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Die Stadt der Blinden: Literaturverfilmung von Fernando Meirelles

Die Stadt der Blinden

(tsch/cg) Mit Fernando Meirelles’„Die Stadt der Blinden“ wurden dieses Jahr die Filmfestspiele in Cannes eröffnet. Der gute Name des brasilianischen Regisseurs, der 2002 für seinen Ghettofilm „City Of God“ weltweit von Kritikern und Publikum gefeiert wurde, sorgte für hohe Erwartungen. Doch die Pressereaktionen in Cannes fielen sehr verhalten aus. In dem hochkarätig besetzten Thriller führt Meirelles in drastischen Bildern vor, wie eine zivilisierte Gesellschaft sofort aus den Fugen gerät und sich Menschen in Wilde verwandeln, sobald die Regierungsgewalt versagt: Ein spannendes Thema, das gut, aber nicht ganz überzeugend inszeniert wurde. „Die Stadt der Blinden“ kommt leider nicht an Meirelles’ frühere Werke heran.

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Das Drama beginnt in einer alltäglichen Situation auf der Straße. Ein Mann hält den Verkehr auf. Er kann nicht mehr weiterfahren, denn er hat plötzlich einen weißen Schleier vor Augen. Ein angeblich hilfsbereiter Passant kümmert sich um ihn, um sich aber dann mit dem Auto des Hilflosen davon zu machen. Ein erstes moralisches Armutszeugnis für die Menschen - und es werden noch viele kommen.

Der plötzlich und grundlos Erblindete bleibt kein Einzelfall, immer mehr Menschen verlieren ohne Vorankündigung ihr Augenlicht. Aus ihrer Perspektive erscheint die Welt nicht schwarz, sondern gleißend hell und leer. Fernando Meirelles setzt auf Weißblenden und stark überbelichtete Bilder. Dem düsteren Szenario stehen also extrem helle Bilder entgegen, die aber nichts Beruhigendes haben, sondern den Zuschauer immer wieder blenden und irritieren.

Noch ist nicht abzusehen, welches Ausmaß die Epidemie haben wird. Die Regierung kaserniert eine Gruppe "Erstinfizierter" aus Sicherheitsgründen und überlässt sie mit Essensrationen der Selbstorganisation. Eine Probe für die Menschlichkeit, die in Anarchie und Verrohung endet. Eine Person muss sich jedoch den körperlichen, hygienischen und moralischen Verfall aller mit ansehen, da sie als Einzige nicht erblindet ist: die Frau des Doktors, gespielt von Julianne Moore. Sie wollte ihren Mann (Mark Ruffalo) nicht im Stich lassen und ließ sich mit ihm einsperren. Immer darauf bedacht, nicht enttarnt zu werden, versucht sie unter psychischem Stress, den Menschen um sich herum zu helfen.

Trotz ihrer körperlichen Überlegenheit lässt sie es zu, dass eine Männer-Gruppe die Führung im Gebäude übernimmt. Der Bartender (Gael Garcia Bernal) und sein Gehilfe, der schon ein Leben lang blind ist und nun gewisse Vorteile hat, stellen die neuen Regeln auf. Sie geben das von ihnen und ihrer Gruppe beschlagnahmte Essen nur nach Gegenleistungen aus. Vergewaltigung, Erpressung und Mord gehören nun zum Alltag.

Als der Terror überhandnimmt, beginnt die Frau des Doktors mit der Gegenwehr. Bevor es aber zu einem unendlichen gegenseitigen Abschlachten kommt, entdeckt sie, dass das Gebäude schon längst nicht mehr bewacht wird. Die Welt draußen ist in ein apokalyptisches Chaos versunken und die Menschen wandeln wie Zombies durch die Straßen auf der Suche nach Essen.

Ein bisschen "Herr der Fliegen", ein bisschen Hanekes "Wolfszeit" - der Film zeigt in drastischen Bildern den Zerfall aller moralischen und menschlichen Werte. "Gut" und "Böse" verlieren ihre Bedeutung im Überlebenskampf - dennoch gibt es Momente des Mitgefühls und der menschlichen Wärme. Keine neue Geschichte, aber immer wieder beängstigend, wobei die namenlosen archetypischen Figuren keine emotionale Projektionsfläche bieten. Besonders störend erweist sich der "weise" alte Mann (Danny Glover) als Erzähler und Sprachrohr für die philosophischen Überlegungen des Autors. Man spürt Fernando Mereilles großen Respekt vor dem lange als unverfilmbar geltenden Werk. Er hätte wie in früheren Filmen mehr den Bildern, Stimmungen und den guten Schauspielleistungen vertrauen sollen, vielleicht wäre aus der Vorlage dann mehr "sein" Film geworden.

Diemuth Schmidt

Credits:
V:Kinowelt, USA 2008, R: Fernando Meirelles, D: Julianne Moore, Danny Glover, Mark Ruffalo u.a.

Laufzeit: 120 Min.

Kinostart:
23. Oktober 2008


Eine Epidemie lässt die Bewohner einer ganzen Stadt erblinden - bis auf eine einzige Person.
Eine Epidemie lässt die Bewohner einer ganzen Stadt erblinden - bis auf eine einzige Person. (Kinowelt)

Obwohl sie die einzige noch Sehende in der Stadt ist, stellt sich die Frau des Arztes (Julianne Moore) blind.
Obwohl sie die einzige noch Sehende in der Stadt ist, stellt sich die Frau des Arztes (Julianne Moore) blind. (Kinowelt)

Der Arzt (Marc Ruffalo) und seine Frau (Julianne Moore) fühlen sich in der Heilanstalt nicht wohl.
Der Arzt (Marc Ruffalo) und seine Frau (Julianne Moore) fühlen sich in der Heilanstalt nicht wohl. (Kinowelt)

Datum: 21.10.2008

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