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Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra(tsch/vm) 2006 kam Roberto Savianos Roman „Gomorrah“ raus, der zum Bestseller wurde. Die Freude des Autors über den Erfolg seines Buches dürfte jedoch einen bitteren Beigeschmack haben angesichts der Tatsache, dass er seitdem unter ständigem Polizeischutz leben und seinen Aufenthaltsort ununterbrochen wechseln muss. Denn sein Roman, eine Art journalistische Reportage mit wenig Fiktion und viel Wahrheit, handelt von der gefährlichen Mafia-Organisation Camorra mit Hauptsitz Neapel. Nun liefert Regisseur Matteo Garrone die Bilder zum Buch, die nicht weniger brisant sind: Gedreht wurde an Originalschauplätzen und teilweise mit Bewohnern der Krisen-Stadtviertel. Nüchtern und kalt werden fünf verschiedene voneinander unabhängige Geschichten erzählt, die so realitätsnah erscheinen, dass der Mafia-Thriller fast einen dokumentarischen Charakter bekommt. „Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra“ gewann den Großen Preis der Jury in Cannes. Anzeige Ein Wirrwarr aus Treppen und Gängen - nie weiß man, was sich hinter der nächsten Ecke oder dem nächsten Pfeiler verbirgt. Wasser tropft von der Decke, das Licht ist schummrig. Die riesigen, in Segelform gebauten Wohnblöcke im sozialen Brennpunkt Scampia wirken wie aus dem Kopf eines Science Fiction-Autors entsprungen. Hier gilt nur ein Gesetz, das des Stärkeren. Die beiden Clans Scissionisti di Secondigliano und Di Lauro schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein. Es herrscht Krieg, der auch vor den Kindern und Frauen nicht haltmacht. Gerade erst 13 Jahre alt, muss sich Toto (Salvatore Abruzzese) für eine Seite entscheiden und dann die Mitglieder des anderen Clans bis zur letzten Konsequenz bekämpfen - auch wenn sie einmal seine Freunde waren. "Nur wenigen Einwohnern gelingt es, sich komplett herauszuhalten. Die Camorra beeinflusst in dieser Region das ganze Leben. Wer jedoch einmal mitmacht, kommt nur schwer wieder raus", sagt Matteo Garrone, der für die Dreharbeiten eineinhalb Monate in Scampia verbrachte. Er erzählt in seinem Film fünf voneinander unabhängige Geschichten mit eigenen Protagonisten. Thematisiert werden dabei Drogenhandel, Verschiebung von Giftmüll und die Herstellung von Designermode zu Dumpingpreisen. Die zum Teil von Laiendarstellern gespielten Personen existieren so zwar nicht, aber sie könnten es. Für Garrone sind sie wahr, weil das Prinzip dahinter wahr ist. Die aggressiven, fast degeneriert wirkenden Jugendlichen Marco (Marco Macor) und Ciro (Ciro Petrone) wollen sich von niemand Vorschriften machen lassen und in Eigenregie Drogengeschäfte abwickeln. Mit der Waffe in der Hand fühlen sie sich stark und pfuschen dabei mächtigen Mafiabossen ins Handwerk. Jedem Zuschauer ist klar, dass das für sie nicht gut ausgeht. Was ihnen fehlt, ist der Blick für die Realität. In ihren Köpfen haben sich Bilder von "Scarface" und anderen "coolen" Mafiosi festgesetzt und sie glauben fatalerweise, Teil dieser fiktionalen Welt zu sein. Und damit sind sie nicht allein. Garrone spürte die Faszination fürs Kino bei den Bewohnern vor Ort. Das war sicher mit einer der Gründe, weshalb die Dreharbeiten für den unter einem Decknamen gedrehten Film reibungslos liefen und von den Bewohnern unterstützt und neugierig verfolgt wurden. Auch die Camorra gab - ohne Schutzgeld - ihr stilles Einverständnis und machte sich nur durch die Präsenz von Beobachtern am Set bemerkbar. Glamouröse Kino-Klischee-Bilder bietet "Gomorrah" keine. Das Leben im Würgegriff des organisierten Verbrechens zwischen tristen Betonburgen, öden Feldern und veralteten Fabrikhallen ist hart, ärmlich und manchmal auch sehr kurz. Die Bilder drücken den Schrecken über das aus, was das Filmteam vorfand. Ohne eigene Musik kommt Italo-Flair nur durch die Popsongs auf, die die Figuren selbst hören. Sie stehen in krassem Gegensatz zur gelebten Brutalität. Die Camorra verbirgt sich im Film aber auch hinter Manager-Outfits. Geschäftsmann Franco (Toni Servillo) verschiebt Giftmüll im großen Stil. Versenkt werden die Fässer auf dem Land von Grundbesitzern, die nicht verstehen, was sie sich für eine Handvoll Euro einhandeln. Eine alte Frau schenkt Franco nach einer Verhandlung in einem Gutshof eine Kiste Aprikosen aus dem Garten. Wenig später weist er seinen neuen Assistenten Roberto (Carmine Paternoster) an, das vergiftete Zeug aus dem Auto zu schmeißen. Der Uniabsolvent verlässt gleich mit den Wagen, denn bei ihm regt sich noch ein Gewissen. Garrones kluger und sehenswerter Film will warnen. Warnen vor dem Würgegriff der Mafia, die einem jede Freiheit nimmt, aber auch vor den Parallelen zwischen radikalem Neoliberalismus und kriminellem Unternehmertum, wie sie sich vor allem bei der Ausbeutung der Arbeiter für die Haute Couture zeigen. Ob sich die Stars auf dem roten Teppich bewusst sind, unter welchen Bedingungen ihre Roben entstehen? Bei "Gomorrah" können sie sich im Kino ein Bild davon machen. Diemuth Schmidt |
Credits: Laufzeit: 135 Min. Kinostart:11. September 2008 |
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