Unschuld
(tsch/vm) „Ein Film Noir von Andreas Morell“, heißt es in der Werbezeile. Die pessimistische Weltsicht der Charaktere, allesamt verbitterte, entfremdete und schweigsame Großstadtmenschen, die düsteren Bilder…ja, vielleicht passt diese Bezeichnung sogar. Doch im Drama „Unschuld“ dient all das keinem Zweck, keiner großen einheitlichen Story, die den Kreis der erzählten Geschichten von elf Menschen schließen könnte. Und so wirken die exzessiv eingesetzten Großaufnahmen, die wacklige Kamera, die kosmopolitische Ästhetik und das viele Schweigen im Episodenfilm verkünstelt und bleiben wirkungslos.
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Jener Busfahrer Raimo (Ronald Kukulies) scheint der Engel der einsamen Frauen zu sein. Er fährt sie nach Hause, verlässt damit seinen eigentlichen Pfad, zieht den Film hinaus in eine Märchenlandschaft, was die Frage aufwirft, ob "Unschuld" Realität oder Poesie sein will. Vermutlich Letzteres. Denn der Mann an der Bar schweigt, eine Frau lacht laut, sagt im Anschluss "Ich bin immer so." Mehr Abrisse denn Charaktere.
Rauch steigt auf, eine gewichtige Zeitlupe setzt Akzente. Geräusche verschlingen Worte. Dann kommentarlos dieser gefühllose Sex. So sind sie, die Großstadtmärchen. Ansonsten herrscht Schweigen. Diesem widmet sich das Drehbuch von Kai Hafemeister ausgiebig, aber wenig ergiebig.
Elf Charaktere beschreibt Regisseur Morell, einsame, verschlossene Menschen, die hin und wieder ihr Schutzschild öffnen, Emotionen zulassen. Dann driften sie wieder auseinander. Manchmal, so Morell, werden sie dabei verletzt, manchmal müssen sie sterben.
Mit dieser Herangehensweise hält der viel fürs Fernsehen arbeitende Regisseur den Zuschauer auf Distanz. So mag der Busfahrer und seine Passion für eine seiner Begegnungen als anrührendes Märchen über bedingungslose Liebe gedacht sein, doch die Verkünstelung limitiert den Raum für Emotionen.
So tragisch die zum Teil ineinandergreifenden Geschichten sind, ihre Wirkung verpufft. "Unschuld", eigentlich ein Drama über Schuld, hetzt weiter zur nächsten Katastrophe. Nach und nach verlieren die Storys ihre Verkleidung, es handelt sich nicht um Liebe, sondern viel mehr um Obsessionen. Jeder braucht nur in diesem Moment etwas, um sich daran festzuhalten.
Vielleicht ist es Zufall, oder aufgrund des Alters nur verständlich, dass die Geschichten der beiden Teenager die nachvollziehbarsten sind. Matte (Jacob Matschenz) und die Türkin Derya (Aylin Tezel) sind die Einzigen, die selbstbewusst agieren. Zudem ist es ihnen erlaubt, zu lernen. Vielleicht auch zu benutzen, Erfahrungen zu machen, die grotesk sind, und unvergesslich. Ein jugendlicher Draufgänger (Jacob Matschenz) darf eine bildhübsche Polizistin (Nadeshda Brennicke) anhimmeln, ihr so geschickt schmeicheln, dass sie sich tatsächlich in seinem Kinderzimmer wiederfinden.
Oder Derya, die als Groupie ihren Rockstar so lange bedrängt und verwirrt, bis sich der Spieß umdreht und er sie festhalten möchte.
Ein wenig aufgesetzt, ja beinahe überflüssig erscheint hingegen der späte Auftritt von Kai Wiesinger, dessen Name den Film verkaufen soll. Sein gestresster Politiker, für den es nur selten ein paar Stunden des Glücks gibt, steht an einem Wendepunkt und schließt den Kreis. Einen Kreis, der vom Benutzen handelt. Gekoppelt mit Sprachlosigkeit, die keine Motive offenlegt. Die Seele der Protagonisten sehen die Zuschauer nicht.
Die Erkenntnis ist eher, dass die Charaktere allesamt einen ganz schön tristen Blick auf die Welt haben. Aber das sieht zumindest gut aus.
Claudia Nitsche
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Credits: V:Novapool, D 2008, R: Andreas Morell, D: Nadeshda Brennicke, Luise Berndt, Kai Wiesinger u.a.
Laufzeit: 94 Min. Kinostart: 18. September 2008
In Berlin treffen mehrere Einzelschicksale aufeinander. (Novapool)
Die Geschichten von früher muntern Alexander (Kai Wiesinger) und Julia (Leslie Malton) auch nicht auf. (Novapool)
Matte (Jacob Matschenz) erinnert sich noch gut, wie Ex-Model Simone (Nadeshda Brennicke) vor einigen Jahren in einem Katalog abgebildet war. (Novapool) |
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