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Denis Scheck

"Der Trend geht zum Inhalt"

Moderator Denis Scheck

(tsch) "Das bisschen Fernsehen, das ich brauche, mache ich mir selbst", scherzt Denis Scheck gerne frei nach Kurt Tucholsky. Ab 2009 macht er das noch zweimal öfter. Zwischen Marcel Reich-Ranickis Ehrenpreisverweigerung und der abrupten Absetzung von Elke Heidenreichs "Lesen!" im ZDF vermeldete die ARD dezent, aber passend: Das Literaturmagazin "Druckfrisch" wird ab 2009 zehnmal pro Jahr ausgestrahlt. Überhaupt dient das von Literaturkritiker Scheck präsentierte Format, das seit 2003 kurz vor Mitternacht im Ersten ausgestrahlt wird, derzeit als ein viel zitiertes Beispiel für hochwertiges TV-Programm. Einmal im Monat berichtet das Team der Gemeinschaftsproduktion von BR, HR, NDR und WDR auf erfrischend andere Weise aus der Welt der Literatur (nächste Sendung am So., 02.11., 23.35 Uhr, ARD). Ohne in das Getöse über Qualität im Fernsehen und die Causa Heidenreich einzustimmen, spricht der 44-Jährige im Interview über die Macht von Literaturkritik, über das Maß an möglicher und nötiger Literaturkritik im Fernsehen und über das Fernsehen an sich. Er hat zum Beispiel nicht unbedingt etwas gegen TV-Köche ...

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teleschau: Herr Scheck, wenn die ARD Ihnen angeboten hätte: entweder zwei Ausgaben "Druckfrisch" mehr pro Jahr oder ein früherer Sendeplatz, wofür hätten Sie sich dann entschieden?

Denis Scheck: Dann hätte ich "ja" und "ja" gesagt - zu zwei Sendungen mehr und einem früheren Sendeplatz! Das ist die unersättliche Gier des Literaturkritikers in der ARD. - Aber: Der DVD-Rekorder ist erfunden seit vielen Jahren. "Druckfrisch" wird im Nachmittagsprogramm bei 3sat wiederholt, und man kann einzelne Segmente im Internet sehen. Es ist also schon ein Angebot da. Außerdem ist es ja nicht so, dass die Sendeplätze in der ARD verlost würden. Ich muss wohl einsehen, dass ich mit einer kleinen feinen Literatursendung nicht so viele Menschen ansprechen kann wie der "Tatort". Ich wäre schon mit dem Sendeplatz nach dem "Tatort" zufrieden.

teleschau: Sie sind eine anerkannte Instanz im Fernsehen, die dem lesenden Zuschauer direkt sagen: Dieses Buch ist gut, dieses Buch ist schlecht. Kam da schon einmal so etwas wie Machtbewusstsein auf?

Scheck: Ich selbst stelle mich offen gestanden ziemlich in Frage. Die Macht des Literaturkritikers ist wie die Macht der Literatur. Kurt Vonnegut hat sie einmal treffend beschrieben mit der Wucht einer Bananencreme-Torte, abgeworfen aus fünf Metern Höhe. Wir wollen's also mal nicht übertreiben.

teleschau: Sie sind aber schon berühmt für Ihre ironischen, pointierten und deutlichen Kurzkritiken zur Bestsellerliste.

Scheck: Stimmt, ich gebe teilweise auch harsche Geschmacksurteile über Bücher im Fernsehen ab, solange es sich um die Bücher auf der Bestsellerliste handelt. Die haben also schon einmal die Macht des Marktes auf ihrer Seite und müssen sich nun eventuell von einer Stimme sagen lassen, dass ihr Buch gar nichts taugt. Soviel müssen sie einstecken können. Vor allem habe ich das Gefühl, dass zwar viele Menschen diese Bücher kaufen, aber nur wenige sie tatsächlich lesen.

teleschau: Woher rührt dieses Gefühl?

Scheck: Wenn in der Autobiografie von Oliver Kahn der Satz steht: "Die Trennung von meiner Frau hatte nichts mit ihrer Person zu tun", wenn in "Simplify Your Life" Ratschläge für die Organisation der eigenen Beerdigung erteilt werden oder eine Paartherapeutin, Eva-Maria Zurhorst, tatsächlich in ihrem Ehe-Ratgeber schreibt: "Bleiben Sie bei Ihrem Lebenspartner, egal wie er ist" - dann ist das der schiere Irrsinn. Ich bin einfach völlig fasziniert darüber, dass man in Deutschland alles als Sachbuch verkaufen kann! Ich habe Bücher gelesen mit den Ratschlägen von Außerirdischen, enthüllt von einem texanischen Paar! Das findet sich unter den meist verkauften Büchern in Deutschland! Da kann ich wirklich nur hoffen, dass das kaum jemand liest.

teleschau: Droht der Untergang des Abendlandes also vielleicht gar nicht durchs Fernsehen, wie gerne behauptet, sondern durch das Sachbuch?

