(tsch) Rätselraten in den USA. Dabei ging es nicht um die Frage, ob "Flug 93" - die filmische Aufarbeitung der Ereignisse um die Maschine, die beim Terroranschlag am 11. September 2001 ihr Ziel verfehlte - historisch korrekt war. Das lässt sich ohnehin nicht feststellen. Nein, Amerika fragte sich, ob es als Land reif war für diese schonungslose Rekapitulierung eines Tages, der den Menschen ins Mark ging wie kaum ein anderer in der Geschichte. Immer wieder wurde zum Kinostart 2006 diese Frage gestellt: "Sind wir bereit für diesen Film?" Und unisono kam die gleiche Antwort: "Wir sind es."
Anzeige
Kurz vor dem Jahrestag zeigt das ZDF die filmische Aufarbeitung einer Tragödie, zur besten Sendezeit, und ergänzt sie im Anschluss durch eine Dokumentation.
Nachrichtensendungen, Talkshows, Umfragen auf den Straßen, Diskussionen unter den Kinobetreibern - die USA sprach in den Tagen des Kinostarts über nichts anderes mehr. Aber: Nur etwas über 30 Millionen Dollar Einspielergebnis waren dann doch vergleichsweise wenig. Der Grund liegt auf der Hand. Regisseur Paul Greengrass drehte kein konventionelles Katastrophenmovie, sondern wollte dem Thema auf glaubwürdigere und auch pietätvollere Weise gerecht werden.
So kommt "Flug 93" nun als eine Art unkommentierter Dokumentarfilm daher. Die wacklige Kamera, hektische Wechsel, ungewöhnliche Bildausschnitte - der Film macht es seinen Betrachtern nicht einfach. Ab und an geht die Übersicht verloren. Und doch entzieht er sich auf diese Weise den drohenden Vorwürfen, allzu spekulativ oder reißerisch zu sein.
Die ersten Minuten gehören - schon das ist ungewöhnlich - den Entführern. Die Terroristen, keineswegs klischeehaft dargestellt, bereiten sich auf ihren Einsatz vor. In der Folge zeigt Greengrass chronologisch die Ereignisse jenes Tages an Bord und am Boden. Im Mittelpunkt steht jener Flug "United 93", bei dem es den Passagieren - 44 Menschen waren an Bord - gelang, den Plan der Entführer zu vereiteln. Die Maschine erreichte ihr Ziel, vermutlich Washington D.C., nicht und stürzte zuvor in ein Waldstück in Pennsylvania.
Warum genau die Maschine zu Boden ging, das lässt der Film weitgehend offen. Wohl aber beschreibt Greengrass in Originalzeit die Bemühungen der Reisenden, die Kidnapper an ihrem Vorhaben zu hindern. Dabei beruft sich das Drehbuch vor allem auf eine Reihe von Telefonaten, die die Menschen an Bord mit ihren Angehörigen und Freunden führten. Sie alle werden im Wortlaut wiedergegeben, und es sind bewegende Momente.
Greengrass entschloss sich zudem, jedem seiner Schauspieler eine reale Figur vorzugeben, wenngleich deren Namen im Film nicht fallen. Dass "Flug 93" dabei mit keinem einzigen wirklich prominenten Darsteller besetzt ist, dürfte der Produktion zwar an den Kinokassen geschadet haben, ist aber ein wichtiger Faktor, um den Film ernst nehmen zu können. Hinzu kommt, dass die Crew am Boden zum Teil von jenen Personen gespielt wird, die damals tatsächlich involviert waren.
Seine unzweifelhaft schockierende Wirkung entfaltet das Drama jedoch durch das Wissen beim Zuschauer, dass es für die Beteiligten an Bord unvermeidlich mit dem Tod enden wird.
Schlicht "Flug 93 - Die Dokumentation" heißt der Film von Carl-Ludwig Paeschke und Uli Weidenbach, den das ZDF um 21.55 Uhr zeigt. Beide haben sich auf Spurensuche begeben, befragten Hinterbliebene und konzentrieren sich vor allem auch auf den Piloten Siad Jarrah - einen Libanesen, der in Hamburg Flugzeugbau studierte.
Kai-Oliver Derks
Thomas Burnett (Christian Clemenson, links) und Jeremy Glick (Peter Hermann) denken über eine Strategie im Kampf gegen die Terroristen nach. (ZDF / Jonathan Olley)
Die Passagiere des United Airlines Flight 93 bereiten sich vor. Sie wollen die Entführer an ihrer Tat hindern. (ZDF / Jonathan Olley)
Routinecheck vor dem Abflug: Nichts deutet zu diesem Zeitpunkt auf die bevorstehende Katastrophe hin. (ZDF / Jonathan Olley)
Datum: 09.09.2008
Facebook aktivieren
Anzeige
Konzert-DVD im Stream Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream