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Burn After Reading - Wer verbrennt sich hier die Finger?

Burn After Reading - Wer verbrennt sich hier die Finger?

(tsch/vm) Einfache Menschen, die mehr oder weniger durch Dummheit in Situationen geraten, denen sie nicht gewachsen sind: Das könnte man als Thema der schwarzen Spionage-Komödie „Burn After Reading“ der Coen-Brüder festlegen. Wenn man denn überhaupt eins entdecken kann. Denn die Geschichte ist, wie so oft beim prominenten Regie-Duo, völlig absurd. Als Frances McDormand, die eine der Hauptrollen im Film spielt, das Drehbuch bekam, fragte sie nur: „Das ist alles?“ Ja, das ist alles. Und eigentlich ist es ganz schön viel. Zu viel eben, um als Ganzes gesehen werden zu können. Nach ihrem großen Erfolg mit dem modernen Western-Epos „No Country For Old Men“ (zwei Golden Globes und vier Oscars) entdeckten die Coen-Brüder ihre Lust am Skurrilen wieder: Sie drehten einen kleinen Film mit vielen großen Namen (etwas, was sich bekanntlich nur wenige leisten können). Doch gemessen an Meisterwerken wie „The Big Lebowski“ oder „Fargo“ wirkt die Skurrilität hier etwas spröde. Doch intelligent und witzig ist das allemal.

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Wer ein Genre bemühen will, um "Burn After Reading" zu beschreiben: Persiflage trifft's wohl am ehesten. Die Coens kennen als ausgefuchste Filmemacher natürlich alle Konventionen, und bedienen sie in gewisser Weise auch. Andererseits jedoch sind sie viel zu intelligent und viel zu gewitzt, um sich darin zu erschöpfen. Ihnen ging es immer um mehr, als um ein Produkt, das im Kino mit einer Tüte Popcorn konsumiert wird. In ihrem augenzwinkernd-gewieften Ausflug in die komplizierte Scheinwelt Washingtons wollten sie zwar vor allem "den inneren Schwachkopf" raushängen lassen. Aber Narren, als durchaus wichtige Instanzen gesellschaftlicher Kritik, hatten schon immer gewisse Freiheiten, die die Coens in der schwarzen Spionage-Komödie ausgiebig nutzen.

In Langley, Virginia, unweit der US-Hauptstadt, residiert die CIA. Dort, man kennt das aus dem Kino, ist die Intelligenz der Staaten konzentriert. Die muss funktionieren, sonst droht der Kollaps. Also wird Sachbearbeiter Osborne Cox (John Malkovich) degradiert. Er habe ein Alkoholproblem. "Sie sind Mormone", antwortet er seinem Chef. "Für sie ist jeder ein Alkoholiker." Dann schmeißt er ganz hin, fährt nach Hause und nimmt um 17 Uhr seinen ersten Drink. So wie jeden Tag. Seine Frau (Tilda Swinton), ein kaltes und berechnendes Prachtexemplar der Washington Upper Class, ist erleichtert. Auch sie kann nun guten Gewissens kündigen, und zwar die Ehe. Dann vergnügt sie sich, wie lange schon, mit ihrem Liebhaber Harry Pfarrer (George Clooney), einem einfach gestrickten Sex-Maniac im Staatsdienst.

In einem Fitnessstudio am anderen Ende der Stadt arbeiten derweil Linda Litzke (Frances McDormand) und Chad Feldheimer (Brad Pitt), zwei Prototypen des Unterschichtenamerikas. Gute Menschen, harmlose Durchschnittsbürger, nicht besonders helle. Linda, Single und über 40, will ihren Körper generalüberholen, und wundert sich, warum die miese Gesundheitsvorsorge ihres Arbeitgebers dafür nicht aufkommt. Chad liebt seine blondierten Haare, sein Fahrrad und seinen Kaugummi. Und er hilft Linda, wo er kann.

Sie finden im Umkleideraum eine CD mit CIA-Daten des gefeuerten Ozzie Cox. Heiße Ware, heißer Plan: Linda könnte endlich glücklich werden mit einem neuen Körper. Und Chad? Der freut sich auf ein Abenteuer. Also spielen sie Geheimdienst, so wie sie es aus Filmen kennen. Erpressen, tricksen, drohen und das Meiste rausholen aus der Misere anderer. Betroffen sind alle: der Ex-CIA-Mann, dessen kaltschnäuzige Frau, ihr Liebhaber. Es gibt Tote und Verzweiflung. Und irgendwann werden auch die Russen eingeschaltet. "Die Russen?" - "Die Russen!", fragt man sich beim CIA, wo die absurde Groteske heimlich und stillschweigend beobachtet wird. Der Agency bleibt allerdings nur Schulterzucken. "Was haben wir falsch gemacht?", fragt man sich dort, als die Affäre außer Kontrolle gerät.

Eigentlich nichts, alles läuft wie immer. Die Toten verschwinden heimlich, und die Strippenzieher kommen davon in diesem großen, hintersinnigen Spaß, der - voller verrückter Einfällen und Hintergedanken - süffisant und mit Verve erzählt - von der Moral zum Beispiel, die dem Land abhanden gekommen ist. Anders als in "No Country For Old Men" gönnen die Coens hier aber zumindest einer Person am Ende Befriedigung. Linda wird ihre OP bekommen. Und das ist alles, was zählt, 2008 in den USA, die sich darüber freuen können, dass die Hofnarren so lustvoll und saukomisch ihre bitteren Wahrheiten an das Publikum bringen.

Andreas Fischer

Credits:
V:Tobis, USA 2008, R: Joel & Ethan Coen, D: George Clooney, Brad Pitt, Frances McDormand u.a.

Laufzeit: 95 Min.

Kinostart:
02. Oktober 2008


"Wer braucht schon Moral?" fragen sich die Coen-Brüder in ihrer witzigen USA-Betrachtung "Burn After Reading - Wer verbrennt sich hier die Finger?"
"Wer braucht schon Moral?" fragen sich die Coen-Brüder in ihrer witzigen USA-Betrachtung "Burn After Reading - Wer verbrennt sich hier die Finger?" (Tobis)

Endlich Erpressung: Linda (Frances McDormand) und Chad (Brad Pitt) finden eine Möglichkeit, viel Geld zu "verdienen".
Endlich Erpressung: Linda (Frances McDormand) und Chad (Brad Pitt) finden eine Möglichkeit, viel Geld zu "verdienen". (Tobis)

Affären gehören zum guten Ton: Harry Pfarrer (George Clooney) und Katie Cox (Tilda Swinton) kopulieren außerhalb ihres ehelichen Rahmens.
Affären gehören zum guten Ton: Harry Pfarrer (George Clooney) und Katie Cox (Tilda Swinton) kopulieren außerhalb ihres ehelichen Rahmens. (Tobis)

Datum: 27.09.2008

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