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Dogville

Dogville

(tsch) Woher Lars von Trier seine Abneigung gegenüber der neuen Welt nimmt, weiß niemand so recht. Eigene Erfahrungen können es nicht sein, der dänische Regisseur leidet unter Flugangst und war noch nie in den USA. Trotzdem nennt er seine neue Filmtrilogie "Amerika". Sein Blick über den großen Teich ist und wird kein Vergnügen. Zum Auftakt schaute er in das Bergdörfchen "Dogville" und schickte Nicole Kidman durch eine dreistündige Filmhölle. Pünktlich zum Kinostart von "Manderlay" (10. November), dem zweiten Teil der Trilogie, zeigt ARTE Lars von Triers Suche nach dem Guten im Menschen als Erstausstrahlung.

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"Ich bin überhaupt nicht anti-amerikanisch", äußerte sich der Regisseur erst kürzlich. Sein letzter Kinostreich "Dear Wendy", für den er das Drehbuch verfasste, spricht zwar eine andere Sprache, aber von Trier beharrt darauf, dass ihm viele Äußerungen unterstellt würden. In der Causa "Dogville" mag man ihm das sogar glauben. Zwar liegt das Dorf, in dem die Menschen zu Tieren werden, laut Drehbuch in der Einöde der Rocky Mountains. Es hätte aber auch jede andere abgeschiedene Region der Welt sein Können. Graces (Nicole Kidman) Martyrium ist eine universelle Abrechnung mit der Menschheit, die sich hinter ethischen Schutzmauern verschanzt.

Die junge Frau taucht eines Tages auf der Flucht schutzlos in der Ortschaft auf, durch die der modernde Odem der moralischen Verwesung wabert. Einzig Tom Edison (Paul Bettany), ein engagierter und verbissen kämpfender Moralist, erkennt ihr Potenzial. Mit Graces Hilfe will er das Dorf in eine Art ethisches Elysium führen. Er überzeugt das Dorf von der Notwendigkeit der Hilfe und des Mitgefühls. Grace macht sich dankbar nützlich, übernimmt immer mehr ungeliebte Tätigkeiten für die Bewohner und wird so zu einer billigen und willigen Arbeitskraft.

Lars von Trier, der lustvolle und schonungslose Erkunder der menschlichen Grausamkeit - "Breaking the Waves" (1996) und "Dancer in the Dark" (2000) sind eindrucksvolle Beispiele - setzt auch hier sein Seziermesser an. Er verzichtet auf Kulissen, malt alles, was vom Wesentlichen - dem menschlichen Verhalten - ablenkt, auf den Studioboden und schickt die Bewohner Dogvilles in drei fesselnden Stunden ihrer Bestimmung entgegen. Zuvor wird Grace in gemalten Häusern erniedrigt, gedemütigt, vergewaltigt. Sie, so rechtfertigen sich die von Lauren Bacall, James Caan und Patrica Clarkson gespielten Hinterwäldler, sei selbst Schuld. Glaubt man ihnen, so wird das Böse im Menschen dadurch geweckt, dass sich andere Menschen ausliefern müssen. Die uneingeschränkte Macht, die die Bergbewohner ausüben können, ist nur eine Gegenleistung für den Schutz, den sie gewähren.

Das in der Tradition des Theaters von Berthold Brecht gefilmte Meisterwerk zeigt eine Nicole Kidman, die mit ihrer erschütternden Rolle perfekt verschmilzt. Lars von Trier wollte die Australierin auch für "Manderlay" besetzen - Terminschwierigkeiten verhinderten aber ein weiteres Engagement. Ab 10. November ist im Kino daher Bryce Dallas Howard als Grace zu sehen und wird mit Fragen des Rassismus konfrontiert. Für den abschließenden Teil der Trilogie ("Washington") plant Lars von Trier, die Grace nochmals neu zu besetzen.

Andreas Fischer


So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element: Der Teufel geht in Dogville um und hat sich Grace (Nicole Kidman) als Opfer ausgesucht.
So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element: Der Teufel geht in Dogville um und hat sich Grace (Nicole Kidman) als Opfer ausgesucht. (WDR / Zentropa Entertainments / Rolf Konow)

Tom Edison (Paul Bettany) gebärdet sich als Schutzengel, verspricht Grace (Nicole Kidman) Liebe und Geborgenheit - doch hinter der moralischen Fassade liegt ein Trümmerland aus unterdrückter Lust und triebhaftem Machtstreben.
Tom Edison (Paul Bettany) gebärdet sich als Schutzengel, verspricht Grace (Nicole Kidman) Liebe und Geborgenheit - doch hinter der moralischen Fassade liegt ein Trümmerland aus unterdrückter Lust und triebhaftem Machtstreben. (WDR / Zentropa Entertainments / Rolf Konow)

Ein Moralapostel ohne Moral: Tom Edison (Paul Bettany) ist der Schlimmste von allen und sammelt Material, das er eines Tages gegen Grace verwenden könnte.
Ein Moralapostel ohne Moral: Tom Edison (Paul Bettany) ist der Schlimmste von allen und sammelt Material, das er eines Tages gegen Grace verwenden könnte. (WDR / Zentropa Entertainments / Rolf Konow)

Datum: 05.11.2005

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Artikel ID 160551

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