Scheck: Nein, ich bin nicht besorgt um die Kultur im Abendland. Und Literatur und Kultur existieren auch ohne die Unterstützung im Fernsehen. Aber natürlich möchte ich eine Repräsentanz dieser Welt dort gerne sehen. Ich für meinen Teil versuche, ein wenig von der Lebensfreude und von der befreienden Wirkung der Ironie, der Kunst und der Literatur in dieser Sendung zu transportieren. Dass wir nicht Sklaven eines anonymen, höllischen Systems sind, sondern fähig, Gegenwelten zu schaffen. Gegenwelten, an denen wir geistig gesunden können. Oder uns zumindest ein wenig erholen können. Oder zumindest lachen und spirituell verschnaufen.

teleschau: Kann Fernsehen ohne Kultur existieren?

Scheck: Es gibt Sender, die ganz blendend ohne eigene Kultursendungen auszukommen scheinen. Aber das ist nur ein Schein. Sie können der Sinnfrage in ihrem Leben nicht auf Dauer ausweichen. Warum bauen wir Autos, warum errichten wir Fertighäuser, warum produzieren wir Wurst und Käse? Letzten Endes kommen Sie bei dieser Sinnfrage nicht an Literatur und Kultur vorbei.

teleschau: Was sehen Sie selbst im Fernsehen?

Scheck: Oh, da habe ich einen gusseisernen Magen. Neulich explodierte jemand beim Anblick vieler Köche im Fernsehen ... Ich mag Anthony Bourdains Kochsendung. Ich müsste mich pharisäerhaft verstellen, um nicht zuzugeben, dass natürlich ein großer Teil meiner Sozialisation übers Fernsehen lief. Selbstverständlich habe ich "Raumschiff Enterprise" gesehen. Selbstverständlich habe ich "Flipper" gesehen. Heute pflege ich bestimmte Rituale, sehe "Tagesthemen", natürlich "Aspekte", "ttt", aber ich war beispielsweise auch ein großer Fan der "Sopranos". Meine Lieblingssendung ist sowieso "Shaun das Schaf".

teleschau: Also kein Grund, das Programm zu beklagen?

Scheck: Ein Problem sind zum Teil schon die späten Sendeplätze. Doch genauso wenig, wie man mit Zwangsmaßnahmen Leser erzeugen kann, kann man Leute zu ihrem Glück vor dem Fernseher zwingen. Aber ich bin Redakteur im Deutschlandfunk im Hauptberuf und durch die Entwicklung meines eigenen Senders wirklich der Überzeugung, dass, wenn man ein qualitätvolles Produkt lange genug und offensiv genug anbietet, der Trend zum Inhalt geht.

teleschau: Sie kommen gerade wieder von Dreharbeiten für die nächste Ausgabe von "Druckfrisch" zurück. Wo waren Sie diesmal?

Scheck: Wir drehten auf einer Vulkanwüste in Island und trafen dort den Autor Arthúr Bollason. Er hat ein Buch geschrieben darüber, dass man die isländische Landschaft lesen kann wie einen Text - und unter anderem darüber werden wir in der nächsten Sendung sprechen.

teleschau: Ein literarisches Thema, das sich ausnahmsweise toll bebildern lassen dürfte ...

Scheck: Das ist ein sehr, sehr dankbarer Drehort! Die Landschaften sind tatsächlich spektakulär, und man sieht den Bildern ja nicht an, dass wir ganz schön gefroren haben. Eine Frage, die mich dort umtrieb, ist die: Bringen bestimmte Landschaften bestimmte Charaktere hervor? Oder suchen bestimmte Charaktere bestimmte Landschaften?

teleschau: Wie viel Zeit haben Sie für solche ausgefallenen Dreharbeiten?

Scheck: De facto sind wir jeweils 36 Stunden oder manchmal auch nur 24 Stunden vor Ort, der Regisseur Andreas Ammer, der Kameramann Thomas Morgott-Carqueville und ich.

teleschau: Für eine Literatursendung ist es ein ungewöhnlicher und auch schöner Aufwand. Die anderen Moderatoren sitzen eigentlich alle im Studio ...

