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Patrice

Mehr als nur Reggae

Rock/Pop Patrice

(tsch) Von wegen, gute Offbeats kommend zwingend aus Jamaica: Spätestens, seit Gentleman mit "Confidence" die Pole Position der Longplay-Charts stürmte, ist Reggae und Dancehall aus Deutschland ein dickes Thema. Der zweite Genre-König heißt Patrice und agiert weniger puristisch als Gentleman. Neben dem klassischen Rastafari-Sound besitzt seine Musik eine Menge Soul und eine dicke Portion Pop-Appeal. Dieser Tage erscheint mit "Nile" sein drittes Album - zudem ist er in nächster Zeit häufig auf Deutschlands Bühnen zu sehen - zum Beispiel gemeinsam mit Gentleman, Afrob oder den Fantastischen Vier. Grund genug, dem Kölner auf den Zahn zu fühlen.

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teleschau: Patrice, Dein neues Album heißt "Nile". Was ist das Konzept hinter der Platte?

Patrice: Es ist ein sehr abstraktes Konzept. Ich habe den Nil in erster Linie als allgemeines Synonym genommen, als Synonym für Wasser, und damit auch für Leben, vom Ursprung bis zur Mündung ins Meer. Der Nil fließt durch die Wüste, macht das Land fruchtbar. Wäre er nicht, wäre dort kein Leben möglich. Außerdem - das ist damit natürlich eng verknüpft - ist der Nil natürlich ein ganz besonderer Fluss, die Wiege der Zivilisation. Man kann ihn übrigens auch personifizieren, als Frau, als Mutter sehen. Mein Vater hat für das ZDF mal eine Doku gemacht, da kam das drin vor. Das hat bei mir Eindruck hinterlassen, das fand ich ein starkes Bild - und es ist doch auch vom Klang her ein cooler Titel, oder? (lacht)

teleschau: Warst Du denn dort, am Nil?

Patrice: Ja, nachdem ich mich entschied, das Album so zu nennen, war das schon wichtig. Ich wollte die Stimmung einfangen, den Geist, der dort herrscht. Ich flog also nach Kairo, nahm den Zug nach Luxor und fuhr schließlich mit einem traditionellen Segelboot wieder flussabwärts - und übernachtete auch auf dem Fluss, das war sehr schön und wahnsinnig beindruckend.

teleschau: Wie findet sich diese Thematik denn auf der Platte wieder? Du sagst, auf eher abstrakte Art und Weise - merkt man das als Hörer denn überhaupt?

Patrice: Ja, es gibt auf jeden Fall ein Lied, bei dem man das merkt. Das heißt "Slave To The River" und geht schon konkret auf den Fluss ein. Ansonsten habe ich eher versucht, eine Stimmung wiederzugeben, so eine Unterwasserstimmung. Zumindest verstehe ich die Songs so, kann natürlich sein, dass jemand anders da völlig andere Dinge hört.

teleschau: Zuletzt hast Du unter anderem in Jamaica aufgenommen - diesmal zu Hause. Was hat den Ausschlag gegeben, diesmal nicht zu verreisen?

Patrice: Auf Reise zu gehen, bedeutet für mich immer auch zu experimentieren, etwas Neues zu versuchen. Deshalb fuhr ich für die letzte Platte nach Jamaica und arbeitete mit vielen großen Stars zusammen, was natürlich ein Traum für mich war. Aber die Reaktion darauf war eben: Ich will's jetzt mal im Kleinen machen, mit meinen Leuten und einfach mal mehr Zeit haben. So hatten wir alle Zeit der Welt. Meine Jungs kenn' ich - und es war mir wichtig, dass die sich der Sache ganz widmen, dass jeder, der mitgemacht hat, die Platte wirklich liebt und auf die Sache wirklich Bock hat. Es war halt ganz anders - ich hab' zum Teil im Studio geschlafen, bin dann aufgestanden und hab was eingesungen ... So eine Freiheit hat man sonst nicht.

teleschau: Kann mann dann den Entstehungsprozess von "Nile" zeitlich überhaupt irgendwie zusammenfassen?

