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Novemberkind: Deutsches Familiendrama über die Wende

Novemberkind

(vm/tsch) Der deutsche Film versteht die DDR nicht länger nur als Witz. Nach zahlreichen Komödien über das kommunistische Deutschland beginnen sich immer mehr Regisseure ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen. Christian Schwochows Familiendrama ist einer der geglückteren Versuche. Anna Maria Mühe spielt darin eine Frau auf der Suche nach einer Vergangenheit, die sie stets anders wahrgenommen hat, als sie tatsächlich gewesen ist. Der Grund: Sie wurde ein Leben lang belogen.

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Inga wuchs bei ihren Großeltern auf, zwei liebenswerten alten Leuten, die von ihr den gebührenden Respekt erhalten. Sie ist nachsichtig mit ihnen, auch wenn sich die Gespräche nur noch um Körperfunktionen drehen. Bis zu dem Tag, an dem ein Literaturprofessor (Ulrich Matthes) im Ort auftaucht und augenscheinlich Ingas Nähe sucht. Es stellt sich heraus, dass er ihre Mutter kennt.

Ihre Mutter aber ist in der Ostsee ertrunken, so glaubt die 25-Jährige zumindest. Als sie bemerkt, dass jeder von der Flucht ihrer Mutter wusste, aber alle zum Märchen von ihrem Unfall im Meer schwiegen, geht sie mit dem Unbekannten mit. Der hilft ihr, Antworten zu finden, verfolgt aber auch seine eigenen, egoistischen Ziele.

Die Figur von Ulrich Matthes ist noch weniger greifbar als die anderen. Ein Zyniker ist er, gleichwohl er ein sensibler Mann sein kann, der weiß, wie andere Menschen sich fühlen. Hin- und hergerissen zwischen seinem alten Leben, das ihm nichts Spannendes mehr bot, und dem neuen, aufregenden Abenteuer mit der so viel jüngeren Inga, die ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich sieht.

Anna Maria Mühe spielt das natürliche Mädchen, das sich, niemals naiv, auf diese Reise macht. Vieles im Leben ändert sich, wenn man merkt, dass man belogen wurde. Jeder wollte nur das Beste für sie. Doch genau dies macht die sonst so schlagfertige und freundliche junge Frau so wütend.

In Rückblenden enthüllt Regisseur Christian Schwochow das Geheimnis um Mutter und Tochter. Nur langsam kann der Zuschauer nachvollziehen, was die junge Anne dazu brachte, ihr Kind bei ihren Eltern zurückzulassen. Viele kleine Puzzleteile, wie die Gespräche mit den zwei Männern, die im Leben ihrer Mutter eine Rolle spielten, ergeben ein unangreifbares Ganzes.

Der Rahmen mit Matthes und Mühe, die sich in einem emotionalen Ballungsraum einem schwierigen Balanceakt hingeben, ist ein spannender. Jeder, so zeigt dieses Drama, hat Gründe für das, was er tut, gute Gründe sogar. "Novemberkind" spricht von Menschen, die nicht ankommen, die in ihrem Leben gestrandet sind. Keiner hielt dem anderen mehr die Hand hin, jeder musste alleine zurechtkommen, mit all den Fehlern, die er gemacht hat, mit den unglücklichen Verkettungen von Umständen.

Ungewöhnlich an dieser sensiblen Inszenierung ist das Drehbuch, das Christian Schwochow zusammen mit seiner Mutter Heide geschrieben hat. Christian Schwochow hat den Herbst 1989 auf gepackten Koffern erlebt. Seine Eltern warteten auf die Genehmigung ihres Ausreiseantrages. Christian war elf, "zu jung, um Politik zu verstehen, aber auch zu alt, dass sie einfach an dir vorbeigeht", wie er sagt. Keine Zeit habe ihn geprägt wie diese.

Als die Mauer fiel, gingen sie in den Westen, er als erster Ossi an der Schule. Hüben wie drüben war es schwierig für ihn dazuzugehören. Auch heute in Berlin nennen ihn seine Freunde "nur einen halben Ostler".

Schwochow redet über die Vergangenheit, das Schreckliche und das Kuriose von damals. Sein Ziel: dem richtigen Leben im falschen nachspüren. Man könnte die Lüge vorziehen. Wozu die Wahrheit einfordern, wenn sie mit Schmerz verbunden ist und mit Enttäuschung?

Seine Mutter Heide war verwundert, wie unterschiedlich ihr Sohn und sie ein und dasselbe Erlebnis beurteilten. Die unterschiedlichen Perspektiven zweier Generationen spiegeln sich nicht unbedingt im Film wieder, aber man merkt dem Drehbuch eine Freiheit und Toleranz an. Die Fragen, die "Novemberkind" aufwirft, werden beantwortet. Wie man das Geflecht der Beziehungen einordnet, ist jedem Zuschauer selbst überlassen. Denn Schwochow verzichtet in einem Maße auf das Gut-Böse-Schema, wie man das selten sieht, selbst im deutschen Kino.

Claudia Nitsche

Credits:
V:Schwarz-Weiß Filmverleih, D 2007, R: Christian Schwochow, D: Anna Maria Mühe, Christine Schorn, Ulrich Matthes u.a.

Laufzeit: 95 Min.

Kinostart:
20.11.2008


Eine junge Frau will wissen, warum ihre Mutter ohne sie in den Westen geflohen ist.
Eine junge Frau will wissen, warum ihre Mutter ohne sie in den Westen geflohen ist. (2008 Schwarz Weiss Filmverleih)

Der Literaturprofessor Robert (Ulrich Matthes) will die ganze Geschichte um Inga und ihre verschwundene Mutter aufdecken.
Der Literaturprofessor Robert (Ulrich Matthes) will die ganze Geschichte um Inga und ihre verschwundene Mutter aufdecken. (2008 Schwarz Weiss Filmverleih)

Warum wurde sie die ganze Zeit belogen? Inga (Anna Maria Mühe) fühlt sich von ihrer Umwelt hintergangen.
Warum wurde sie die ganze Zeit belogen? Inga (Anna Maria Mühe) fühlt sich von ihrer Umwelt hintergangen. (2008 Schwarz Weiss Filmverleih)

Datum: 20.11.2008

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