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Fatih Akin

"Ich gehöre allen"

Regisseur Fatih Akin

(tsch) Die Themen Ost-West-Verständigung und EU-Erweiterung sind aktueller denn je. Dazu macht sich der Berlinale- und Europäische Filmpreisgewinner Fatih Akin ("Gegen die Wand") seine eigenen Gedanken. In seiner überraschenden Doku "Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul" (Kinostart: 09.06.) erkundet er, wie östlich oder westlich die Türkei ist. Die Suche nach einem Dialog bestimmt auch sein zukünftiges Filmemachen als Teil einer neuen Generation von Regisseuren. Im Interview spricht der Regisseur ("Gegen die Wand", "Solino") über sein Thema Türkei und das deutsche Kino.

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teleschau: Sie kommen gerade aus Istanbul zurück, präsentieren eine Doku über den Sound der Metropole und auch in Ihren Spielfilmen ist die Stadt am Bosporus sehr präsent. Was fasziniert Sie am Heimatort ihrer Mutter?

Fatih Akin: Das Chaos und Leben an jeder Ecke. Dort prallen 15 Millionen Menschen aufeinander, und irgendwie funktioniert das harmonisch. Ich finde, es ist eine sehr befruchtende Stadt, und ich komme immer mit einem Haufen Ideen zurück. Die Menschen, die man dort trifft, sind sehr interessant und global gesehen ist Istanbul ein Knotenpunkt - ein bisschen wie die Mitte der Welt. Die ganze Stadt ist wie eine einzige Filmkulisse und als Thema für mich noch lange nicht ausgeschöpft. Das ist erst der Anfang.

teleschau: Warum erschien es Ihnen eine gute Idee zu sein, sich der Stadt über die Musik zu nähern?

Akin: Musik wird dort konsumiert wie Brot und ist überall. Wenn man bedenkt, wie jung die Türkei als Republik - 80 Jahre - und wie jung die Bevölkerung mit einem Durchschnitt von 18 Jahren ist, begreift man die Wichtigkeit der Musik für Istanbul und welch identitätsstiftende Rolle sie auch hat.

teleschau: Warum haben Sie Alexander Hacke, Bassist der seit 20 Jahren bestehenden Gruppe "Einstürzende Neubauten", losgeschickt, um den Klangteppich der Stadt zu erkunden und aufzunehmen?

Akin: Ein Musiker sollte auf Musiker treffen, einer aus dem Westen auf die Musik des Ostens und ein Deutscher auf Türken. Außerdem mag ich Alexander als Erscheinung, er könnte ein Verwandter von Birol Ünel (Hauptdarsteller in "Gegen die Wand", Anm. d. Red.) sein. Er ist sehr virtuos und kennt sich mit den verschiedensten Musikrichtungen aus.

teleschau: Welches Verhältnis haben Sie zur türkischen Musik?

Akin: Es ist die Musik meiner Eltern, die mich geprägt hat, auch wenn ich sie lange verabscheut habe. Erst mit 16 konnte ich mich ihr annähern und habe sie für mich entdeckt. Heute empfinde ich sie als die für mich bessere Musik. Ich bin ein großer Fan von Sezen Aksu, habe jede Platte von ihr, gehe auf jedes Konzert und habe ein Video für sie gedreht. Bei ihr berührt mich ihr Wissen um den Schmerz und die Freude und ihre Fähigkeit, sie so ausdrücken zu können

teleschau: Bei der Erkundung der Musikszene Istanbuls widmet sich Ihre Doku auch der europäischen Frage danach, wie östlich oder westlich die Türkei ist. Zu welchem Schluss kommen Sie?

Akin: Weder noch, sie liegt genau dazwischen und ist entweder beides oder weder noch. So wie ich weder deutsch noch türkisch bin oder beides.

teleschau: Also grünes Licht für den Beitritt der Türkei zur EU?

Akin: Beim Dreh zu "Crossing the Bridge" habe ich gemerkt, dass das gar nicht gewollt wird. Wie auch in Frankreich scheint die Regierung einen anderen Kurs zu verfolgen als das Volk. Die meisten, die ich getroffen habe, also auch die Musiker, Liberalen und Weltoffenen stehen dem Beitritt eher kritisch gegenüber. Das hat mich sehr überrascht und mir den Kopf gewaschen. Das war eine wichtige Erkenntnis. Befürworter findet man eher bei den Ungebildeteren und Ärmeren.

teleschau: Bei den letzten Filmfestspielen in Cannes waren Sie Mitglied der Jury und stellten "Crossing the Bridge" in einer Sondervorführung vor. Wie reagiert die internationale Filmszene heute auf den deutschen Film und Regisseure aus Deutschland?

Akin: Die Leute sprechen von einer "Nouvelle Vague" des deutschen Films, und er wird wieder international gefeiert. Es gibt eine große Neugierde darauf und das Interesse, gemeinsam mit deutschen Regisseuren zu arbeiten. Vor Jahren war das noch verpönt, jetzt begegnen sie uns mit Respekt.

teleschau: Was für Filme aus Deutschland wünschen Sie den Deutschen?

