10 Sekunden

10 Sekunden

(tsch/vm) Nach „21 Gramm“gibt es nun „10 Sekunden“: Zwei Episodenfilme, die sich das menschliche Leid vorgenommen haben. Letzterer kommt aus Deutschland und bestätigt nun wieder, was für das deutsche Kino leider programmatisch zu sein scheint: die Unfähigkeit, Gefühle glaubwürdig zu inszenieren. Diesmal fällt es jedoch einem noch schwerer, darüber hinwegzusehen. Denn das Thema des Dramas „10 Sekunden“ ist ein wirklich tragisches: der folgenschwere Zusammenprall zweier Flugzeuge über dem Bodensee vor sechs Jahren, der 83 Menschen das Leben kostete.

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Seine besten Sekunden hat der Film am Anfang, gleich im Vorspann, als er die beiden Punkte auf dem Radar zeigt, die aufeinander zu fliegen, bis sie zusammenstoßen. Zehn Sekunden, in denen Markus (Wolfram Koch) das Unfassbare sieht und nicht reagiert. Die Schlichtheit, mit der Regisseur Nicolai Rohde diesen Moment durch bloßes Abbilden fühlen lässt, ist der emotionalste Moment seines Episodendramas.

Vom Radar schwenkt er zur Realität. Qualm, ein Waldstück, Flugzeugteile. Am Unglücksort ist der Polizist Harald (Sebastian Blomberg), der diesen Tag nicht einfach wegstecken kann. Weil dort Erik (Filip Peeters) auftaucht, ein Mann, der seine Frau und sein Kind verlor. Sie sind unter den 83 Toten.

Fortan springt das Drehbuch von Sönke Lars Neuwöhner durch eine undurchschaubare Anordnung von Zeitebenen. Es blendet in die Gefühlswelten derer, die von dem Unglück betroffen sind: Schon nach 20 Minuten entsteht das Gefühl, dass sie sich im Kreis drehen werden, dass die Kollision nur ihr gemeinsames Gelenk ist, degradiert zum Aufhänger für Befindlichkeiten.

Die Figurenwahl ist keine glückliche. Da ist die Lebenslustige (Hannah Herzsprung), die mit Erik zusammentrifft. Durch sie interessiert er sich erstmals überhaupt wieder für irgendjemanden. Blomberg spielt wenig nuanciert, seine Frau, Anna Loos, ist nur eine Fußnote. Sehr natürlich dagegen Marie Bäumer als Frau des Lotsen, die auf Änderung hofft bei ihrem Mann, der seine Schuldgefühle nicht loswird. Daneben trifft sie sich mit einem Geliebten, vielleicht um aufzutanken. Erstaunlich, wie plausibel Bäumer diesen Auftritt macht. Sie ist die einzig greifbare Figur. Andere Episoden wie die von Herzsprung und Peeters wirken zu konstruiert.

Nicolai Rohde blickt in Gesichter der Trauer, aber er achtet nur darauf, ob sie gut ausgeleuchtet und die Tränen richtig platziert sind. Man merkt diesem Film das fünfjährige Kunststudium des Regisseurs an. Doch das tut nicht gut. Dabei gelang es ihm schon einmal, die Verzweiflung und Trauer eines Mannes erahnen zu lassen: "Zwischen Nacht und Tag" hieß sein Porträt eines U-Bahnfahrers (Richy Müller), dem ein Mädchen auf die Gleise springt. Doch diesmal hat er sich zu viel auf einmal vorgenommen und versucht sich zu ausdauernd an einprägsamen Bildern.

Die allzu aufwendige Struktur lenkt ab vom Ereignis, von der Tragik. Rohde fehlt das Fingerspitzengefühl, überhaupt das Gefühl. Denn bei einem so sensiblen Thema darf es nicht nur um Kunst gehen. Wer sich einen solchen Film vornimmt, hat geradezu die Pflicht, sich in die Verzweiflung einzufühlen. Doch diese "10 Sekunden" wissen oft nicht weiter, stehen schulterzuckend vor dem Ereignis. Einer warf einen Stein. Bleibt nun wirklich nichts übrig, als die Kreise zu beobachten, die er zieht?

Claudia Nitsche

Credits:
V:Alamode Film, D 2008, R: Nicolai Rohde, D: Marie Bäumer, Hannah Herzsprung, Sebastian Blomberg u.a.

Laufzeit: 90 Min.

Kinostart:
02. Oktober 2008

Wertung
0 Sterne = unerträglich - 1 Stern = schlecht - 2 Sterne = mittelmässig - 3 Sterne = gut - 4 Sterne = überwältigend

 
"10 Sekunden" beleuchtet das Leben verschiedener Betroffener nach einem Flugzeugunglück.
"10 Sekunden" beleuchtet das Leben verschiedener Betroffener nach einem Flugzeugunglück. (Alamode Film)
Die aufgeschlossene Daniela (Hannah Herzsprung) kommt mit der Trauerarbeit von Erik nicht zurecht.
Die aufgeschlossene Daniela (Hannah Herzsprung) kommt mit der Trauerarbeit von Erik nicht zurecht. (Alamode Film)
Seit seinem Einsatz bei der Flugzeugkatastrophe plagen den Polizisten Harald Kirchschläger (Sebastian Blomberg) schwere Albträume.
Seit seinem Einsatz bei der Flugzeugkatastrophe plagen den Polizisten Harald Kirchschläger (Sebastian Blomberg) schwere Albträume. (Alamode Film)

Datum: 26.09.2008

Diskussion: "10 Sekunden"

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