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Muxmäuschenstill

Muxmäuschenstill

(tsch) Deutschland braucht eine Erneuerung. Das steht fest, darüber muss man hier nicht diskutieren. Das tun die Politiker schon genug. Allerdings vergessen die Damen und Herren dabei bisweilen, dass dazu nicht nur Worte, sondern auch Taten notwendig sind. Irgendwann hat es Jan Henrik Stahlberg gereicht. Der Hauptdarsteller in "Muxmäuschenstill" (2004) hat zugleich das Drehbuch geschrieben (sein erstes), er ist die treibende Kraft hinter dem Projekt Weltverbesserung: "Es kann nicht angehen, dass die Leute immer mehr verdummen und sich nicht daran stören. Ich glaube, sie haben, genau wie ich, die Schnauze voll." Die gnadenlos verstörende Satire um einen Mann, der mit dem Schwachsinn in Deutschland aufräumen will und dabei brutale Wege geht, läuft nun bei ARTE.

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"Wir leben in einer Gesellschaft, die ihre Ideale verloren hat." Mux hat einmal Philosophie studiert, nun ist er Anfang 30 und sieht aus wie der smarte, nette Nachbar. Doch mit der Nettigkeit ist es nicht weit her, Mux bestraft Raser, demütigt Schwarzfahrer und Beckenpinkler und wirft Graffiti-Sprüher vor fahrende Züge. Drastisch sind seine Mittel, unfehlbar sieht sich Mux in seiner Aufgabe. Die Gesellschaft muss verbessert werden. Koste es, was es wolle.

Seine pädagogischen Zwangsmaßnahmen nimmt er zu Schulungszwecken mit einer Videokamera auf. Alle sollen etwas davon haben, sein Lehrfilm wird die Welt verändern: Deutschland, du krankes, verrottendes Land, sei dankbar. Mux ist hier, Mux sorgt sich um Dich, Mux rettet Dich. Und der ganze Abschaum, der sich Deiner bemächtigt hat, wird weggespült. Erbarmungslos. Jetzt ist Schluss mit dem Schwachsinn.

Stahlberg macht aus Mux einen Psychopathen mit faschistoiden Tendenzen, seine Law-and-Order-Mentalität, die von manchem Politiker salonfähig gemacht wird, erzeugt Würgekrämpfe. Das ist ein Kunstgriff, der sich bezahlt macht. Die Zuschauer können sich ruhigen Gewissens von der Figur distanzieren und gleichzeitig sagen: "Aber im Ansatz, da hat Mux schon Recht." Die Probleme, die Mux tabulos anspricht, sind jedem bekannt. Die Moral ist in unserer Spaßgesellschaft ein Auslaufmodell. Es gibt keine Tabus mehr, der Schwachsinn regiert und treibt immer merkwürdigere Blüten.

Kinderpornografie, die "Fick-Mich-Botschaften" bei MTV und VIVA, dumm-dreiste Vorstöße verkalkter Politiker: Es tut weh, wenn man sich genau ansieht, wohin wir zu Beginn des dritten Jahrtausends gehen. Genauso schmerzhaft ist es allerdings, Mux bei seiner Arbeit zu zusehen. Die Halsschlagadern schwellen unwillkürlich an, das Lachen über so manche Episode bleibt im Hals stecken. "Muxmäuschenstill" zu sehen, ist nicht einfach. Im pseudo-dokumentarischen Stil (gedreht wurde mit zwei DV-Kameras) hat Regisseur Marcus Mittermeier den Wahnwitz festgehalten, der uns täglich auf der Straße begegnet.

28 Tage lang zogen Team und Darsteller im Kamikaze-Stil durch Berlin und Brandenburg, nur 40.000 Euro hat der Streifen insgesamt gekostet. Lohn unter anderem: der Max-Ophüls-Preis. Eine fruchtbare Zusammenarbeit also, die für die Komödie "Short Cut to Hollywood" ausgebaut wurde. Erneut steuerte Stahlberg das Drehbuch bei und Mittermeier rutschte ein wenig, um ihm auch auf dem Regiestuhl Platz zu machen. Den fertigen Film sollen die Zuschauer voraussichtlich im Winter zu sehen bekommen.

Andreas Fischer


Wer nicht hören will, muss spüren: Mux (Jan Henrik Stahlberg) und Gerd (Fritz Roth) wollen mit dem Schwachsinn in Deutschland aufräumen und gehen dabei brutale Wege.
Wer nicht hören will, muss spüren: Mux (Jan Henrik Stahlberg) und Gerd (Fritz Roth) wollen mit dem Schwachsinn in Deutschland aufräumen und gehen dabei brutale Wege. (ARD / Degeto)

Mit Argusaugen beobachtet der Mux (Jan Henrik Stahlberg) seine Umwelt und macht unerbittlich Jagd auf alles, was nicht seinen Moralvorstellungen entspricht.
Mit Argusaugen beobachtet der Mux (Jan Henrik Stahlberg) seine Umwelt und macht unerbittlich Jagd auf alles, was nicht seinen Moralvorstellungen entspricht. (ARD / Degeto)

Mux (Jan Henrik Stahlberg, links) stellt den Arbeitslosen Gerd (Fritz Roth) ein, damit dieser seine Heldentaten auf Video festhält.
Mux (Jan Henrik Stahlberg, links) stellt den Arbeitslosen Gerd (Fritz Roth) ein, damit dieser seine Heldentaten auf Video festhält. (ARD / Degeto)

Datum: 30.09.2008

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