Akin: Es gibt meiner Meinung nach zu wenig Dialog, was auch am Zuschauerverhalten liegt. Und das muss man ändern. Dabei darf man sich dem Publikum nicht anbiedern, sonst gibt es irgendwann nur noch "Episode 1". Ich finde es interessant, den Zuschauer mit einzubeziehen. Der Film soll nicht alles für ihn erledigen, und er geht nach Hause und das war es dann. Das geht nicht, dafür ist Film für mich zu sehr eine Kunstform.

teleschau: Sie suchen mit ihren Filmen den Dialog und melden sich zu Aktuellem zu Wort. Sind Sie ein politischer Mensch?

Akin: Auf jeden Fall, das war ich schon immer. Politisch bedeutet für mich, Ungerechtigkeiten aufzuzeigen. Und das lässt sich im Film gut machen. Ich glaube, dass er wie Literatur und Musik die Kraft hat, die Welt zu verändern. Nach "Gegen die Wand" habe ich viel Post bekommen. Es waren Todesdrohungen dabei, aber auch viele Dankeschöns. Da hieß es, mein Film habe Leben positiv verändert. Das macht einem Mut, weiterzumachen.

teleschau: Apropos - "Gegen die Wand" gehört ja in eine Trilogie. Was können Sie schon über den zweiten Teil "Tot" sagen?

Akin: Ich schreibe gerade daran. Der Film spielt wieder in Deutschland und in der Türkei. Es geht dabei um ältere Menschen, die sich in den beiden Welten mit dem Tod auseinander setzen. Der Film wird in der Türkei im Landesinneren spielen. Dabei folge ich der Spur Birol Ünels, der als Cahit am Ende von "Gegen die Wand" in den Bus steigt, um in die Provinz zu fahren. Für die Drehorte begebe ich mich jetzt einen Monat auf Recherchereise in die Türkei.

teleschau: Hanna Schygulla soll in "Tot" eine Hauptrolle übernehmen. Was fasziniert Sie an ihr?

Akin: Ich bewundere ihre frühen Filme und würde gerne den Mythos Schygulla inszenieren. Sie ist der letzte lebende Schauspielmythos - die Dietrich und Greta Garbo sind schon gestorben.

teleschau: Ein weiteres Projekt in Planung ist ein Biopic über den legendären türkischen Regisseur Yilmaz Guney, der unter anderem "Yol" drehte.

Akin: Ich bin fasziniert von ihm. Er hatte ein verrücktes, sehr filmisches Leben, das auch Leute interessieren könnte, die ihn gar nicht kennen. Er arbeitete mit Kraft und Trotz gegen den Staat, der ihn gemacht hat. Das wird auch ein Film über die Türkei der 50er- bis 80er-Jahre. Wenn man von Guney erzählt, erfährt man auch viel über die Türkei. Die Zuschauer sollen verstehen wie das Land funktioniert, das ist gerade in der EU-Diskussion wichtig.

teleschau: Wie werden Sie eigentlich in der Türkei wahrgenommen?

Akin: Sie halten mich für einen türkischen Filmemacher. Ich bin da populär, man erkennt mich. Dort bin ich türkisch, hier deutsch. Damit kann ich leben. Ich gehöre allen.

Diemuth Schmidt


Nachdem Fatih Akin im vergangenen Jahr mit seinem Film "Gegen die Wand" bei der Berlinale triumphierte, portraitiert er nun Istanbuls lebendige Musikszene.
Nachdem Fatih Akin im vergangenen Jahr mit seinem Film "Gegen die Wand" bei der Berlinale triumphierte, portraitiert er nun Istanbuls lebendige Musikszene. (corazon / intervista)

Fatih Akin und sein Team entführen hinter die Kulissen Instanbuls. Von links: Hervé Dieu (Kameramann), Fatih Akin, Kellner des Büyük Londra Oteli, Alexander Hacke (Einstürzende Neubauten), Lothar Niehaus (Kameraassistent) und Johannes Grehl (Ton).
Fatih Akin und sein Team entführen hinter die Kulissen Instanbuls. Von links: Hervé Dieu (Kameramann), Fatih Akin, Kellner des Büyük Londra Oteli, Alexander Hacke (Einstürzende Neubauten), Lothar Niehaus (Kameraassistent) und Johannes Grehl (Ton). (corazon / intervista)

"Gegen die Wand" wurde zum bislang größten Erfolg des Regisseurs Fatih Akin (rechts). Birol Ünel (links) und Sibel Kekilli spielten die Hauptrollen.
"Gegen die Wand" wurde zum bislang größten Erfolg des Regisseurs Fatih Akin (rechts). Birol Ünel (links) und Sibel Kekilli spielten die Hauptrollen. (boxfishfilms)

Datum: 19.06.2005

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