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Anna Maria Mühe

"Ich bin ein sehr nettes Mädchen"

Schauspielerin Anna Maria Mühe

(tsch) "Ich gehe meinen eigenen Weg." Anna Maria Mühe sagt da nichts anderes als andere Schauspieler. Bei genauer Betrachtung wird jedoch klar, wie essenziell dieser Satz ist, wenn es darum geht, die Karriere der 20-jährigen Berlinerin einzuordnen. Das Talent wurde der Tochter der Schauspieler Ulrich Mühe und Jenny Gröllmann in die Wiege gelegt, entdeckt wurde sie allerdings rein zufällig - in einer Bar, mit 16 Jahren. Sie hatte schnell Blut geleckt. Dem Teen-Drama "Große Mädchen weinen nicht" (2002) folgte ein Jahr später die Hauptrolle (neben Daniel Brühl und August Diehl) in "Was nützt die Liebe in Gedanken". Seitdem zieht das Mädchen mit den großen, runden, blauen Augen tatsächlich ihr Ding durch. Sie punktet mit ausgewählten Charakterollen, die sie, den blonden Unschuldsengel, wie im "Polizeiruf 110: Vergewaltigt" (Sonntag, 17.7., ARD), in Abgründe und schauspielerische Grenzbereiche führen.

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teleschau: In "Delphinsommer" spielen Sie das in einer Sekte gefangene Mädchen; im Weltkriegs-Drama "Die letzte Schlacht" eine Krankenschwester mitten im Untergangs-Irrsinn; nun, im "Polizeiruf 110: Vergewaltigt", das Opfer eines brutalen Sexualdelikts ... - Bei Ihnen liegt in drei Rollen mehr Brisanz als bei anderen in zehn. Sind Sie schon in der luxuriösen Lage, sich die Rollen so gezielt aussuchen zu können?

Anna Maria Mühe: Ich achte sehr auf meine Rollenangebote und lehne auch einige Anfragen ab.

teleschau: Welcher Art?

Mühe: Ach, zum Beispiel diese Teenie-Komödien, in denen ich ein Mädchen spielen soll, das zum ersten Mal verliebt ist. Da sehe ich mich nicht so sehr.

teleschau: Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

Mühe: Nur nach Gefühl. Eine Rolle muss mich tiefer berühren und eine Herausforderung sein. Früher sagte ich auch mal, dass ich nur Kino machen will. Aber das war in meiner naiven Zeit - totaler Schwachsinn. Es gibt tolle Drehbücher fürs Fernsehen.

teleschau: Kommt es Ihnen auch auf die gesellschaftliche Relevanz eines Stoffes an?

Mühe: Auf jeden Fall. Die perfekte Rolle hat für mich neben der schauspielerischen Herausforderung auch aktuelle Bezüge.

teleschau: Gehört eine Botschaft dazu, etwas, das Sie Gleichaltrigen mitgeben?

Mühe: Ganau. So wie im "Polizeiruf". Ich versuche, den Mädels schon etwas mitzuteilen, das über die blanke Wut und den logischen Hass gegen Vergewaltiger hinausgeht. Ich will zeigen, welche psychischen Folgen so etwas hat.

teleschau: Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Mühe: Sehr intensiv. Zum Beispiel traf ich ein Vergewaltigungsopfer und führte mit ihr ein langes, spannendes Gespräch. Das war hart und sehr, sehr traurig.

teleschau: Was empfanden Sie dabei?

Mühe: Bewunderung. Es war gerade ein Jahr her, dass sie vergewaltigt wurde, aber sie war so wahnsinnig stark. Sie konnte erstaunlich offen darüber reden und es irgendwie meistern - jedenfalls hatte es den Anschein. Wenn ich sie einfach so auf der Straße getroffen hätte, wäre ich nie darauf gekommen, dass sie eine von denen ist. Never.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Mühe: Ich glaube, dass viele Vergewaltigungsopfer denken, dass man es ihnen ansieht. Auch die Frau, die ich traf, berichtete mir, dass sie sich in den ersten Monaten nach der Vergewaltigung nicht oder nur mit tief gesenktem Kopf auf die Straße traute, weil sie das Gefühl hatte, jeder würde es sehen. Das muss schrecklich sein.

teleschau: Was brachte Ihnen das für die Rolle?

