logo
Anzeige
Cineastentreff Kino Film Filmstarts - Neu im Kino Kino Film Anonyma - Eine Frau in Berlin: deutsches Kriegsdrama
Anonyma - Eine Frau in Berlin: deutsches Kriegsdrama

Anonyma - Eine Frau in Berlin

(tsch/vm) „Anonyma“: Das war „eine Frau in Berlin“, eine von vielen, die der Krieg zu Opfern russischer Soldaten machte. Bis heute weiß man nicht, wie viele deutsche Frauen von Soldaten der Roten Armee vergewaltigt wurden. Aus Scham sprachen die Frauen nicht darüber. Oder sie arrangierten sich mit der Situation wie Anonyma, die Frau ohne Namen, auf deren Tagebuchaufzeichnungen Max Färberböcks gleichnamiges Drama basiert. Ein an sich hochbrisanter Stoff, der jedoch durch die konventionelle und distanzierte Inszenierung Färberböcks kühl und wirkungslos bleibt. Dem Regisseur gelingt es nicht, das Leid der Frauen glaubhaft zu inszenieren. Eine Aufarbeitung der Vergangenheit kann man das nicht nennen, wenn die brutale Realität weder sicht- noch spürbar ist.

Anzeige

 

Berlin steht unter Beschuss. Im April des Jahres 1945 sitzen Frauen, Kinder und alte Männer in der deutschen Hauptstadt im Keller halb zerstörter Häuser und fürchten um ihr Leben. Darunter die Mittdreißigerin Anonyma (Nina Hoss), eine Journalistin und Fotografin. Ihr Lebensgefährte (August Diehl) kämpft wie so viele an der Ostfront, für ihn beginnt sie in einem Heft ihre Erlebnisse dieser Tage (bis Juni 1945) festzuhalten.

In einer bewegenden Szene zeigt Färberböck den ersten Kontakt zwischen den hungernden, verstaubten Gestalten, die sich nur ganz vorsichtig und misstrauisch auf das Rufen und den Befehl der Soldaten aus dem Dunkeln nach draußen wagen. Das Misstrauen ist groß - auf beiden Seiten. Neben Hunger, Angst und Verzweiflung müssen die Frauen noch damit fertig werden, dass sie für einmarschierte Soldaten Freiwild sind. Anonyma, die ein bisschen russisch spricht, wagt es, die Vergewaltigungen bei einem Offizier anzuklagen, erntet aber nur höhnische Reaktionen. Weil sie nicht in der ständigen Angst vor den täglichen Übergriffen leben will - manche Frau, die das nicht mehr ertragen kann, begeht bereits Selbstmord - fasst sie einen kaltblütigen Entschluss. Wenn sie schon als Kriegsbeute fungiert, dann wenigstens für einen hohen Offizier, einen "Wolf, der mir die Wölfe vom Leibe hält".

Die Autorin weiß, dass sie eine "lästige Geschichte" von Dingen erzählt, die nicht hätten sein dürfen. Ein solches Arrangement fürs eigene Überleben mit dem Feind zu treffen - das riecht vor allem für die eigenen Männer nach Prostitution - zumal es ihr und einer Gruppe von Frauen um sie herum nach dem Beginn einer Beziehung mit Andrej (Evgenij Sidikhin) wesentlich besser geht. Da ist schon mal Zeit für einen Abend voll makabrem Humor und fürs Feiern des Kriegsendes mit dem Feind, der Essen und Trinken mitbringt.

Überhaupt bekommt der Russe ein Gesicht, aus der Masse der plündernden und brutalen Vergewaltiger treten Menschen mit eigenen Geschichten hervor. Färberböck fängt sehr gut die latente Gefahr ein, die trotz des sich "normalisierenden" Lebens immer für die Deutschen mitschwingt. Interne Querelen unter den Russen oder ein Fehler vonseiten der Besiegten lässt die Situationen tödlich eskalieren. Und auch die Gefühle, die Anonyma und Andrej füreinander entwickeln, erweisen sich als gefährlich.

Natürlich scheitert der Film daran, das tatsächliche Leid der Frauen und die Brutalität der einzelnen Vergewaltigung abzubilden. Was ohnehin nicht zu ertragen wäre. Bisher ist es im Kino nur dem Film "Der freie Wille" gelungen, das Erbärmliche einer solchen Handlung detailliert darzustellen. Hier gehört die Vergewaltigung in den Kontext der sexualisierten Gewalt und dient der Ausübung von Macht, Unterdrückung und Erniedrigung. Der wahre Skandal liegt auch darin, dass Vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung auch in späteren Konflikten wie in Bosnien immer noch totgeschwiegen wird und die Opfer Scham dafür empfinden und für die Schande geächtet werden. "Anonyma" bricht dagegen das Schweigen und versucht ohne Selbstmitleid, verschiedene Perspektiven zu zeigen. Ein junger Russe berichtet von Massakern der Deutschen in seinem Dorf. Anonyma nimmt ihre Kraft zusammen, versucht sich gegen die Wahrheit aufzubäumen und fragt: "Gehört oder gesehen?"

