch die Charaktere seines fiktiven Spiels der Perspektiven sind immerhin so komplex, dass sie die Gewaltspirale, in die sie geraten, glaubhaft machen. Davon, ein Al-Kaida-Video inszeniert zu haben, wie er befürchtete, ist dieser Filmautor jedenfalls meilenweit entfernt.
Hans Czerny
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Sohail (Riz Ahmed) muss sich immer wieder neu die Frage stellen: Bin ich Brite oder bin ich Moslem? (ARTE F / channel 4)
Sohail (Riz Ahmed) trifft heimlich die Entscheidung, für den britischen Inlandsgeheimdienst zu arbeiten und terroristische Netzwerke aufzuspüren. (ARTE F / channel 4)
Sohail (Riz Ahmed, zweiter von links) soll in seiner Heimatstadt Bradford gegen seine muslimischen Freunde ermitteln. (ARTE F / channel 4) |
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