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Ben Folds

Notizen zum Phänomen Amerika

Rock/Pop Ben Folds

(tsch) "I was never cool in school": Mit diesem Satz begann 1994 "Underground", der Titelsong des Debüts von Ben Folds Five. Und auch sonst war diese seltsame Platte extrem gut durchdüngter Nährboden für den Teenage-Blues. Irgendwo zwischen gnadenlosem Selbstmitleid und militantem Slacker-Kampfgeist oszillierten die Songs, die Folds und sein Trio bald in eine ganz bestimmte Schublade drängten: postmoderner, ironischer Rock, von Nerds für Nerds. Hornbrillen-Musik mit dem Anti-Football-Gen. Das ist zehn Jahre her. Eine Zeit, in der viel passierte. Folds veröffentlichte ein halbes Dutzend Alben, machte eine sicher außergewöhnliche, aber aus dem heutigen Blickwinkel schlüssige Entwicklung durch - und ist heute einer der angesehensten Songwriter Amerikas. Sein zweites Solo-Album "Songs For Silverman" steht nun in den Regalen der Plattenläden.

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Es zeigt vielleicht zum ersten Mal einen wirklich erwachsenen Ben Folds, einen, dessen Songs ohne Ziertand auskommen und auch textlich nicht eine gewisse Gewitztheit, wohl aber allzu offensichtliche Schenkelklopfer scheuen. Hat Ben Folds seine Ironie verloren? Eine Frage, bei der er kurz schmunzeln muss, um dann zu erklären: "Nein, ich glaube nicht. Es ist nur eine etwas andere, eine etwas subtilere Art von Ironie. In den 90er-Jahren, in der Rock-Ära, da war das alles anders. Da war der Humor laut und offensiv. Ich denke aber, dass sich auch auf meinem neuen Album Ironie findet, dass Musik und Texte manchmal auseinander laufen, von der Stimmung her nur auf den ersten Blick harmonieren. Und genau das ist für mich Ironie. Aber irgendwie auch Selbstvertrauen. Ich glaube eben nicht, dass ich jedes Element meiner Musik den Leuten ins Gesicht schleudern muss. Die erkennen auch so, um was es geht."

Es dauerte ein wenig, bis "Songs For Silverman" fertig wurde. Um genau zu sein: runde vier Jahre. Zuletzt erschienen in ganz kurzem Abstand drei EPs, die nur über das Internet zu beziehen waren - eine eher ungewöhnliche Veröffentlichungspolitik. "Eigentlich war das gar nicht beabsichtigt. Ich war in den letzten zweieinhalb Jahren sehr regelmäßig im Studio, eben um diese drei EPs aufzunehmen. Was von den Songs auf das Album und was auf die EPs kommen würde, war mir nicht so wirklich klar. Und so sind einige der Songs, die eigentlich auf das Album sollten, die EPs geworden, andere Lieder blieben übrig", erzählt Ben, und fügt an: "'Songs For Silverman' entstand dann ein paar Monate später, und zwar in einer relativ kurzen Zeit. Wir nahmen alle Songs neu auf, ich wollte nichts Unfertiges abliefern. Es hätte ja wohl etwas seltsam ausgesehen, wenn ich meinen EP-Ausschuss veröffentlicht hätte."

Und warum plötzlich mit Band? Ben Folds scherzt: "Irgendwie habe ich mich etwas einsam gefühlt. Immer alleine im Studio, das ist nichts. Zumal ich eine gewisse Chemie brauche, um eine Platte aufzunehmen. Und die war mit mir als einzigen Gesprächspartner nicht mehr gegeben." Dass Folds auf den Geschmack von Teamwork kam, lag übrigens auch an einem älteren Herrn namens William Shatner: "Dass ich mit Shatner an "'Has Been' arbeitete, hatte darauf sicher einen nicht zu unterschätzenden Effekt. Ich produzierte die Platte ja, musste mich also wirklich mit allen möglichen Leuten zusammensetzen und überlegen, wie wir die Sache entwickeln könnten. Und das lief richtig toll und gab mir Antrieb für das eigene Album!"