Mühe: Viel. Es gibt zum Beispiel eine Szene, da tu' ich genau das: mit gesenktem Kopf über die Dorfstraße laufen ...

teleschau: Wie nah lassen Sie das alles an sich ran?

Mühe: Sehr nah, leider. Ich bin ein absoluter Bauchmensch. Bei mir geht sowieso alles ziemlich tief, und ich steigere mich immer in meine Rollen rein. Als wir die Vergewaltigungszene drehten ... - das war schon verdammt hart. Nicht nur für mich, auch Harald Schrott, der meinen Peiniger spielte, war fix und fertig. Ich dachte mir: "Oh, Gott. Was hast du da eigentlich gespielt? Das erleben andere Mädchen wirklich, und du sitzt jetzt da, als wäre nichts weiter passiert." Da wurde mir bewusst, was für eine große Verantwortung es ist, wenn man das so spielen will, um diesen Mädchen gerecht zu werden.

teleschau: Der Film klagt einen zunehmenden Sexismus in unserer Gesellschaft an ...

Mühe: Auf jeden Fall setzt er ein deutliches Zeichen dagegen. Aber man kann es sich nicht so einfach machen und sagen, Werbung oder die Medien tragen da irgendwie Mitschuld. Ich bin jetzt auch nicht prüde oder so.

teleschau: Was haben Sie am Ende aus der Rolle des Vergewaltigungsopfers mitgenommen?

Mühe: Eine Angst, die ich vorher noch nicht kannte. Und viel Respekt vor Menschen, denen das passiert ist. Ich denke, beides bringt mich irgendwie weiter. Das ist mir wichtig. Ich möchte mit jeder Rolle ein bisschen wachsen.

teleschau: Haben Sie sich deswegen schon mit 16 für die Schauspielerei entschieden? Immerhin ließen Sie dafür sogar das Abi saußen ...

Mühe: Irgendwie konnte ich gar nicht richtig entscheiden. Es passierte einfach - auf einer Geburtstagsparty in der Bar "Route 66", als mich die Regisseurin Maria von Heland ansprach. "Du bist es", hat sie gesagt - drei Wochen später hatte ich meine erste Hauptrolle in "Große Mädchen weinen nicht". Als ich dann "Was nützt die Liebe in Gedanken?" drehte, war mir schon klar: Das ist es, was ich mein Leben lang machen möchte. Daniel und August waren wie Brüder für mich. Sie sehen: Mir blieb echt nichts anderes übrig.

teleschau: War es Ihr Kindheitstraum, Schauspielerin zu werden?

Mühe: Eigentlich wollte ich Gerichtsmedizinerin werden. Das war mein großer Traum. Aber mit Theater und Schauspielerei hatte ich wegen meiner Eltern von Klein auf immer zu tun. Wahrscheinlich habe ich von ihnen ein bisschen Theater-Blut mitgekriegt.

teleschau: Würden Sie sagen, Sie hatten das, was man eine "normale Kindheit" nennt?

Mühe: Das Gute an der Sache war, dass wir so oft umgezogen sind und ich dadurch immer wieder tolle Menschen kennen lernte. Ich mochte das, auch wenn, gerade mit 13 oder 14, mancher Abschied schwer gefallen ist. Im Endeffekt war das alles gut für mich.

teleschau: Ein Kollege der "Berliner Zeitung" hat einen Artikel über Sie mit der Schlagzeile: "Die weiß, was sie will" überschrieben. Fühlen Sie sich gut getroffen?

Mühe: Ja. Auf jeden Fall. Ich bin schon ziemlich ehrgeizig.

teleschau: Bis hin zum Ellenbogen-Einsatz?

Mühe: Nö, überhaupt nicht. Ich bin ein sehr nettes Mädchen.

teleschau: Was sind Sie noch?

