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Im Winter ein Jahr: intensives Familiendrama von Caroline Link

Im Winter ein Jahr

(vm/tsch) Den Oscar hat sie für „Jenseits von Afrika“ bekommen, höher hinaus geht es nicht mehr. Vielleicht mit einem richtigen Blockbuster würde Caroline Link noch einmal eine ganz andere Aufmerksamkeit in den Medien und ihrer eigenen Branche erhalten. Doch die Regisseurin sucht lieber weiter die stillen Stoffe - auch „Im Winter ein Jahr“ ist so einer. Und er ist ihr wieder ausnehmend gut gelungen: ein Familiendrama, so intensiv, wie es lange keins mehr aus Deutschland zu sehen gab.

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Sie tritt gegen das rostige Gartentor, Geduld ist nicht ihre Stärke. Und überhaupt weiß Lili (Karoline Herfurth) nicht, was sie bei diesem Maler soll. Er porträtiert nach dem Willen ihrer Mutter (Corinna Harfouch) die beiden Kinder der Familie. Doch eines der beiden ist tot. Warum sie sich den toten Sohn als Deko an die Wand hängen möchte, kann Lili nicht nachvollziehen.

Seitdem ihr Bruder tot ist, rebelliert sie noch mehr als zuvor. Die Möglichkeiten, mit dem Tanzen Karriere zu machen, umschifft Lili durch Undiszipliniertheit und Männer glaubt sie zu verführen, doch in Wirklichkeit leidet sie, wie sich bald zeigen wird.

Wie Kate Moss sieht Karoline Herfurth aus, wenn sie mit schnippischem Ausdruck durch die Straßen läuft. Es gibt viele Nahaufnahmen von ihrem Gesicht, wie auch etliche Porträts in Öl. Karoline Herfurth, das steht außer Frage, darf diesen Film tragen.

Zwar soll "Im Winter ein Jahr" auch die Mutter und den Vater, die gescheiterte Ehe wie den Maler Max (Josef Bierbichler) charakterisieren. Doch in erster Linie wandelt sich Herfurth vom Vamp zum traurigen Kind zum störrischen Teenager und schließlich zu einem Mädchen, das sich selbst einen Schritt näher kommt. Immer wieder provoziert sie Männer in ihrem Umfeld, doch kaum kommt ihr einer näher, wie Aldo (Mišel Matičevic), den sie in einer Bar kennenlernt, zeigen sich schnell die Machtverhältnisse.

Besser klappt es mit Max, dem Maler, der Lili kennenlernen möchte und wissen will, wie sie zu ihrem Bruder stand. Die Gespräche mit dem Raubein sind ein Geben und Nehmen, das beide zu schätzen wissen. Er hat keine Vorbehalte, lässt sich von ihren Lolita-Avancen nicht einwickeln. Genau das Gegenteil vom Verhältnis zu ihrer Mutter, die genau weiß, dass Lili sie wieder enttäuschen wird - ein Grund, weswegen sie am Tod ihres wohlgeratenen Sohnes so zerbrach. Der Vater spielt den distanzierten Vermittler, der längst verstanden hat, dass es zusammen nicht mehr vorwärts geht.

Caroline Link hat sich Zeit gelassen mit ihrem Film. Jede Stunde, jeden Tag spürt man. Mit großer Geduld, die sehr viel Spannung weckt, entwickelt sie ihre Figuren. Wenn man den Blick für kleine Gesten nicht verliert, muss man keine überkandidelten Menschen erschaffen. Link inszeniert die Eigenschaften nicht, stellt sie nicht in den Mittelpunkt. So steht die Lebenseinstellung der Mutter als Spruchband bei den Trophäen in ihrem Zimmer, die Geliebte des Vaters unauffällig an der Bar. Auch dass Lili ganz schön viel trinkt, fällt einem erst nach einiger Zeit auf.

Immer wieder geht der Blick weg vom eigentlichen Ansinnen, dem Porträt. Unausgesprochene Schuldzuweisungen brechen aus den Familienmitgliedern heraus, Gespräche über den Tod und die gemeinsame Vergangenheit passieren ganz ohne Theatralik. Zumindest meist. Gegen Ende verfängt sich Link in der ein oder anderen demonstrativen Darstellung.

So wird Lilis Befreiungstanz und der Mutters Weg zu dem Ort, an der sich ihr Sohn das Leben nahm, dramatisch miteinander verflochten. Viel Pathos an dieser Stelle. Doch dieser visuelle Höhepunkt ist nicht das Ende, sondern wieder nur etwas, das geschieht, irgendwann auf dem Weg aus der Trauer.

All diese Erlebnisse und Rückschläge fädelt Caroline Link auf eine Perlenkette und schafft mit ihrer großen Ruhe den wohl berührendsten Familienfilm der vergangenen Jahre. Eine langwierige Vorstellung der Menschen, von denen sie erzählt, braucht sie nicht. Doch im Verlauf des Films blickt jeder jeden an und weiß: Du hast keine Macht mehr über mich.

Claudia Nitsche

Credits:
V:Constantin, D 2008, R: Caroline Link, D: Karoline Herfurth, Corinna Harfouch, Josef Bierbichler u.a.

Laufzeit: 128 Min.

Kinostart:
13. November 2008


Eine Familie muss einen tragischen Todesfall verarbeiten.
Eine Familie muss einen tragischen Todesfall verarbeiten. (2008 Constantin Film Verleih GmbH)

Für den Maler Max Hollander (Josef Bierbichler) ist es nicht einfach, die Geschwister Lilli und Alex zu porträtieren.
Für den Maler Max Hollander (Josef Bierbichler) ist es nicht einfach, die Geschwister Lilli und Alex zu porträtieren. (2008 Constantin Film Verleih GmbH)

Lilli (Karoline Herfurth) ist schon sehr gespannt, wie die Arbeit an ihrem Portrait ablaufen wird.
Lilli (Karoline Herfurth) ist schon sehr gespannt, wie die Arbeit an ihrem Portrait ablaufen wird. (2008 Constantin Film Verleih GmbH)

Datum: 08.11.2008

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