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Manderlay

Manderlay

(tsch) Lars von Trier inszenierte mit "Dogville" einen Purismus im Kino, wie es ihn wohl seit Beginn der bewegten Bilder noch nicht gegeben hat. Mit Kreide malte er auf den Bühnenboden die Umrisse der Häuser, in denen Nicole Kidman als drangsalierter Engel in einer sehr künstlichen Geschichte ums Überleben kämpfte. Der dreistündige Kulturspuk war so anstrengend, das man etwas ängstlich nun "Manderlay" erwartete, den zweiten Teil der Trilogie. Doch die Bedenken sind erfreulicherweise komplett überflüssig.

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Während bei "Dogville" gestelzte Dialoge, umher staksende Darsteller und das nicht nachzuvollziehende Motiv der Hauptdarstellerin den Einstieg zusätzlich erschwerten, lädt "Manderlay", ein kleiner Ort im Alabama der 30er-Jahre fast ein, zusammen mit Grace (Bryce Dallas Howard) ein Paradigma zu erleben, das man vielleicht sein Leben lang nicht mehr vergisst. Die Kulisse wirkt offener und lebendiger, das Dorf hat ein Gesicht, und auch die Menschen dort sind alles andere als konturenlos.

Vielleicht ist der Tod eines Menschen auf einer Bühne leichter zu inszenieren als die Flucht, die den ersten Teil eröffnete. Die Plantagenbesitzerin (Lauren Bacall) entschläft, und da sie die Unterdrückerin der Schwarzen war, könnte nun der einschneidende Zeitpunkt sein, an dem die Freiheit zur Knechtschaft kommt, diese für sich selbst arbeitet und solidarisch zueinander steht. Mit Graces Hilfe.

Sie versucht Andockstation zu sein, erklärt Dinge wie Eigenverantwortung und arbeitet mit unermüdlichem Idealismus daran, den Menschen in Manderlay die Angst vor der Zukunft zu nehmen. Der Preis ist hoch für die Gangstertochter mit den hehren Absichten.

Mit erstaunlich klaren Dialogen machen die Protagonisten ihren Standpunkt klar, sei er politischer, kultureller oder rein privater Natur. Die präzisen Sätze wecken mit jedem Kapitel mehr Bilder im Kopf des Zuschauers und in diesem Fall geht die Rechnung von Triers auf: Das Grau des immer gleichen Motivs wandelt sich durch die Kraft der Worte, die Dynamik der Kommunikation wiegt die dargebotene optische Statik auf.

Das ist dem starken, durchaus aus bekannten Gesichtern von Danny Glover bis Willem Dafoe bestehenden Ensemble zu verdanken, bei dem es keine Akzentuierung von Stark und Schwach gibt. Hier prallen Gegensätze aufeinander, aus verbaler wird physische Aggression. Bryce Dallas Howard spielt unberührt vom Druck, mit der großen Nicole Kidman aus dem ersten Teil verglichen zu werden. Sie braucht ihn nicht zu scheuen, füllt mit Unschuldigkeit und Durchsetzungsvermögen das Rollenprofil bestmöglich. Wer allerdings eine keusche Heroine erwartet, wird vermutlich einige Male irritiert zu Boden schauen, denn wie immer bei Lars von Trier muss er auch sexuelle Tabus brechen.

Was an diesem Experiment, das so viel Aufregung um Worte schafft - und dadurch das Medium, das seit jeher seine Geschichte über Bilder erzählt, ad absurdum führt - noch Kino ist, mögen die Kritiker selbst beantworten. Vermutlich würde "Manderlay" auch als Hörspiel funktionieren. Aber es funktioniert. Lars von Trier inszeniert ein politisches Lehrstück, ein Konglomerat aus Ideen und Mentalitäten, das sich auf vielerlei gesellschaftliche Phänomene übertragen lässt.

Die verbreitete Meinung, dass dies als Kritik an den USA und dem Verhalten von George Bush zu verstehen sei, ist nur ein Teil der Wahrheit. Die Gedanken(spiele) passen auf viele Länder, sollen aber an dieser Stelle dem Auge des Betrachters überlassen werden. Man könnte auch lediglich sehen, wie Idealismus in die Enge getrieben wird oder welch verheerende Kraft die Unterdrückung hat. Oder feststellen, dass das Böse sich wie ein Geschwür ausweitet, Gier und Egoismus unausrottbar sind. - Alles ist möglich, wenn einen Lars von Trier intellektuell, aber ambitioniert überfüttert.

Claudia Nitsche

Credits:
V:Legend Filmverleih, D / DK / S / F / GB / NL 2005, R: Lars von Trier, D: Isaach De Bankolé, Bryce Dallas Howard, Willem Dafoe u.a.

Kinostart:
10.11.2005


Grace (Bryce Dallas Howard) möchte die Sklaven befreien.
Grace (Bryce Dallas Howard) möchte die Sklaven befreien. (Legend Filmverleih)

Grace Margaret Mulligan (Bryce Dallas Howard) und ihr Vater (Willem Dafoe) sind entsetzt über die Zustände auf der Manderlay Plantage.
Grace Margaret Mulligan (Bryce Dallas Howard) und ihr Vater (Willem Dafoe) sind entsetzt über die Zustände auf der Manderlay Plantage. (Legend Filmverleih)

Der Sklavenanführer Timothy (Isaach De Bankolé) ist skeptisch, ob sich die Zustände auf Manderlay verbessern lassen.
Der Sklavenanführer Timothy (Isaach De Bankolé) ist skeptisch, ob sich die Zustände auf Manderlay verbessern lassen. (Legend Filmverleih)

Datum: 06.11.2005

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Diskussion: "Manderlay"

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