(tsch) Millionen Frauen dürften grün vor Neid werden: Sie hat an der Seite von Brad Pitt gespielt, mit Johnny Depp, Leonardo di Caprio und George Clooney. Kaum eine Schauspielerin ist so vielseitig wie Juliette Lewis. Und sie hat stets überzeugt: Als unschuldige Pfarrerstochter in "From Dusk Till Dawn", als eiskalte Mörderin in "Natural Born Killers" oder als geistig zurückgebliebenes Teenager-Girl in "Ganz normal verliebt". Jetzt hat die 32-Jährige ihre eigene Band an den Start gebracht. Das erste Projekt, wo sie sich selbst spielt.
teleschau: Seit Sie mit Ville Vallo von der finnischen Goth-Rockern HIM das Video zu "Buried Alive By Love" gedreht haben, ist er bekennender Fan von Ihnen.
Juliette Lewis: Ach ja, dieser Typ mit dem lustigen Namen. Lieber Kerl. Ich hab ihn kennen gelernt und fand ihn so nett, dass ich mit ihm dieses Video gedreht habe. Ich weiß gar nicht, ob das irgendwelche Leute gesehen haben.
teleschau: Bei uns in Europa sind er und seine Band Stars. Das Video lief auf alle Kanälen.
Juliette Lewis: Oh, cool. Das wusste ich nicht. Überhaupt kümmere ich mich nie darum, was mit einem Projekt passiert, wenn meine Arbeit daran beendet ist. Ich bin da ziemlich uneitel.
teleschau: Sie genießen - im Gegensatz zu vielen Hollywood-Stars - das Image, völlig umgänglich und normal zu sein. Jetzt sind Sie aber Chefin einer Rock'n'Roll-Band, da gehören Skandale zum guten Ton.
Juliette Lewis: Mal ehrlich: Dieses Image von "Sex, Drugs & Rock'n'Roll" ist doch völlig antiquiert und uncool. Ich habe da eher einen sehr athletischen Ansatz, was Disziplin, Performance und Show angeht.
teleschau: Wie haben Sie eigentlich Ihre Band zusammengestellt? Haben Sie zum ersten Mal beim Casting auf der anderen Seite des Schreibtischs gesessen?
Juliette Lewis: Ja, klar. Denn ich wollte Leute, die eine ehrliche Leidenschaft für Musik besitzen. Die den Willen haben, hart zu arbeiten. Ich kenne das von der Schauspielerei. Dort habe ich oft 16 Stunden am Tag gearbeitet. Ich bin daran gewöhnt, hart zu schuften und eine Menge einstecken zu müssen. Und ich bin es gewöhnt, dass meine Arbeit ständiger Begutachtung ausgesetzt ist. Ich kann mir vorstellen, dass meine Band einen harten Boss in mir sieht. Ja, nennt mich einen Boss. Das stimmt schon.
teleschau: Spielen Sie eigentlich ein Instrument? Wie schreiben Sie überhaupt ihre Songs?
Juliette Lewis: Ich kann drei Akkorde auf der Gitarre, aber ich nehme Unterricht. Ich schreibe alle Songs mit meinen Musikern zusammen, wir erarbeiten zusammen Beats und Melodien und kommen prima klar.
teleschau: Und worum geht's auf Ihrem Album inhaltlich?
Juliette Lewis: Es geht um Sex, Politik und um soziale Belange. Natürlich auch um das große Geld und den ganzen Scheiß. Deswegen sind die Gitarren knallhart, und die Stimmung ist sehr klaustrophobisch. Ihr werdet überrascht sein: Nach zwei Jahren mit meiner Band auf Tour sind wir alle viel besser geworden, meine Stimme ist viel kraftvoller. Glaubt es, oder nicht: Ich hab inzwischen eine richtige Jazz-Stimme! (lacht) Ich bin vielseitiger geworden, melodischer, besser. Das Album ist wirklich vielschichtig. Und meine Band hat's wirklich drauf: Die spielt einfach alles.
teleschau: Ist dies eigentlich das erste Mal in Ihrer Karriere, wo Sie nicht spielen, sondern sich so geben, wie Sie wirklich sind?
