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Die Stimmen im Kopf werden lauterRock/Pop Leo Sayer (tsch) Wer kennt ihn nicht, den Werbespot für Katzenfutter, einen der sinnlichsten und romantischsten 30-Sekunden-Filmchen im Gemenge der Dauerpreisung? Während die samtgraue Katze genüsslich ihr "Sheba" futtert, ertönt "When I Need You" - für Leo Sayer, den Hitgiganten des Gourmethäppchens, heutzutage blanker Horror. Seit 15 Jahren arbeitete er wie ein Berserker an einer neuen Identität. Am Ende steht nun ein neues, stimmiges und ungeheuer emanzipiertes Album mit dem Titel "Voice In My Head", aber auch die Erkenntnis, dass er es wohl nie schaffen werde, die Box, in die ihn die Musikindustrie mit seinen Hits gesteckt hat, jemals zu verlassen. teleschau: Sie beäugen das Aufnahmegerät so interessiert. Wieso hat es Ihnen Technik so angetan? Leo Sayer: Ich bin ein richtiger Technik-Freak. Wir leben in einem großartigen Zeitalter. Als ich mit dem Schreiben der Songs fertig war, saß ich einfach nur da und hörte sie mir quasi in meinem Kopf an. Die Bilder, die in meiner Fantasie dazu entstanden, waren wie tausende Leuchtfeuer. Vollkommen verrückt eigentlich, oder? Nun stellte sich die Frage: Wie nehmen wir das Ganze auf? Natürlich wusste ich genau, wie es gehen sollte: Ich wollte echte Streicher, echte Musiker, tolle Schlagzeuge und so weiter. Ich bin zwar kein guter Musiker, kann aber ganz gut mit dem Computer umgehen. Ich musste mir also in den letzten fünfzehn Jahren beibringen, wie ich beides zusammenbringe. teleschau: Das hört sich an, als wäre der Computer ein echter Spielplatz für Sie! Sayer: Es macht mir wirklich Spaß, wobei ich sagen muss, dass ich mich erst an den Computer setze, wenn ich alles fertig geschrieben habe. Der Prozess eines jeden Songs muss erst in meinem Kopf und der Seele zu Ende entwickelt sein, bis er reif ist. Zu viele Leute klimpern ein bisschen auf der Gitarre rum, und schon haben sie einen Song. So kann ich nicht arbeiten. Ich probiere nicht viel aus, sondern entwickele sehr viel in meine Kopf, arbeite assoziativ, schnappe hier und da was auf: Ich liebe es, Geschichten zu erzählen. Wenn ich's könnte, würde ich Romane schreiben. teleschau: Wenn Sie so technikaffin sind: Wieso haben Sie sich immer so vehement gegen Remix-Anfragen ihrer frühen Hits gewehrt? Sayer: Da gab es mal einen in England: Die haben einen Remix von "You Make Me Feel Like Dancing" gemacht, mich aber nie dafür bezahlt, obwohl es erneut ein großer Hit wurde. Das war reine Abzocke. Ich denke, die Rolle des Discjockeys wird latent überbewertet: Etwas zu nehmen, was es schon gibt, und einfach ein bisschen aufzupeppen, das wird zu oft zu schlecht gemacht. Natürlich gibt es einige Ausnahmen. Aber was bringt es der Welt, aus Bruce Springsteens "Dancing In The Dark" ein beatunterlegtes Etwas zu produzieren? teleschau: Wie versuchen Sie, gegen den Trend zu schwimmen? Sayer: Man sollte eine umfassender Perspektive haben. Überall gibt es Verbindungen: Usher ist Prince ist Sly & the Family Stone ist Little Richard, und Little Richard war Fats Domino. Überall hört man die Einflüsse. Gehen Sie zurück zu Ray Charles: Es ist kein Zufall, dass er posthum all die Grammys bekommen hat. In jedem neuen Künstler steckt ein wenig Ray Charles. Snow Patrol und Coldplay spielen die gleichen vier Akkorde, die auch Otis Redding benutzte. teleschau: Ihr neues Album klingt verdächtig nach einer Abrechnung mit dem Prominentendasein. Sayer: Vielleicht liegt es daran, dass ich den ganzen Starkult hasse, ihm einfach nichts abgewinnen kann. Auch das ist eine überstrapazierte Mode: "Deutschland sucht den Superstar", dieses ganze "Karaoke"-Konzept von "Pop Idol", durch das jeder zum Star werden kann: Jeder kann auf einmal, darf auf einmal singen. Was ist das für eine Welt, in der Kylie Minogue und Robbie Williams als die besten Sänger gelten? Ich will ja nicht zu kontroverse Themen hier anschneiden, aber das lässt schon tief blicken. Und Jamie Cullum ist der beste Pianist der Welt? Ich habe wirklich keine Anti-Neu-Haltung, aber schließlich gibt es einige Standards in der Musikgeschichte. Rufus Wainwright ist ein großartiger neuer Liedermacher. Jack Johnson und Ben Harper können auch wirklich viel. teleschau: Fühlen Sie sich wie ein Mentor? Sayer: Wenn man Erfahrungen in diesem unerbittlichen Musikgeschäft gemacht hat und dabei überleben konnte, sollte man sie auch weitergeben. Davon bin ich überzeugt. Schließlich hatte