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Willkommen bei den Sch'tis: die französische Erfolgskomödie

Willkommen bei den Sch'tis

(tsch/vm) „Über 20 Millionen Franzosen können sich nicht irren”, verkündet das Plakat der Komödie mit dem seltsamen Namen „Willkommen bei den Sch’tis”. So viele sahen sie sich nämlich im Kino an. Eine beeindruckende Zahl, die den Film zum erfolgreichsten in der Geschichte des französischen Kinos gemacht hat. Die reizende Geschichte handelt von einem sagenumwobenen Ort, der zu einem einzigen Stereotyp verstarrt ist: In Nord-Pas-de-Calais regnet es anscheinend immer, die Bewohner sind barbarische Hinterwäldler, die obendrauf einen so seltsamen Dialekt sprechen, der selbst Muttersprachler vor erhebliche Verständnisprobleme stellt. Genau dahin wird der Postbote Philippe Abrams (Kad Merat) strafversetzt und muss sich nun seinen Vorurteilen über den verruchten Ort stellen. Obwohl recht provinziell, dürfte die Thematik der charmanten Komödie auch für Nicht-Franzosen interessant sein, denn ihr Witz ist universell und ihre Aussage allgemeingültig.

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Zum Abschied schenkt seine Frau Julie (Zoé Félix) Philippe noch eine Daunenjacke mit Pelzkragen. Von einem alten Mann, der schon mal in Norden war, haben sie gehört, dass dort im Winter die Temperaturen tiefer und tiefer sinken sollen - bis zu 40 Grad minus! Da wundert es die Südfranzosen kaum, dass sich die heute arbeitslosen Bewohner der ehemaligen Minengegend bei strömendem Regen mit viel Alkohol trösten. Mit jeder Menge Vorurteile über die Barbaren bricht Philippe alleine auf zu seinem neuen Arbeitsplatz, denn seiner Familie will er das Leben dort oben nicht zumuten.

Bei der Ankunft in Bergues (10 Kilometer entfernt von der Hafenstadt Dunkerque) scheinen sich alle Klischees zu bestätigen. Es schüttet und ein Mann rennt ihm vors Auto, der zudem noch unverständliches Zeug brabbelt. Philippe glaubt zunächst, der Arme habe sich am Kiefer verletzt, doch es war eine erste Begegnung mit dem regionalen Dialekt "Sch'ti". Dabei verwandeln sich die meisten "S"-Laute in "Sch"-Laute, aus "Sonne" wird zum Beispiel "Schonne" und "süß" zu "schüß". Das Prinzip lässt sich gut ins Deutsche übertragen - auch die Synchronisation erweist sich als gelungen und Christoph Maria Herbst als Sprecher der Hauptfigur, dem Postboten Antoine (im Original: Schauspieler und Regisseur Dany Boon), als Glücksfall.

Egal, ob deutscher oder französischer Zuschauer - zunächst versteht man ebenso wenig wie Philippe, denn neben der Lautverschiebung werden zum Teil völlig fremde Worte verwendet. Regisseur Dany Boon (selbst ein gebürtiger "Sch'ti) will zu Recht, dass man sich auf den Dialekt einlässt, den Sprachwitz und die daraus entstehenden lustigen Missverständnisse genießt.

Schnell werden für Philippe kulinarische Grausamkeiten wie der stark riechende Maroilles-Käse, der mit Baguette beim Frühstück in Chicoree-Kaffee getunkt wird oder die in Fett schwimmende Wurst "fricadelle" an der "Baraque à frites", der Frittenbude, zu Nebensächlichkeiten. Er lässt sich vom rustikalen Charme der Menschen verführen und fängt an, die warmherzige Vereinnahmung durch sein Postler-Team zu genießen.

Sein einziges Problem stellt seine depressive Frau dar. Sie will nicht hören, dass es ihm in der neuen Umgebung gefällt, und fordert die üblichen Horrorgeschichten ein, die sonst über den Norden kursieren. Als sie ihren Besuch ankündigt, kommt es zu einer großartigen Szene. Für Philippe - dessen Ehe seit der Notlüge nie besser lief - bauen seine neuen Freunde ein Dorf mit sämtlichen Klischees der Trostlosigkeit auf und inszenieren sich selbst als asoziale Proleten mit Alkoholproblem. Witziger konnte der Grande Nation ihre Unwissenheit und die absurden Vorurteile über einen Teil des Landes nicht vor Augen geführt werden.

"Willkommen bei den Sch'ti" ist eine urkomische und universelle Komödie nach dem "Fish-out-of-Water"-Prinzip. Dabei siegt eine fast altmodische Warmherzigkeit über den inzwischen verbreiteten zynischen Humor im Film. Gelacht wird über die positive Karikatur, gestaunt über Menschen, die in einem starken Gemeinschaftsgefüge leben, füreinander einstehen und sich mit wenig zufriedengeben können.

Zusammengehalten wird diese Gemeinschaft durch eine verbindende Sprache, die auch nach 100 Minuten noch für fremde Ohren noch komisch klingt. Der Film zeichnet ein Bild von einfachen Leuten in einer armen Gegend, die weder dumm noch gefährlich sind und ihr Leben ganz normal mit Arbeit bestreiten. Nicht nur für die Franzosen ist das ein gesellschaftlicher Hoffnungsschimmer.

Diemuth Schmidt

Credits:
V:Prokino, F 2008, R: Dany Boon, D: Dany Boon, Kad Merad, Anne Marivin u.a.

Laufzeit: 106 Min.

Kinostart:
30. Oktober


Regisseur und Schauspieler Dany
Boon nimmt den Norden Frankreichs genauer unter die Lupe.
Regisseur und Schauspieler Dany Boon nimmt den Norden Frankreichs genauer unter die Lupe. (2008 Prokino Filmverleih GmbH)

Philippe Abrams (Kad Merad, links) und sein neuer Kollege Antoine Bailleul (Dany Boon) treten heftig in die Pedale.
Philippe Abrams (Kad Merad, links) und sein neuer Kollege Antoine Bailleul (Dany Boon) treten heftig in die Pedale. (2008 Prokino Filmverleih GmbH)

Nach anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten verstehen sich Philippe (Kad Merad, links) und Antoine (Dany Boon) immer besser.
Nach anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten verstehen sich Philippe (Kad Merad, links) und Antoine (Dany Boon) immer besser. (2008 Prokino Filmverleih GmbH)

Datum: 26.10.2008

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