Juliette Lewis: Hm - schwierig. Denn einerseits schon, andererseits bin ich Verfechter der Idee, den Fans eine Show zu bieten. Mick Jagger ist theatralisch. Iggy Pop dramatisch. Jeder Künstler bringt etwas Eigenes in seine Musik ein. Ich als Schauspielerin muss dieses Element einfach nutzen. Aber trotzdem geht es um Musik, und da will ich als Mensch den Kontakt zu den Fans suchen. Für mich ist Musik eigentlich die umfassendere Kunstform als Schauspielerei.
teleschau: Wie sind die Reaktionen bisher?
Juliette Lewis: Ziemlich cool. Wieso?
teleschau: Bekommen Sie keinen Gegenwind, weil Sie nur "eine weitere singende Schauspielerin" sind?
Juliette Lewis: Ich denke, einige Leute in der Presse werden natürlich die üblichen Vorurteile haben: Die denken, die Lewis wird furchtbar und untalentiert sein, und dann werden sie mich auch genau so sehen. Aber mir macht das nichts aus. Ich bin es gewohnt, mich zu beweisen.
teleschau: Ein US-Journalist hat mal über Sie geschrieben, Sie seien anscheinend schon mit Boxhandschuhen auf die Welt gekommen. Sie sind wirklich ein kämpferischer Typ.
Juliette Lewis: Eigentlich nicht. Es ist eher eine Angewohnheit geworden, Leute zu überraschen. Ich bin aber auch gerne eine Kämpferin für die, die nicht kämpfen können. Ich liebe es, die Stimme für die zu sein, die sich nicht so artikulieren können.
teleschau: Und im richtigen Leben?
Juliette Lewis: Da lache ich viel, streite mich so gut wie nie und versuche immer, mich auf mein Gegenüber einzulassen. Ich bin eine gute Zuhörerin. Dabei halten mich einige Leute mit Sicherheit für völlig durchgeknallt, wenn sie meine Rollen im Kino sehen. Aber das ist gut so.
teleschau: Im Londoner Barfly-Club sind Sie von der Bühne ins Publikum gesprungen und haben sich auf Händen durch den Saal tragen lassen. Sehr mutig. Und bei anderen Hollywood-Stars undenkbar.
Juliette Lewis: Danke. Ich denke, wenn ich eine gute Show spiele und mit dem Publikum auf einer Wellenlänge liege, was sollte mir da passieren? Außerdem fühle ich mich auf der Bühne wie ein Superheld aus dem Comic. Ich bin unverwundbar! Und nicht die zarte, verletzliche Frau. Ich habe Vertrauen in meine Fans. Und ich mag das Unberechenbare.
teleschau: Was passiert, wenn Ihr Album erfolgreich wird? Was, wenn Sie sich entscheiden müssten zwischen Schauspiel oder Musik?
Juliette Lewis: Ich habe im Grunde schon eine kleine Entscheidung getroffen: Momentan stecke ich mein ganzes Herz, meine ganze Leidenschaft und all meine Energie in die Musik. Nur so habe ich ein gutes Gefühl dabei. Ich werde in diesem Jahr nur noch zwei Filme drehen.
teleschau: Einer davon heißt "The Fuck Up". Worum geht's da?
Juliette Lewis: Ich darf noch nichts verraten. Nur soviel: Dieser Film ist fantastisch! Leider müssen noch die Finanzen geklärt werden. Der zweite Film, den ich im Juni drehen werde, heißt "Catch & Release". Dort werde ich mit Jennifer Garner arbeiten. Und danach werde ich wieder mit meiner Band auf Tour gehen.
Stefan Woldach
"Cock Rock" nennt Juliette Lewis das, was sie mit ihren Licks macht. (PIAS)
"Leidenschaft für die Musik" - das ist es, was den Sound von Juliette Lewis & The Licks ausmacht. (PIAS)