logo
Anzeige
Cineastentreff Kino Film Fernsehprogramm Kino Film Gespenster: annehmbares deutsches Drama
Gespenster: annehmbares deutsches Drama

Gespenster

(tsch) "Gespenster" ist die Odyssee eines jungen Mädchens bei ihrer immer wieder scheiternden Suche nach Identität und Heimat. Nach einem Kissen, auf das man seinen Kopf betten kann. Doch Nina (Julia Hummer), das trotzige, einsame Mädchen, trifft nur auf schnell verglühende Leidenschaft und exzentrische Lügner, und sie muss etliche Enttäuschungen schlucken. Das Erste zeigt jetzt die deutsch-französische Produktion aus dem Jahr 2005, nachdem die Erstausstrahlung vor einigen Monaten bei ARTE stattfand. Im Kino war dem Film kein Erfolg beschieden.

Anzeige
Counter

 

In den traurig an ihr herunterhängenden Jeans piekst Nina unmotiviert Müll im Tiergarten auf. Wie eine junge Katze lässt sie sich ablenken, packt die Chance, ihrer Arbeit zu entkommen. Sie wird nicht an die Konsequenzen denken, sondern das nächste Abenteuer, das das Leben bietet, über sich ergehen lassen. Man kann nicht davon sprechen, dass sich Nina in dieses stürzen wird. Sie ist viel zu still, viel zu lethargisch und langsam, als dass man ihr mit einer so aktiven Beschreibung gerecht würde.

Sie trifft auf Toni (Sabine Timoteo), ein faszinierendes, reifer wirkendes Mädchen mit einem unbändigen Willen, sich nichts gefallen zu lassen. Die beiden gehen eine Art Symbiose ein, beschützen sich gegenseitig, stützen und ergänzen sich. Doch in Beziehungen, die von Selbstzerstörung und dem ewigen Austesten von Grenzen dominiert sind, lässt sich kaum Frieden finden.

Dazu taucht eine weitere Frau auf, eine Französin (Marianne Basler), die meint, in Nina ihre vor vielen Jahren entführte Tochter wiederzuerkennen. Sie tobt, um in Ninas Nähe zu kommen, sie redet und redet und beweist ihr und vor allem sich, dass es stimmen muss. So wird die introvertierte Einzelgängerin für kurze Momente mit Mutterliebe überschüttet, nur um festzustellen, dass alles ein Sturz ins Leere ist.

Der Regisseur Christian Petzold liefert hier ein in sich gekehrtes, kunstvoll inszeniertes Porträt eines traurigen Mädchens. Es wird geschwiegen und angedeutet. Unentschlossene Gesten und Dialogfetzen müssen genügen. Dabei verlässt sich der Regisseur zu 100 Prozent auf seine Hauptdarstellerin Julia Hummer. Immer wieder liest Kameramann Hans Fromm, Petzolds steter Begleiter, nur von ihren Augen ab. Immer wieder präsentiert sie ihren bemüht ausdruckslosen Blick, den das Publikum aus beinahe allen ihren Arbeiten kennt.

In der scheinbaren Alltäglichkeit, die Petzold um Julia Hummer drapiert, mit diesem sehr zähen Erzählstil und der ewigen "ihr wisst schon, was ich meine"-Attitüde, ist ihm ein typischer Festival-Beitrag gelungen ("Gespenster" lief bei der Berlinale). Doch das kommentarlose Hin- und Herswitchen zwischen den anfangs isoliert nebeneinander laufenden Handlungssträngen bremst bis zur Hälfte des Films bisweilen die Dynamik aus, die zwischen den Mädchen entsteht.

Dazu sind viele Ideen stereotyp angelegt. Der kaltschnäuzige Medien-Yuppie (Benno Fürmann). Die reiche, traurige Frau. Die verwegene Straßengöre Toni, die mit Chuzpe an ihre Ziele kommt, aber keineswegs glücklich ist. Immerhin ist sie es, die dem Werk mit ihrer Stärke, die sie durch intensive Mimik und Körpersprache unterstreicht, Leben oder besser Lebendigkeit einhaucht.

Die Figuren werden nur fragmentarisch ausgeleuchtet, man kommt ihnen nicht wirklich nahe. Für Petzold war es vorrangig, diese Gespenster in ihrem Leben neben der Normalität zu zeigen, zusammen mit ihrem Bestreben nach eben dieser Normalität. Er dirigiert sie in ein Vakuum, aus dem heraus sie eine Identität suchen.

Tom Ruder


Nina (Julia Hummer) ist ein trotziges, einsames Mädchen, das etliche Enttäuschungen schlucken muss.
Nina (Julia Hummer) ist ein trotziges, einsames Mädchen, das etliche Enttäuschungen schlucken muss. (BR / Hans Fromm)

Die rastlose Toni (Sabine Timoteo) schlägt sich mit Diebstählen durch.
Die rastlose Toni (Sabine Timoteo) schlägt sich mit Diebstählen durch. (BR / Hans Fromm)

Bei einem Casting erzählen Toni (Sabine Timoteo, links)
und Nina (Julia Hummer), wie sie Freundinnen geworden sind.
Bei einem Casting erzählen Toni (Sabine Timoteo, links) und Nina (Julia Hummer), wie sie Freundinnen geworden sind. (BR / Hans Fromm)

Datum: 28.11.2008

Facebook aktivieren
Artikel ID 208220

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    Hardcover
    Christian Zübert hat viel zu tun. Er schreibt Drehbücher, die von der Kritik zwar gerne als nett und harmlos, also flach und überflüssig bewertet werden. Doch gibt es zurzeit nur wenige Autoren auf dem ...

    Caramel
    Zwischen Puderquasten, Pinzetten und Trockenhauben können Layale, Nisrine, Rima, Jamale und Rose ganz sie selbst sein. Diese Welt ist ihnen vertraut, so schnell kommt hier kein Mann her. Ein Schönheitssalon ...

    Superbad
    Hatten die Kritiker nicht schon den vorherigen Film des neuen Comedy-Dreamteams um Judd Apatow und Seth Rogen gelobt? Auch beim zweiten Hinschauen war jene Komödie mit dem Titel "Beim ersten Mal" um einen ...

    Tuvalu
    Ein Film ohne viel Worte, ohne natürliche Farben, ohne bekannte Darsteller. Ein sprödes, sehr surreales Thema noch dazu. Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass "Tuvalu" im Jahr 2000 überhaupt seinen ...

    Mr. Shi und der Gesang der Zikaden
    Ab einem gewissen Alter sollte man das Recht haben, sich als Tochter das Leben selbst zu versauen, selbst wenn man Chinesin ist. Der Regisseur Wayne Wang hat einen Film über Sprache gemacht, Sprache, die ...

    Vier Hochzeiten und ein Todesfall
    "Britisch, witzig, klug", urteilte die Kritik über "Vier Hochzeiten und ein Todesfall". Die Komödie, die 1994 knapp 250 Millionen Dollar weltweit einspielte, gehört denn auch bis heute zu den erfolgreichsten ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 35 - id = 6026 - task = view - option = com_content - limitstart= 0