Patrice: Das ist schwierig. Einige der Songs habe ich schon zu Schulzeiten geschrieben. Das war also fließend. Wenn man jetzt nur die Aufnahmesession und die Vorproduktion nimmt: so ein Jahr, was aber auch viel mit Koordination zu tun hatte. Es konnten eben nicht immer alle.

teleschau: Was bedeutet das für das Album, wenn man es mit dem Vorgänger vergleicht?

Patrice: Der Geist ist ein anderer. Meine erste Platte war das typische Debüt, sehr unschuldig. Dafür hat man ja sozusagen das ganze Leben Zeit. Und dann wird man plötzlich mit den Meinungen anderer Menschen konfrontiert. Das beschäftigt einen, und das nimmt man in das zweite Album mit rein. Bei der dritten Platte emanzipiert man sich davon, und das habe ich diesmal wirklich getan. Ich habe mich im Studio eingeschlossen, bis das Ding fast fertig war. Ich wollte keine Meinungen hören, sondern mich auf meine Vision konzentrieren. Außerdem steckt wieder mehr Idealismus drinnen.

teleschau: Du coverst mit "It Hurts To Be Alone" einen ganz alten Wailers-Song aus den 60er-Jahren. Warum?

Patrice: Das ist einfach eines meiner Lieblingslieder. Ich hatte ganz, ganz früher mal so eine Wailers-Kaufkassette, da war der drauf. Das Tape verlor ich irgendwann - und ich habe ewig nach dem Lied gesucht, fand es aber nie auf CD oder Platte oder so. Aber der Song war immer in meinem Kopf, und da dachte ich, den musst du einfach nachspielen. Das ist meine erste Coverversion überhaupt, obwohl ich das eigentlich nicht so gerne mache. Aber es wäre schade, wenn das Lied verloren gehen würde. Zumal man da wirklich noch was rausholen konnte, weil die Aufnahmequalität des Originals einfach bockschlecht ist. (lacht)

teleschau: Man hat generell den Eindruck, dass Dich alte Reggae- und Twotone-Sachen mehr beinflussen als früher ...

Patrice: Ja, das kann gut sein. Die Platte klingt sehr alt, wir haben sie auch komplett analog und mit alten Instrumenten aufgenommen. Ich mag das sehr gerne - genau wie die ganzen alten Soul-Sachen. Stevie Wonder, Marvin Gaye, Terry Callier. Mir gefällt eigentlich fast alles, wo die 80er-Jahre noch nicht reingegrätscht haben (lacht). Ich finde aber trotzdem, dass "Nile" einen modernen Geist hat - eben deshalb, weil ich noch relativ jung bin.

teleschau: Was hat es eigentlich mit dem Erfolg in Italien auf sich?

Patrice: Ja, in Italien war ich sogar in den Single-Charts. Das ist ganz witzig, ich glaube, da bin ich ein Mainstream-One-Hit-Wonder, obwohl ich mich eher als Album-Künstler sehe und als Live-Act. Wenn ich nach Italien komme, geht echt der Popstar-Terror los. Das ist total lustig, vor allem, weil ich auch das Gegenteil kenne. Wenn ich in England spiele, bin ich Vorgruppe und sitz' allein mit der Gitarre da - und niemand dreht sich auch nur nach mir um. Man muss das halt mit einem gewissen Abstand betrachten. Wie waren schließlich alle mal jung und hatten unsere Idole. Kritisch wird's halt erst, wenn die Älteren auch rumkreischen.

Jochen Overbeck


Grenzgänger zwischen Roots-Reggae, Soul und Pop: Patrice.
Grenzgänger zwischen Roots-Reggae, Soul und Pop: Patrice. (Yo Mama)

Bisher wird nur in Italien gekreischt: Patrice.
Bisher wird nur in Italien gekreischt: Patrice. (Yo Mama)

Mit "Nile" veröffentlicht Patrice sein drittes Album.
Mit "Nile" veröffentlicht Patrice sein drittes Album. (Yo Mama)

Datum: 28.05.2005

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Diskussion: "Patrice"

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