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L´enfant

L'enfant

(tsch) Immer geht es ums Geld. Die Gesellschaft lebt vom Kaufen und Verkaufen. Anbieten kann man dabei seine Arbeitskraft oder auch Waren. Jobben kommt für den jungen Obdachlosen Bruno (Jérémie Rénier) nicht in Frage. Da verscherbelt er lieber die unterschiedlichsten Dinge. Die meisten davon sind geklaut. Als der frischgebackene Vater ein Angebot für sein Neugeborenes bekommt, muss er - seiner Logik des Überlebens folgend -, nicht einmal darüber nachdenken. Er tauscht "L'enfant", das Kind, gegen 5.000 Euro ein. Schließlich, so sagt er seiner aufgebrachten Freundin, könne man ja Babys wieder neu machen.

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Willkommen in der Welt der Brüder Dardenne. Die belgischen Regisseure aus einer Industrieregion stehen für ein direktes Sozialdrama-Kino, das mit humanistischem Anspruch die Menschen im existenziellen Dilemma zeigt. Dabei gehen sie nah ran an die Personen, oft mit wackeliger Handkamera. Zu sehen sind Laien oder Schauspieler ohne Glamour-Faktor. Zu dem Stil der Brüder Dardenne gehört auch der Verzicht auf manipulierende Musik. Sie wollen unter die Haut gehen, dem Publikum aber keine Gefühle aufzwingen. Engagement zu zeigen, ohne die Moralkeule zu schwingen oder einfache Schuldzuweisungen vorzunehmen - das gefiel bereits zweimal der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes. Nach "Rosetta" erhielt auch "L'enfant", der nun in die Kinos kommt, die höchste Auszeichnung, die Goldene Palme.

Rationalisierung, Streiks, Arbeitslosigkeit - die Themen für Reportagen spielten sich in Wallonien vor den Augen der Brüder ab, die zur Kamera griffen und soziale Ungerechtigkeiten zeigten. In ihren Spielfilmen geht es subtiler zu. Mit ihrem ersten in Cannes präsentierten Film "La Promesse" (1996) etablierten sie sich bereits als wichtige Autorenfilmer in der europäischen Filmszene. Das eher klassische Sozialdrama mit Vater-Sohn-Geschichte führte dann zum ästhetischen Radikalismus bei "Rosetta". Dann kam der emotionale Schlag in die Magengrube mit "Le Fils". Ein Schreiner zwingt sich dazu, den jugendlichen Mörder seines Sohnes auszubilden. "L'enfant" wirkt nun wie eine Synthese all dessen, was die Brüder Dardenne bisher auf die Leinwand brachten.

Heiter und abgeklärt wirken die Herumtreiber Bruno und Sonia (Déborah Francois) in ihrem Leben. Sie albern herum, ihre Spielplätze sind das Flussufer, das Industriegebiet und die Straße. Gleichgültig reagiert Bruno auf die Schwangerschaft seiner Freundin. Als Sonia mit dem Baby zu ihm kommt, nimmt er es kaum wahr. Der Verkauf des Kindes führt zu einem Bruch mit der entsetzten Mutter. Der Film folgt nun Bruno bei seinem Versuch, den Deal wieder rückgängig zu machen. Er bekommt den Kleinen zurück, soll den brutalen Kinderhändlern aber das Doppelte von dem bezahlen, was er erhielt. Es geht abwärts mit Bruno. Er muss mit der Verachtung Sonias fertig werden und den Kriminellen Geld beschaffen. Und dabei hat er nicht einmal einen Platz zum Schlafen. So unter Druck geraten, misslingen ihm sogar die üblichen Raubzüge mit seinen minderjährigen Kumpanen. Als er seine Diebeskollegen in eine lebensgefährliche Situation bringt, erwacht etwas Neues in ihm: das Gefühl von Verantwortung.

"L'enfant", das ist hier nicht nur das Baby, sondern das sind auch Bruno und irgendwie auch Sonia. Die Gesellschaft überreicht den Bedürftigen monatliche Sozialzahlungen und kümmert sich nicht weiter um die Empfänger. Außer sie werden kriminell und halten sich nicht an die Spielregeln, wie diese beiden naiven "Kinder". An mehr interessiert sein als an sich selbst und ein Stück erwachsener werden - Sonia gelingt dieser Schritt auch durch die Geburt. Bruno benötigt etwas länger.

Was Bruno bewegt, lässt sich nur aus seinen Handlungen erschließen. Er ist kein Mann großer Worte. Durch das nahe und intensive Beobachten gelingt es den Brüdern Dardenne dennoch, das Interesse an seiner Person und an diesem wichtigen Moment seiner Weiterentwicklung zu wecken. Luc Dardenne glaubt, dass die Zuschauer das Schlitzohr Bruno lieben könnten, gerade weil es nicht gehorcht. Wohl kaum, denn dafür orientiert er sich mit seinem Materialismus zu sehr an gängigen Statussymbolen wie Cabrio und schicker Lederjacke. Eher ein Non-Konformist wider Willen als ein bewundernswerter Bohemien.

Diemuth Schmidt

Credits:
V:Kinowelt Filmverleih GmbH, F / B 2004, R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne, D: Déborah François, Jérémie Rénier, Jérémie Segard u.a.

Kinostart:
17.11.2005


Sonia (Déborah François) liebt Bruno (Jérémie Rénier), obwohl ihr Freund sich mit illegalen Machenschaften über Wasser hält.
Sonia (Déborah François) liebt Bruno (Jérémie Rénier), obwohl ihr Freund sich mit illegalen Machenschaften über Wasser hält. (Kinowelt Filmverleih GmbH)

Obwohl Baby Jimmy nicht geplant war, hat die junge Mutter Sonia (Déborah François) ihn bereits tief in ihr Herz geschlossen.
Obwohl Baby Jimmy nicht geplant war, hat die junge Mutter Sonia (Déborah François) ihn bereits tief in ihr Herz geschlossen. (Kinowelt Filmverleih GmbH)

Der 20-jährige Bruno (Jérémie Rénier) kommt mit seiner plötzlichen Vaterrolle gar nicht zurecht.
Der 20-jährige Bruno (Jérémie Rénier) kommt mit seiner plötzlichen Vaterrolle gar nicht zurecht. (Kinowelt Filmverleih GmbH)

Datum: 12.11.2005

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Diskussion: "L´enfant"

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