Mühe: Ein sehr lebenslustiger Mensch. Der Ehrgeiz beschränkt sich auf meine Arbeit. Aber das heißt nicht, dass ich nicht bescheiden bin. Ich habe schon so tolle Rollen bekommen, die sich andere nicht mal zum Ziel zu setzen wagen. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

teleschau: Und inzwischen genießen Sie Ihr Dasein als Filmstar ...

Mühe: Na ja. Ich kann einigermaßen davon leben, aber ich jobbe nebenbei auch noch in einer Bar, um mir nebenbei etwas dazu zu verdienen. Macht Spaß! - Und es hilft, auf dem Boden zu bleiben.

teleschau: Gehören Ihre Freunde zum Schauspielerkreis?

Mühe: Auf jeden Fall. Da gibt es eine richtige Clique. Ich hänge oft mit Leuten wie Hanna Herzsprung, Tobias Schenke, Susan Höcke ab. Wir jüngeren Schauspieler hier sind eigentlich sehr gut befreundet.

teleschau: Klingt, als fühlten Sie sich nach all den Umzügen in Berlin heimisch.

Mühe: Erst mal ja. Aber nicht für immer. Mal gucken, wohin es mich noch verschlägt ...

teleschau: Sind Sie verliebt in Berlin?

Mühe: Ich bin Single. Und ich genieße es. Vielleicht ist alles deshalb noch so schön und aufregend, weil ich das mit dem Erfolg als Schauspielerin noch gar nicht so richtig begriffen habe. Wenn mich wildfremde Leute auf der Straße anquatschen, dann fühlt sich das zwar schön an, aber es ist auch irgendwie absurd.

teleschau: Gibt es nicht Momente, in denen Sie vor sich selbst erschrecken?

Mühe: Ja, das meinte ich mit "absurd". Natürlich sitze ich auch alleine zu Hause und versuche, über all das nachzudenken, aber das ist nicht einfach. Es gibt ständig so verrückte Situationen: Morgens steh' ich im Supermarkt an der Kasse an, abends pose ich auf dem roten Teppich vor Kameras, und Leute fragen mich nach einem Autogramm. Verrückt, aber immer wieder wie ein Wunder.

teleschau: Wie geht's nun weiter? Gönnen Sie sich eine Pause?

Mühe: Gerade drehe ich fürs ZDF ein Fernsehspiel mit dem Arbeitstitel "Nike". Ich spiele ein junges Mädchen, das plötzlich vor der Aufgabe steht, irgendwo in der Pampa einen ganzen Bauernhof alleine schmeißen zu müssen. Im Juli feiere ich groß Geburtstag. Danach werde ich wohl in den Urlaub fahren, irgendwohin in den Süden mit Strand und Meer. Ich weiß noch nicht mit wem, aber ich weiß, ich muss mal raus!

Frank Rauscher


"Ich bin ein sehr lebenslustiger Mensch": Anna Maria Mühe.
"Ich bin ein sehr lebenslustiger Mensch": Anna Maria Mühe. (WDR / Katrin Knoke)

Anna Maria Mühe (hier mit Harald Schrott, dem Peiniger im RBB-"Polizeiruf 110: Vergewaltigt") genießt das Leben.
Anna Maria Mühe (hier mit Harald Schrott, dem Peiniger im RBB-"Polizeiruf 110: Vergewaltigt") genießt das Leben. (RBB / Conny Klein)

Wer glaubt dem Opfer? Kommissarin Herz (Imogen Kogge, links) und Claudia (Anna Maria Mühe) sind bestürzt, denn der Vergewaltiger leugnet die Tat und sagt aus, dass der intime Kontakt von beiden gewünscht war. Im Hintergrund: Claudias Eltern (Swetlana Schönfeld und Amin Dillenberger).
Wer glaubt dem Opfer? Kommissarin Herz (Imogen Kogge, links) und Claudia (Anna Maria Mühe) sind bestürzt, denn der Vergewaltiger leugnet die Tat und sagt aus, dass der intime Kontakt von beiden gewünscht war. Im Hintergrund: Claudias Eltern (Swetlana Schönfeld und Amin Dillenberger). (RBB / Conny Klein)

Datum: 28.06.2005

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