Max Färberböck (Aimée und Jaguar") greift ein wichtiges Thema auf, das er sehr konventionell in einer grauen Trümmerwelt inszeniert, die leider zu sehr als Filmkulisse erkennbar bleibt. Nina Hoss transportiert den Wechsel der Stimmungen nachhaltig, wirkt aber durchgehend zu unnahbar. Damit kommt sie der kühlen und rationalen Geisteshaltung, die aus den Beobachtungen des Tagebuchs spricht, nah. Während man der Autorin zugesteht, sich zum eigenen Schutz von den Ereignissen gefühlsmäßig zu entfernen und größtmögliche Rationalität und Neutralität im moralischen Urteil an den Tag zu legen, schneidet sich der Film damit ins eigene Fleisch. Etwas mehr Emotionen der Hauptdarstellerin hätten dem Spielfilm gut getan.

Diemuth Schmidt

Credits:
V:Constantin, D 2008, R: Max Färberböck, D: Nina Hoss, Irm Hermann, Jewgeni Sidikhin u.a.

Laufzeit: 131 Min.

Kinostart:
23. Oktober 2008


Regisseur Max Färberböck nimmt sich dem größten Tabuthema der Nachkriegszeit an.
Regisseur Max Färberböck nimmt sich dem größten Tabuthema der Nachkriegszeit an. (2008 Constantin Film Verleih GmbH)

Als die Rote Armee in Berlin einzieht, muss auch Anonyma (Nina Hoss) spüren, wie brutal mit den deutschen Frauen umgegangen wird.
Als die Rote Armee in Berlin einzieht, muss auch Anonyma (Nina Hoss) spüren, wie brutal mit den deutschen Frauen umgegangen wird. (2008 Constantin Film Verleih GmbH)

Elke (Juliane Köhler, links) und Anonyma (Nina Hoss) haben sich viel zu erzählen.
Elke (Juliane Köhler, links) und Anonyma (Nina Hoss) haben sich viel zu erzählen. (2008 Constantin Film Verleih GmbH)

Datum: 18.10.2008

Facebook aktivieren

Diskussion: "Anonyma - Eine Frau in Berlin: deutsches Kriegsdrama"

Um eine Diskussion zu "Anonyma - Eine Frau in Berlin: deutsches Kriegsdrama" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 207792

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    Wu Ji - Die Reiter der Winde
    Mit einem Budget von 35 Millionen Dollar ist das bildgewaltige Märchen "Wu Ji - Die Reiter der Winde" (2005) der teuerste chinesische Film aller Zeiten. Die Investitionen haben sich in mehrerer Hinsicht ...

    Hero
    Unheilvolles Schwarz, leuchtendes Rot, kühles Blau, reines Weiß, saftiges Grün - "Hero" ist ein sinnlicher Farbrausch. In verschiedene Farben getüncht, erzählt Zhang Yimou aus unterschiedlichen Perspektiven ...

    FR: House Of Flying Daggers
    Mit Bescheidenheit und der Hoffnung, die Philosophie der klassischen chinesischen Martial-Arts-Tradition auf die Leinwand bringen zu können, näherte sich Zhang Yimou in "Hero" (2002) seinem Thema. Für ...

    Musa - Der Krieger
    Das Heldenmärchen "Musa - Der Krieger" (2001) ist gewiss kein schlechter Film - trotz zahlloser Scharmützel und rollender Köpfe auch kein Schlächterfilm. Aber er ist zu lang. Viel zu lang. Rund drei Stunden ...

    The Fighters
    "The Fighters" eröffnet mit jenen dynamischen, verwackelten Sequenzen, die aus Oliver Stones American-Football-Epos "An jedem verdammten Sonntag" (USA 1999) bekannt sind. Keuchende junge Männer, die im ...

    Redbelt
    Das Logo von Mike Terrys Jiu-Jitsu-Studios bietet bescheiden „real life skills“ an. Das entspricht den Prinzipien des Kampfsportlehrers: Jiu Jitsu versteht er nicht als Mittel für Wettkämpfe, die die Philosophie ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 31 - id = 5943 - task = view - option = com_content - limitstart= 0