(tsch) Mark Owen erzählt gerne und ausführlich. Er lehnt sich in einem Sessel zurück, der ihn - groß ist er ja nicht - umhüllt wie eine Nussschale ihren Kern. Zwischen Stuhl und ihm: eine Lederjacke, die ein bisschen an die Variante erinnert, die schwedische oder britische Jungspunde der aktuellen Rock-Generation so gerne tragen. Wenn er lacht, lacht er am liebsten über sich selbst. Darüber, dass er sein Deo vergessen hat, was man natürlich nicht riecht. Oder darüber, dass er vormittags in der Lobby eine Journalistin für den einzigen Fan des Tages gehalten hat und ihr ein Autogramm geben wollte. Am liebsten aber redet er über seine Musik, was völlig in Ordnung ist - sein drittes Album "How The Mighty Fall" ist nämlich eine sehr, sehr schöne Platte.
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Und manchmal hat man den Eindruck, dass sie für Mark Owen so eine Art Kampf ist, eine Schlacht, in der er bisher fremdes Gebiet erobern möchte, sich einen Platz im Pop-Olymp sichern will - und zwar nicht am Katzentisch der Boybands, sondern dicht an dicht mit denen, die selbst Songs schreiben, neben denen, die er mag. Das sind keine Casting-Bands, das sind Franz Ferdinand, die Killers oder Rufus Wainwright. Akzeptanz wollte er eigentlich schon mit der letzten CD "In Your Own Time" erreichen. Die damalige Plattenfirma agierte allerdings eher lustlos und schien herzlich wenig Vertrauen in ihr eigenes Produkt zu besitzen: "Die haben mich nicht mal nach Deutschland geschickt - ich durfte bei Euch kein einziges Interview machen. Obwohl das hier für mich immer ein wichtiges Land war", sagt Mark. Dann fügt er an: "Die haben mich einfach fallen gelassen."
Da hätten wohl viele aufgegeben - zumal auf Mark Owens Konto genug Geld für einen geruhsamen Lebensabend ohne Quälereien mit irgendeiner Plattenfirma liegen dürfte. Auch langweilig wäre ihm kaum geworden. Abschluss des Kapitels Pop sollte ein Konzert im legendären Shepherd's Bush Empire in London sein: "Ich wusste damals, dass mich mein Label nicht mehr haben wollte. Also gab ich sehr, sehr viel Geld aus - und eine durchaus beeindruckende und aufwändige Vorstellung mit unglaublicher Technik. Ich dachte mir eben: 'Vielleicht stehst Du danach nie wieder auf einer Bühne und machst Musik!" Was folgte, waren drei stille Monate. Mark setzte sich nicht ans Klavier, nicht an die Gitarre. Er legte keine Platte auf, schaltete nicht einmal das Radio an. Stattdessen arbeitete er an einem Drehbuch, fing an, sich mit Regiearbeit auseinanderzusetzen. "Ich wollte mein Leben neu ordnen. Auf eine Filmschule gehen, vielleicht in die USA ziehen."
Irgendwann fand sich Mark doch wieder auf dem Schemel wieder. Er spielte ein paar Akkorde, die er immer wieder variierte, aber mantrahaft wiederholte. Daraus wurde ein Lied. Und - ganz verkürzt - kann man sagen: Daraus entstand dann ein Album. Solide Handarbeit, Tag für Tag am selben Klavier entstanden. Nur: Mark sagte niemanden Bescheid. Er suchte keine Plattenfirma - das wäre nach dem Flop des Vorgängers wohl auch kein einfaches Unterfangen geworden -, er tat das alles alleine. Eineinhalb Monate dauert es, und alle Songs waren zwar noch nicht im Kasten, aber wohl im Kopf und auf dem Zettel - übrigens in der Reihenfolge, in der sie nun als CD erscheinen. "Es lief einfach aus mir raus. Vielleicht auch, weil kein Druck da war, weil wirklich niemanden interessierte, was ich machte. Weil da keine Label-Menschen waren, die mir irgendetwas von potenziellen Singlehits oder so erzählten. Produktiver war ich nie."
Nun ja. Einiges davon könnte man jetzt unter der Rubrik "Was Künstler halt so zu ihren neuen Platten sagen" abheften. Aber bei Mark Owen ist's doch ein wenig anders. Der ist heiß, das merkt man. Er forderte die Promo-Abteilung seiner neuen Plattenfirma dazu auf, ihn "solange Interviews geben zu lassen, bis er halbtot am Boden liegt". Und jetzt sitzt er da, und tut eben das. Die zeitlichen Rahmenbedingungen des Labels scheinen ihn dabei nur mittelbar zu interessieren - er erzählt, und er lässt sich dabei nicht aus der Ruhe bringen. Auch nicht von einem an die Tür klopfenden Promoter. "Schon in Ordnung. Lass Dir Zeit", sagt er und lächelt.
Zur Produktion flog Mark Owen nach Los Angeles - zu Tony Huffer, den man bisher eher im Indie-Kontext verortet hatte. "Ich liebe die Sachen, die er in den letzten Jahren gemacht hat", sagt Mark, der sich eigentlich gar nicht vorstellen konnte, dass der US-Star überhaupt mit ihm zusammenarbeiten würde. "Ich hatte ja nicht einmal einen Plattenvertrag, und in den USA kennt man mich überhaupt nicht. Wieso sollte eine Ikone wie Tony Huffer, der zuletzt Beck, die Turin Brakes oder das fantastische Idlewild-Album produzierte, mit mir arbeiten wollen?" Zweifel, die unbegründet waren: Ein paar Wochen später machte sich Mark Owen auf den Weg in die Stadt der Engel. "Es war ein wahnsinnig schöner Aufenthalt, und im Nachhinein bin ich sehr froh, dass wir die Platte dort, in den Hollywood Hills, aufnahmen. Das ist Musik, die einfach nicht ins kalte und verregnete London passt."
Im Mai war Mark Owen auf Club-Tour in England. Mit einigem Erfolg wie man hört, und auch mit einigem Spaß: "Ich fange wieder ganz unten an, mache Dinge, die für mich völlig neu sind. Nachmittags ankommen, Soundcheck mit der Band, danach irgendwo 'ne Kleinigkeit essen, dann der Gig. Ohne große Absperrungen und große Show. Das ist wahnsinnig aufregend."
Und der ganz große Erfolg, den er zu Take-That-Zeiten hatte? Fehlt der? Oder: Stände Mark Owen gerne da, wo Robbie Williams heute steht? Er macht eine kurze Pause und sagt: "Na, irgendwie täte das ja wohl jeder, nicht? Du doch sicher auch. Aber es ist gut, so wie es ist. Mein Publikum schreit nicht mehr, wenn ich spiele. Es hört zu. Da wirft niemand mehr Teddybären auf die Bühne."
Jochen Overbeck
Mark Owen veröffentlicht mit "How The Mighty Fall" eine richtig gute Pop-Platte. (edel)
Endgültig raus aus der Boyband-Vergangenheit: Mark Owen. (edel)
Solokarriere, Teil zwei: Mark Owen hat sein neues Album ohne Plattenvertrag aufgenommen. (edel)