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Nordwand: deutscher Bergfilm

Nordwand

(tsch/cg) Das deutsche Bergdrama „Nordwand“ beruht auf einem wahren Fall: Im Sommer 1936 zogen vier junge Männer los, um die gefürchtete Eiger-Nordwand zu besteigen. Sie starben im Schnee. Ein großes Drama, das der deutsche Regisseur Philipp Stölzl jetzt erstklassig verfilmt hat. Stölzl, der bislang vorwiegend für Rammstein- und Garbage-Videos hinter der Kamera stand, beweist Talent in der Inszenierung epischer Geschichten. „Nordwand“ ist die bisher gelungenste deutsche Großproduktion des Jahres.

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Die große Tragödie schwebt also von Anfang an über allem, fast so wie später der schlimme Tod in Stalingrad. Tatsächlich haben die dick vermummten Bergsteiger im Seil mit Hitlers verlorenen Soldaten nicht wenig Ähnlichkeit. Sie nehmen die Ideologie des Weltbeherrschen-Wollens vorweg, die scheitern muss. Sie sterben einen symbolischen Tod, auch wenn ihr Abenteuer auf Freiwilligkeit beruht.

Bei der akklamierten Premiere beim Festival in Locarno im vergangenen August behaupteten viele Zuschauer (und Kritiker) hinterher, der Film habe zu lange gebraucht, bis er in die Gänge gekommen sei: Liebesgeschichten, Männerfreundschaft und Pressequatsch, bevor es endlich ans Bergsteigen gehe.

Doch die erste Stunde ist grandios. Ulrich Tukur als Chefreporter, der die Zeitungsvolontärin aus Berlin in die heimatlichen Berge treibt, um ihren Ex-Freund zur Besteigung der Eiger-Nordwand, der damals "letzten Herausforderung der Alpen", zu überreden. Johanna Wokalek, dauerwellengeföhnt und voll jugendlicher Begeisterung auf dem Karrieresprung - das macht sich umwerfend echt. Und wird nicht weniger stimmig durch die alle antreibende Nazi-Ideologie. Tatsächlich war ja das Bergsteigen ein Sport, der mit dem erforderlichen Mut und der Tollkühnheit den Nazis entgegenkam, gut für die Vorbereitung auf den ins Auge gefassten Heldentod.

Bis hinein in kleinere Rollen ist der Film bestens besetzt. Erwin Steinhauer bringt als österreichischer Fabrikant weltmännisches Flair ins - noch heute existente - Grandhotel auf der Kleinen Scheidegg am Fußes des Eigers, und der hilflose Bahnwärter der Jungfrau-Bahn (Branko Samarowski) wäre durchaus für den Titel "Beste Nebenrolle" tauglich.

Das Vorgeplänkel also ist wunderbar: Schön, wie das Reporter-Fräulein Luise (Wokalek) daheim in Berchtesgaden von den Bergsteigern und gemeinen Wehrdienstlern Benno Fürmann (Toni Kurz) und Florian Lukas (als Andi Hinterstoisser) abgewimmelt wird, die - ganz bergburschig- natürlich nie mit "Heil Hitler!", sondern lässig mit "Servus" grüßen. Wie Ulrich Tukur, so fies wie verständlich, vom Hotelrestaurant aus das Drama genießt, und vor allem das: im Medienrummel der Erste zu sein.

Doch dann kommt, um ein wenig vorauszueilen, der wilde Sturm, das Schneetreiben, in dem manch ein Held den Verstand verliert. Dunkel und düster wird es dann. Was als Komödie begann, mündet im plötzlichen Katastrophenfilm, von dem leider auch das eingebettete Liebesmelodram zwischen Wokalek und Fürmann verschlungen wird.

Philipp Stölzl, der Regisseur, und sein Kameramann Kolja Brandt haben sich zusammen mit ihren Stuntleuten da alle Mühe gegeben, am Eiger selbst und im tiefgekühlten Studio. Doch die digitalen Effekte decken die Vorstellungskraft des Zuschauers überreichlich ein. Letztlich mag sich die Kamera in diesem Unterhaltungskino auch nicht auf die ganz große Schwärze des Unglücks einlassen - nur allzu verständlich. Zu den großen Vorbildern Fanck und Riefenstahl ist es ohnehin meilenweit, auch zu den Everest- und K2-Filmen der 50er- und 60er-Jahre.

Dennoch, sieht man von der nahezu satirehaften Grobzeichnung der österreichischen Bergsteiger ab (die stets mit einem Weinwienerisch reden müssen), bleibt eben doch die große Metapher von einem letztlich sinnlosen weißen Tod, in den hier ein paar unbekümmerte junge Menschen gehen - von Medienmachern und der Naziideologie vor sich hergetrieben. Das alleine ist ja auch schon viel.

Wilfried Geldner

Credits:
V:Majestic, D / CH 2008, R: Philipp Stölzl, D: Benno Fürmann, Johanna Wokalek, Florian Lukas u.a.

Laufzeit: 121 Min.

Kinostart:
23. Oktober 2008


Philipp Stölzl erinnert ins seinem prominent besetzten Dokudrama an eine wahre Geschichte aus dem Sommer 1936.
Philipp Stölzl erinnert ins seinem prominent besetzten Dokudrama an eine wahre Geschichte aus dem Sommer 1936. (Nadja Klier / Majestic)

Benno Fürmann wirkt als Bergsteiger-Legende Toni Kurz perfekt - wie damals, 1936.
Benno Fürmann wirkt als Bergsteiger-Legende Toni Kurz perfekt - wie damals, 1936. (Nadja Klier / Majestic)

Johanna Wokalek versucht als junge Volontärin Toni ihren Freund Toni Kurz zum Bezwingen der Eiger-Nordwand zu überreden.
Johanna Wokalek versucht als junge Volontärin Toni ihren Freund Toni Kurz zum Bezwingen der Eiger-Nordwand zu überreden. (Nadja Klier / Majestic)

Datum: 18.10.2008

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