Mario Adorf
"Stars gibt es bei uns nicht mehr"Schauspieler Mario Adorf (tsch) Lange umgab ihn die Aura des Bösewichts vom Dienst. Auch die Rolle des (viersprachigen) "Weltmanns" stand ihm nicht besonders. Doch jetzt, im Alter, ragt Mario Adorf aus den Niederungen der deutschen Schauspielergilde hervor wie der berühmte Fels in der Brandung. Auf 200 Filme blickt der jüngst beim Münchner Filmfest mit Standing Ovations Geehrte zurück. Und die Ernte zeigt: Es waren ziemlich gute Rollen dabei - die arme Triebbestie in Siodmaks "Nachts, wenn der Teufel kam" (1956) in seinem ersten großen Film, das Sägewerkbesitzer-Untier in Tom Toelles "Via Mala", die Titelrolle des Kaufhausbesitzers in Dieter Wedels wunderbarem Mehrteiler "Der große Bellheim". Auch der Pate im "Schattenmann" vom selben Regisseur. Große Charaktere, die Kino- und TV-Historie geworden sind. Adorf kann zwar die Bösen, die Untiere, die hirnlosen Gewalttätigen spielen. Aber er kann darüber hinaus auch wunderbar komisch sein. Nicht bloß als rheinischer Klebstofffabrikant Haffenloher in Dietls "Kir Royal", auch in Matti Geschonnecks "Comeback für Freddy Baker" war er genial - als jung gebliebener Schlagersänger, der im Alter sein Comeback feiert und ziemlich gut ankommt bei den Mädels. Anzeige Am 8. September wird er nun 75 Jahre. Adorf ist lockerer geworden. Wenn er in der Vergangenheit manchmal am deutschen Film und auch am Fernsehen litt, so hat sich das inzwischen grundlegend geändert. Seine Altersweisheit mischt sich jetzt mit jugendlichem Charme und souveränem Selbstbewusstsein. Stars, sagt heute der Mann, der immer Star sein wollte, gibt es heute in Deutschland keine mehr. "Star ist einer, der die Kinos mit seinem Namen füllt, ohne dass man weiß, was er spielen wird. So etwas gibt es nicht mehr bei uns." Adorf hat inzwischen viel Heiterkeit und Lockerheit hinzugewonnen. Das Bösewicht-Image hat er an sich abtropfen lassen. Bei "Freddy Baker" (2000) habe ihn seine betagte Mutter damals gefragt, warum er denn um Himmels willen diesen "Loser" spielen wolle, wo er doch im "Großen Bellheim" so ein stolzer Sieger gewesen sei. "Wenn du in diesem Film mitspielst, dann brauchst du überhaupt nicht mehr nach Hause zu kommen", hatte sie gedroht und es nebenbei auch ziemlich geschmacklos gefunden, dass er als älterer Herr im Film mit der Freundin seines Sohnes ins Bett gegangen sei. Doch Adorf hatte die Rolle mächtig gereizt: "Die Zuschauer können lachen oder eine Träne verdrücken, ohne gleich in Sentimentalitäten abzudriften." Nach der Publikums-Premiere von Wedels "Schattenmann" stand er damals anderntags im Foyer des Münchner Hotels "Vier Jahreszeiten". Es war eine lange Nacht geworden, er aber wirkte frisch, als sei nichts gewesen. Genießer sei er, so gesteht er ein. Der Rotwein habe es ihm angetan. Freilich gehe es nicht ohne Diäten. 15 Kilo nahm er erst jüngst wieder ab, "sonst würde ich jetzt 150 Kilo wiegen." Die Rolle des Frankfurter Mafiabosses in Wedels Film war sein erster Ausflug ins kriminelle Fach "seit mehr als zehn Jahren". Den Vergleich mit Hollywood-Vorbildern wollte er, der einst nach kurzem Hollywood-Trip Reißaus nahm ("Ich hätte immer nur die Mexikaner gespielt"), beim "Schattenmann" keineswegs scheuen: "Der 'Pate' hat da durchaus Pate gestanden", versicherte er, "aber ich spielte die Rolle sowieso in Distanz zu mir selbst, mit Humor - oder zumindest mit Witz." Mario Adorf, der "uneheliche Sohn" einer deutschen Röntgenassistentin aus dem Elsass und eines römischen Chirurgen (der ihn später bei einem Besuch abblitzen ließ), war aus dem kleinen Eifelstädtchen Mayen, wo er aufwuchs, nach München gezogen, um hier die Schauspielschule zu besuchen. Mit Disziplin und Fleiß durchlief er sie - und wurde gleich darauf an den nebenan befindlichen Münchner Kammerspielen engagiert. Siodmak berichtete, er habe ihn in "Die Caine war ihr Schicksal" auf der Bühne entdeckt: "Mario Adorf hatte kein Wort zu sprechen. Er saß auf der rechten Bühnenseite und tippte auf einer stummen Schreibmaschine den Verlauf des Prozesses mit. Das machte er mit einer solchen Aufmerksamkeit und Intensität!" So reifte der Entschluss, ihn für die Rolle des Massenmörders Bruno in "Nachts, wenn der Teufel kam" zu verpflichten. Der Beginn einer großen Karriere, wie man inzwischen weiß. Der Ex-Wahl-Römer, den man lange Zeit in Italien mehr mochte als bei uns, leistet es sich, gelegentlich gehörig auf den deutschen Film zu schimpfen: "Wir müssen Kräfte sammeln und mit großen Mitteln in Konkurrenz mit dem US-Kino treten. Der Autorenfilm findet ja nicht mal sein Publikum im eigenen Land. Manchmal sieht man in Frankreich lange Schlangen vor einem deutschen Film Schlange stehen. Dann können Sie sicher sein, dass es sich um einen alten Nazi-Schinken handelt." Doch inzwischen hat sich viel Altersweisheit eingeschlichen beim Kraftwerk Adorf. Nicht zuletzt seine hoch gelobte Autobiografie "Zwischen Himmel und Erde", nach seinem rheinischen Leibgericht betitelt, kann das bezeugen. Der Schauspieler ist längst auch erfolgreicher Autor ("Der Dieb von Trastevere") und Chansonnier (mit seinem Soloprogramm "Al dente"). Seit 1968 lebt er mit seiner französischen Lebensgefährtin Monique Faye zusammen, einer Schauspielerin, die er - zusammen mit Brigitte Bardot - beim Drehen eines Spaghetti-Westerns kennenlernte. Er heiratete sie 1985. Eine Tochter entstammt seiner ersten Ehe mit Lis Verhoeven. Er behauptet: "Ich war ein abwesender Vater - ein schlechter Vater." Überhaupt glaubt er, zu viel in die Karriere und zu wenig ins eigene Leben investiert zu haben. - Die Fans wissen das zu danken. Und dass er einst Winnetous Schwester in "Winnetou I" erschoss, haben sie ihm auch längst verziehen. Der NDR sendet am Samstag, 3.9., zum 75. Geburtstag eine "Mario-Adorf-Nacht" mit den Filmen: "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1975), 23.25 Uhr "Die Blechtrommel" (1979), 1.05 Uhr "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" (1964), 3.25 Uhr. Wilfried Geldner |
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