Scheck: Am Anfang von "Druckfrisch" stand die Überlegung, dass die Literatur raus muss aus dem Elfenbeinturm, was die Bebilderung angeht. Die Literatur selbst ist da längst raus, keine Frage. Literatur entsteht aus Leben. Nur: Im Fernsehen hatte man das Gefühl, Literatur ist dann, wenn vier Sessel in einem bunkerähnlichen Studio stehen, möglichst ohne Fenster. Natürlich auch vor dem Hintergrund, dass "Das Literarische Quartett" im Zweiten gerade aufhörte, als wir anfingen, wollten wir einen anderen Weg gehen. Wir wollten aber auch nicht die ewig gleichen Bilder der Seerosenteiche und "Dichter geht durch Nebel" zeigen.

teleschau: Also haben Sie zusammen eine eigene Bildsprache für Literatur im Fernsehen erfunden?

Scheck: Ich lese ja unter anderem deshalb, um mir die Welt in mein Bewusstsein zu rücken. Um mich aus dem Gefängnis der eigenen Nabelschau zu befreien und in andere Existenzen zu versetzen. Dann war klar: Wir bilden die intellektuelle Bewegung der Lektüre durch eine Bewegung im Bild ab. Allerdings arbeiten wir an dieser Bildsprache auch schon seit mehreren Jahren und haben einen gewissen Prozess der Entschleunigung hinter uns.

teleschau: Jörg Magenau schrieb kürzlich im "Tagesspiegel": "Für Literaturkritik ist im Fernsehen kein Platz." - Sind Literatursendungen auch nur Unterhaltungssendungen?

Scheck: Es ist sehr schwer, echte Literaturkritik im Fernsehen zu betreiben, weil das voraussetzt, dass man einen Prozess der Analyse entfaltet: das Sujet des Romans, die Machart des Romans darlegt, um dann in einem zweiten Schritt zu einer Interpretation und einem Urteil zu gelangen. Eine halbstündige Sendung, die mehrere Bücher vorstellen will, hat diese Zeit in der Regel kaum. Was im Fernsehen möglich ist, ist die reine Geschmackskritik, also Daumen hoch oder Daumen runter ...

teleschau: Wie Sie das bei der Bestsellerliste tun ...

Scheck: Freilich bemühe ich mich auch da - auf diesem wirklich engsten Raum, wenigstens ein Argument zu liefern. Man kann sich wahrscheinlich darauf einigen, dass es Literaturkritik im Fernsehen nie gegeben hat. Man konnte entweder Kritikern beim Denken und Reden zusehen, Meinungskampf mitverfolgen oder Geschmackskritik mitbekommen, bewaffnet mit ein, zwei Argumenten. Viel mehr ist wahrscheinlich nicht möglich. Gleichzeitig haben sich aber doch einige Formen herausgebildet, die ich gar nicht so uninteressant finde. Das empathische Schwärmen auf der einen Seite, das Dialektische vom Quartett auf der anderen. Wobei auch da letzten Endes nicht wirklich eine These-Antithese-Synthese-Diskussion gegeben war, sondern: Wer am Lautesten schreit, gewinnt. Wenn Sie die Quoten des Quartetts mit denen von "Lesen!" vergleichen, dann wollten mehr das empathische Schwärmen sehen.

teleschau: Laut "Bunte" werden Sie beim ZDF als einer der möglichen Nachfolger von Elke Heidenreich für ein neues Literaturformat im Zweiten gehandelt ...

Scheck: Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, da mein Ziel das Landwirtschaftsministerium ist.

("Druckfrisch" ist an jedem ersten Sonntag im Monat gegen 23.30 Uhr im Ersten zu sehen und wird jeden zweiten Sonntag im Monat gegen 13.30 Uhr bei 3sat wiederholt.)

Petra Fürst


Denis Scheck, Jahrgang 1964, ist Literarischer Agent, Herausgeber, Übersetzer, Redakteur beim Deutschlandfunk und freier Kritiker.
Denis Scheck, Jahrgang 1964, ist Literarischer Agent, Herausgeber, Übersetzer, Redakteur beim Deutschlandfunk und freier Kritiker. (WDR / Kurt Bauer)

Mehr Kultur im Ersten: Im kommenden Jahr wird Denis Scheck mit seiner Literatursendung "Druckfrisch" zehnmal auf Sendung sein.
Mehr Kultur im Ersten: Im kommenden Jahr wird Denis Scheck mit seiner Literatursendung "Druckfrisch" zehnmal auf Sendung sein. (WDR / Kurt Bauer)

Schnell und witzig präsentiert "Druckfrisch"-Moderator Denis Scheck Literatur im Ersten.
Schnell und witzig präsentiert "Druckfrisch"-Moderator Denis Scheck Literatur im Ersten. (WDR / Kurt Bauer)

Datum: 19.11.2008

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Artikel ID 208682

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