(tsch) Im Anfang ist nicht das Wort, sondern die Rasierklinge. Blutverschmiert. Noch fährt sie über Bartstoppeln. Doch schon bald reiht sie sich ein in die Phalanx der Fleischermesser und Hackebeile, die hässliche Wunden hinterlassen. Der Mann, der sie führt und seinem Sohn eines der Geheimnisse des Lebens mit auf den Weg gibt - "Das Blut bleibt an der Klinge" - hat keine Zeit für Körperpflege. Draußen vor der Tür wartet der Tod auf Priest Vallon. Und der gleiche Sog, der ihn und seine Mannen in den Kellergewölben der alten Brauerei nach oben treibt, dem Feind entgegen, zieht den Zuschauer von "Gangs of New York" hinein in das brutale Innenleben der Stadt der Städte, damals, Mitte des 19. Jahrhunderts, als in den schmutzigen Straßen noch Gewalt und Bill the Butcher herrschten. ProSieben zeigt nun das namhaft besetzte Historiendrama von 2002 als Free-TV-Premiere.
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Ein letztes Mal kommen die Männer im Gebäude zum Stehen, dann springt die Tür auf und gibt den Blick frei auf eine Welt, in der kein Platz für Schwächlinge ist. Der Kosmos da draußen ist eng: Five Points nennt sich der Ort, den Martin Scorsese als frühen Mittelpunkt New Yorks ausmacht. 1846 landen hier die zahllosen Einwanderer aus der Alten Welt, mit Träumen, Angst und Hoffnung im Gepäck. Der Mann, der die Rasierklinge führte, ist der Anführer der "Dead Rabbits", einer Gang von Iren, die mit den Einheimischen, deren Vorfahren ein Jahrhundert früher ins Land strömten, um die Vorherrschaft kämpfen. Der Film ist gerade mal 15 Minuten alt, da liegt Vallon (Liam Neeson) tot im Schnee, dahingerafft vom Anführer der Gegner, Bill the Butcher, und beweint von seinem kleinen Sohn, Amsterdam Vallon.
16 Jahre später kehrt dieser aus einer Erziehungsanstalt als junger Mann zurück - Leonardo DiCaprio. Der Mörder seines Vaters, einer der vielschichtigsten Leinwand-Charaktere der letzten Jahre, von Daniel Day-Lewis kongenial als Mischung aus Verschlagenheit, Brutalität und feinstem Zynismus gespielt - eine feine Allegorie auf das junge Amerika -, stieg inzwischen zum unangefochtenen Herrscher von Five Points auf. Rache ist Amsterdams einziges Ziel. Er schleicht sich in Bills Umfeld ein, gewinnt Vertrauen und arbeitet auf die Abrechnung hin. Als der große Tag dann aber anders verläuft als geplant, muss Amsterdam von vorne anfangen.
Wenn die Männer im schmutzigen Schnee mit beispielloser Brutalität aufeinander einschlagen, in der alten Brauerei zügellos feiern und in den Hinterzimmern Politik machen, dann meint man, ins Herz Amerikas zu blicken. Hier enden die Träume und beginnt das Leben. Keine Geschenke. Friss oder stirb. Der Stärkere gewinnt, Lug und Trug statt Gerechtigkeit und Fürsorge. Man versteht nun besser, warum Scorsese 25 Jahre lang die Idee zu diesem Film mit sich herumtrug, warum sein Amerika ausgerechnet in New York geboren wird, Mitte des 19. Jahrhunderts ein kleines Kaff verglichen mit Paris oder London, und warum er sich mit dem Produzenten Harry Weinstein zahllose Auseinandersetzungen lieferte. Die hielten das Projekt zumindest im Gespräch, all die Jahre, in denen es ein ums andere Mal hinausgezögert wurde und sich mit Produktionskosten von weit über 100 Millionen Dollar mittlerweile zum enormen finanziellen Risiko für das Studio auswuchs.
In Deutschland hatte der Film knapp eine Million Zuschauer - ganz ordentlich für ein solch düsteres und brutales Epos. Mehr aber nicht. Die Starpower eines DiCaprio strahlte einfach nicht hell genug. Er gibt hier nicht den "König der Welt", den Verführer und Frauenschwarm wie noch in "Catch me if you can", sondern einen jungen Mann mit Charisma, Mut und schmutzigen Klamotten. Die wichtigste Stütze ist ihm die geschickte und durchtriebene Taschendiebin Jenny Everdeane (Cameron Diaz), die sich in dieser harten Männerwelt zu behaupten weiß. Doch selbst diese Liebe muss sich Amsterdam Vallon erkämpfen. Am Rande: Di Caprio und Scorsese entwickelten beim Dreh eine Art Freundchaft, sodass sie derzeit wieder gemeinsame Sache machen. "The Departed" heißt das Krimidrama, das abgedreht ist, aber derzeit noch keinen Starttermin hat.
"Gangs of New York" ist ein wunderbar-altmodischer Film, für den in den römischen Cinecittà-Studios die New Yorker Originalkulisse aufgebaut wurde und der fast gänzlich ohne digitale Tricktechnik auskommt. Stück für Stück fügen sich die Bilder von Kameramann Michael Ballhaus zu einer eigenen Welt zusammen, die roh und ungeschliffen daherkommt. Hier ist Gewalt noch Gewalt, ohne Maske und geheuchelte Manieren. Was zählt, ist Kraft, Stärke und die Gewissheit, dass der gekonnte Stoß mit dem Messer gelernt sein will.
Jan Treber
16 Jahre nach dem Tod seines Vaters sucht Amsterdam Vallon (Leonardo DiCaprio) die Nähe von Bill the Butcher, um Rache zu üben. (ProSieben / Miramax Films)
Die gerissene Taschendiebin Jenny Everdeane (Cameron Diaz) hat gelernt, sich in dieser harten Männerwelt zu behaupten. (ProSieben / Miramax Films)
Töten will gelernt sein - vor allem in diesen Tagen. Bill the Butcher (Daniel Day-Lewis, links) ist Metzger und weiß, wie es geht. Amsterdam Vallon (Leonardo DiCaprio) soll es nun lernen. (ProSieben / Miramax Films)
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