(tsch) Es ist ziemlich klar und nachvollziehbar, dass Pete Doherty nicht mit der Presse redet. Denn machen wir uns nichts vor: Kein Journalist der Welt würde nicht nach dem Stand der Dinge in Sachen Kate Moss fragen. Viele würden sich für die Drogen interessieren, die er gerade nimmt, viele für die Yellow-Press-Gerüchtesuppe, deren letzten beiden Kochblasen hier der Chronistenpflicht halber erwähnt werden: A) Pete Doherty soll zwei uneheliche Kinder haben. B) Vielleicht geht's jetzt zum Entgiften nach Amerika. Das ist aber alles völlig unwichtig. Der Ex-Libertines-Sänger hat mit seiner Band Babyshambles "Down In Albion" aufgenommen. Das ist, wie zahlreiche Bootlegs schon erahnen ließen, die beste britische Rock-Platte des Jahres. Und wenn er selber nicht darüber reden kann, müssen das eben andere tun. Drew, der Bassist zum Beispiel. Oder Geoff Travis, Chef des legendären Labels Rough Trade, bei dem Doherty unter Vertrag steht.
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Drew lacht, wenn man ihn nach seinem ersten Eindruck von Pete Doherty fragt: "Das war bei einer Session vor etwa eineinhalb Jahren. Ich stand am Bass, Peter kam in den Proberaum. Und das erste, was er tat, war über irgendein Kabel zu stolpern und auf die Fresse zu fallen." Eine kleine Anekdote, die gut ins Bild passt, das man als Konsument der Mainstream-Medien von Doherty hat. Aber andererseits, hey: Das kann man ja wohl wirklich unter harmlosem Rock'n'Roll-Lifestyle abheften, oder? Relevanter ist da schon das, was Drew zu seinem Verhältnis zu Doherty sagt: "Ich kannte ihn vom Sehen her, ich wusste, was für ein fantastischer Songwriter er ist. Wir verstanden uns auf Anhieb. Er sagte schnell, dass er mich gerne an seinem Bass haben würde. Und dann bat er mich noch, doch 'Babyshambles' auf den Oberarm tätowieren zu lassen." Drew verzichtete dankend - im Gegensatz zu einer gar nicht so kleinen Anzahl von Fans, die den Londoner Tattoo-Saloons dieser Tage ein gutes Geschäft bescheren. Die hievten auch die großartigen Singles "Fuck Forever" und "Killamangiro" schnell in die britischen Hitparaden - und sorgten dafür, dass Drew zum ersten Mal in seinem Leben wenigstens halbwegs ordentlich Geld verdiente.
Wo kommt es her, dieses Identifikationpotenzial? Warum hat Pete Doherty die eigentlich Conor Oberst zugedachte Rolle eines subversiven Role-Models für die Indierock-Crowd so rasch und hervorragend ausfüllen können? Natürlich spielt der oben erwähnte Gossip eine Rolle. Natürlich trägt das, was die Tabloids der Insel schreiben, zur Legendenbildung bei. Und dann ist da eben auch der Markt: Wer bei Ebay den Begriff Pete Doherty eingibt, kann sich komplett eindecken. Buttons, Kalender, Fotos, Vintage-Kleidung, sogar T-Shirts auf denen "Free Pete Doherty" steht: Der Grad der Ikonisierung ist geradezu absurd. Drew ist das egal. "Wir machen Musik. Und wir sind zufrieden, solange wir genug Geld verdienen, um uns ein Sandwich zu kaufen, wenn wir hungrig sind", sagt er. Und man ist durchaus geneigt, ihm zu glauben.
Wer skeptisch ist, sollte sich zwei Songs anhören. Einmal den Titeltrack des Albums, und dann noch "Their Way", eine vorerst nur als Import erschienene Single, die Doherty gemeinsam mit den Littl'Ans einspielte. Hier wird klar, dass Doherty ein Ausnahmesongwriter ist. Einer, der vielleicht ein gestörtes Sozialverhalten besitzt, dafür über Musik kommunizieren kann wie kein Zweiter. Woran liegt's? Woher kommt dieses Talent? Geoff Travis lacht, und man hat am Telefon den Eindruck, er würde sich zurücklehnen. "Du meinst, warum er bessere Songs schreibt als der Kerl von den Rakes oder der von den Others? Das ist doch genau das, worum es in der Rockmusik geht. Das kann man nicht erklären.Wir sollten einfach froh sein, dass er uns so großartige Tracks schenkt."
Um so froher ist Travis, dass Pete Doherty die Babyshambles gefunden hat. "Sie sind eine richtige Band für ihn, mehr als die Libertines es je waren. Hier geht es nicht um Egos, sondern um eine richtige Gemeinschaft. Sie kümmern sich um ihn. Und es gab in seinem Leben zu viele Perioden, in denen sich niemand um ihn gekümmert hat."
Wenn man Drew fragt, wieviel Doherty in Babyshambles steckt, reagiert er fast trotzig. "It's not just Pete. It's a real band, mate!" Er sagt's und liest als Bestätigung die Credits zu den einzelnen Songs vor. Und bei der Frage nach "Pentonville", da lacht er. "Was ein Ragga-Track mit anderem Sänger auf unserem Album macht? Der Kerl, der da am Mikro steht, war im Gefängnis Petes Zellengenosse und hat sich um ihn gekümmert. Er hat auf ihn aufgepasst. So jemanden brauchst du im Knast!" Und nein, es sei kein reines Dankeschön: "Wenn uns der Track nicht gefallen hätte, wäre er nicht auf das Album gekommen. Wenn es darum gegangen wäre, allen, die uns mal geholfen haben, einen Song auf der Platte zu schenken, wäre die echt ganz schön mies geworden", lacht Drew.
Geoff Travis ist vorsichtiger, wenn er über den Song redet. Der Mann, der wohl noch nie ein so kompliziertes Verhältnis zu einem seiner Künstler hatte, wie zu Pete Doherty, bezeichnet es vage als "Zeugnis für einen Teil von Peters Biografie". Gleichzeitig hofft er, dass "Down In Albion" so eine Art Phasenabschluss ist. "Wir haben von Peter in den letzten zwei Monaten mehr gehört, als in den zwei, drei Jahren zuvor, was in erster Linie daran liegt, dass die Babyshambles derzeit kein Management haben und alles über uns läuft. Ich habe den Eindruck, es geht ihm besser. Ich glaube, er ist auf einem guten Weg." Wir hoffen das. Wir hoffen das wirklich.
Jochen Overbeck
Babyshambles veröffentlichen mit "Down in Albion" eine der schönsten Platten des Jahres. (rough trade)
Zerbrechlich, aber stark, spröde, aber intensiv: Babyshambles. (rough trade)
Nach den Libertines die Babyshambles: Pete Doherty nimmt einen zweiten Anlauf. (rough trade)