ich selbst auch viele Mentoren. Ich verehre Van Morrison und Bob Dylan. Aber auch Ray Charles und James Brown hatten großen Einfluss auf mich. Wenn man solche Leute trifft, ist es natürlich in den ersten Momenten aufregend, aber nach einer halben Stunde oder am nächsten Tag sind diese Leute wie Zimmergenossen aus der Uni für dich. Sie sind normale Menschen. Also wenn Leo jungen Leuten helfen kann und sie ihn wie einen stinknormalen Kumpel akzeptieren, dann kann das klappen. teleschau: Wie können Sie so positiv denken, wenn Sie sich vom Musikgeschäft eigentlich betrogen fühlen? Sayer: Ich habe sehr viel Geld verloren, wurde abgezockt - anders kann man das nicht sagen. Ich fühle mich auch von England ignoriert. Das hat mich sehr enttäuscht. Ich denke, dass mich die Leute nicht wirklich verstehen wollten. Man steckt dich in eine Box, um dich besser beschreiben zu können. Das passiert jedem. Ich hatte eben Pech. Musik ist wie Sport: Man darf einmal schießen und wenn man's verpatzt, wirst du nie mehr eine Chance bekommen. teleschau: Wieso sind Sie nie ein professioneller Schriftsteller geworden? Sayer: Ich bin ein Dichter: Alles, was ich mir zusammenreime, geht in meine Songs. Vielleicht wird es auch noch Bücher geben. Dafür ist es längst noch nicht zu spät. Außerdem habe ich gemalt, bevor ich mit dem Singen angefangen habe. Ich bin sehr froh, wie es zurzeit läuft, ich habe keinen Grund, frustriert zu sein: Ich kann meine Gefühle und Gedanken in Songs packen und die Leute verstehen es. Jeder, der mein Album bisher gehört habe - und mit dem ich sprechen konnte - hat das jeweilige Bild sofort vor Augen. Ich fühle mich endlich verstanden. Das ist das Höchste der Gefühle. teleschau: Wieso hat das so lange gedauert? Sayer: Vor einigen Jahren hatte ich das Gefühl, dass ich meine beste Arbeit mache, wenn ich älter bin. Denn Alter, die Zeit im Allgemeinen sind keine Faktoren, die wichtig sind. Man kann auch noch mit 60 Jahren was Neues anfangen. Ich genieße das Gefühl, unvorhersehbar zu sein, vielleicht sogar als Einzelgänger zu gelten. Für mich bedeutet es nicht viel, 15 Jahre für diese Platte gebraucht zu haben. Jedes Jahr findet sich in den Songs wieder. teleschau: Denken Sie, es gibt einen wachsenden Markt für Liedermacher nach alter Tradition? Sayer: Definitiv. Wenn man sieht, welche Künstler aus Europa und Amerika kommen, dann bemerkt man ganz deutlich den Trend hin zu Solo-Künstlern. Die Singer- / Songwriter-Entwicklung ist weiterhin existent: Ich gehöre dazu, aber auch beispielsweise Damien Rice und Rufus Wainwright. Aber ich habe letztens die Jungs von Travis getroffen. Die haben mir erzählt, dass sie sich nie irgendwas angehört haben, das nach 1980 produziert worden ist. Das ist alles Müll. Denn seitdem kam das Geld in die Musikindustrie. Dem kann ich natürlich nicht in Gänze zustimmen, aber es ist schon was dran. teleschau: Woran liegt's? Sayer: Als ich mit der Musik anfing, mussten wir im Clinch mit unseren Eltern liegen. Wir mussten gegen alles sein, mussten gegen unsere Väter kämpfen. Aber heute? Wer legt sich heute schon mit seinen Eltern an, wenn es nicht gerade um Drogen oder so was geht? Ich erkenne keine Revolution, die irgendwo in Gange ist. teleschau: Wie schätzen Sie den Einfluss von Neuauflagen wie das kürzlich veranstaltete "Band Aid" ein? Sayer: Bloßes Marketing. Das "New Band Aid" hätten sie nicht veranstalten sollten. Es ist nur ein weiterer Grund, Geld zu machen. Natürlich geht die Kohle an die Wohlfahrt, aber dahinter steckt Geschäftssinn. Das ist wirklich traurig. Aber das sind die Zeiten, in denen wir leben. Also was können wir dabei schon machen? Wenn wir Tony Blair und George Bush nicht loswerden können, also die Leute, die wir hassen und die uns nichts Gutes tun, dann stecken wir wirklich fest. teleschau: Versuchen Sie, die Leute zu manipulieren, aufzurütteln? Sayer: Natürlich kann und möchte ich das. Mit der Stimme lassen sich die Zuhörer beeinflussen, es können Emotionen angeregt werden. Ich verkaufe meine Songs und die Texte darin wie am Marktstand, indem ich meine Stimme einsetze. Das ist eine echte Leidenschaft, eine neue Leidenschaft - obwohl ich seit fünfzehn Jahren darauf hinarbeite. Ich fühle mich heute glücklicher und zufriedener als in früheren Zeiten, weil Leute erzählen, dass sie meine Arbeit mögen. Und nur darum geht es: Freude zu teilen - gerade in einer hoffnungslosen Welt. Leif Kramp |
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