Die Platten, die Ben Folds während den Aufnahmesessions hörte, erstaunen übrigens ein wenig. Er hatte N.E.R.D und die Streets im Player, also moderne, tanzbare Popsongs. "Gerade die Streets liebe ich", sagt Folds. "Die Art, wie Mike Skinner Songs schreibt, ist einzigartig und beeinflusst mich durchaus. Das sind großartige Lyrics, die die Diskrepanz zwischen Denken und dem verbalen Ausdruck dieser Gedanken sehr gut überbrücken. In der klassischen Rockmusik sind die Texte oft so gezwungen, so formal."

Das kann man Ben Folds weiß Gott nicht vorwerfen. Seine Songs sind kleine Geschichten über das weite Feld des Miteinanders - und das beinhaltet die ja hinreichend durchdeklinierte Zweisamkeit ebenso wie das große Ganze, in diesem Fall Amerika. Zum Beispiel "Jesusland", das sehr viel von Randy Newman, ein ausgewiesenes Vorbild von Ben Folds, hat: Der Song ist ein Spaziergang durch eine beliebige amerikanische Kleinstadt, vielleicht nicht gerade im intellektualisierten Nordosten. "Ich würde es irgendwo im mittleren Westen ansiedeln", erklärt Ben. "Wenn man dort aus dem Fenster schaut, dann sieht man es, dieses 'Jesusland'. Und ich bin in dem Song rausgegangen, die Straße runter. Drei, vier Blocks genügen und man stellt fest: Gott und Jesus sind allgegenwärtig, das sind die mächtigsten Markenzeichen Amerikas!" Eine Entwicklung, die Folds als immer stärker werdende, als sich autark beschleunigende sieht: "Glaube war in den USA immer wichtig. Aber erst seit George Bush Präsident ist, wird die Religion so politisiert, zu so einer wichtigen Sache, gerade für die Konservativen. Das ist schon sehr irritierend".

Es hat seine Gründe, dass Ben Folds so schlüssig und treffsicher über das Phänomen Amerika singen kann. Er lernte früh diverse Facetten kennen, viele verschiedene Nachbarschaften. Ganze 14 Mal zog er als Heranwachsender mit seinen Eltern um - aber stets innerhalb der selben Stadt. Vater Folds renovierte heruntergekommene Häuser, die er anschließend mit Gewinn weiter verkaufte. Und in denen lebte man halt. Das klingt pragmatisch, war aber für den jungen Ben Folds nicht immer einfach, denn eines ist klar: Tiefe Freundschaften werden durch diesen Lebenswandel nicht eben gefördert. Probleme, denen der Vater mit einem Klavier begegnete. "Es stand plötzlich da", erinnert sich Ben Folds. "Ich weiß immer noch nicht, ob mein Dad mir einfach eine Freude machen wollte, oder ob einer unserer Kunden es in Zahlung geben musste. Vielleicht beides, auf jeden Fall war ich der einzige in der Familie, der es spielte." Man kann dem Vater dankbar sein, denn der Rest ist Musikgeschichte.

Übrigens: Neulich hatte Ben Folds die Chance, eines seiner Idole kennen zu lernen. Randy Newman, weiter oben schon kurz genannt und sicher einer der anerkanntesten Chronisten der amerikanischen Gegenwartskultur, stand ein paar Minuten lang neben ihm - an der Gepäckabfertigung eines Großflughafens. Ben Folds blieb still. "Was hätte ich denn sagen sollen? 'Hallo, ich bin Ben Folds'? Das hätte ja impliziert, das ich erwarten würde, dass er meine Musik kennt. Was er übrigens tut, wie ich später erfuhr. Ihm gefällt's sogar, und das ist ziemlich großartig." Tja, dass Randy Newman Geschmack hat, dürfte ja nichts Neues sein.

Jochen Overbeck


Mit "Songs For Silverman" liefert Ben Folds sein bisher souveränstes Soloalbum ab.
Mit "Songs For Silverman" liefert Ben Folds sein bisher souveränstes Soloalbum ab. (Sony BMG)

Notizen zum american way of life: Ben Folds macht sie in "Jesusland".
Notizen zum american way of life: Ben Folds macht sie in "Jesusland". (Sony BMG)

Irgendwann stand da ein Klavier - gut, dass Ben Folds anfing, sich für das Ding zu interessieren.
Irgendwann stand da ein Klavier - gut, dass Ben Folds anfing, sich für das Ding zu interessieren. (Sony BMG)

Datum: 02.06.2005

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Diskussion: "Ben Folds"

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