Wie ein Nordpolforscher, der sich nicht hinlegen darf
Schauspielerin Corinna Harfouch
(tsch) Eine Schwerstarbeit, ein Marathon für eine Schauspielerin: Corinna Harfouch spielt, ist Bozena Nemcova, eine tschechische Schriftstellerin aus dem 19. Jahrhundert, die war, was man damals als Frau nicht sein durfte: unabhängig und selbstdenkend, für ihre Kunst lebend. "Großmutter" heißt ihr wichtigster Roman von 1855, den etwa Franz Kafka dringend seinen Schwestern zu lesen empfahl. Die Beschwörung einer Idylle, einer besseren Welt in der realistischen Abbildung der kleinen Leute aus der Erinnerung heraus. "Es muss schöner werden", lautete ein Leitsatz der etwa 1820 in Wien geborenen Nemcova, die verarmt und krebskrank am 21. Januar 1862 starb. Dagmar Knöpfel verfilmte das Leiden, das verzweifelte Lieben und die letzten Schreibversuche der Dichterin in ihrem Film "Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern" (Kinostart: 17.11.), der durch Corinna Harfouch zu einem sensiblen inneren Porträt geriet. Wir trafen Corinna Harfouch mit Dagmar Knöpfel in München anlässlich der Premiere des Films.
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teleschau: Es ist einer der ungewöhnlichsten Filme der letzten Zeit, in dem Sie die Hauptrolle spielen. Ein Film über die letzten Schreibversuche einer tschechischen Schriftstellerin, die in Tschechien jeder, hier aber nahezu niemand kennt. Leicht vorstellbar, dass das nicht ganz einfach für Dagmar Knöpfel, die Regisseurin, war, Sie als Darstellerin für den Film zu gewinnen.
Corinna Harfouch: Ich denke, Dagmar hat in den vergangenen fünf bis sechs Jahren ganz einfach niemand anderen für die Rolle gefunden (lacht). Das ist natürlich ironisch gemeint. Damals, als sie zum ersten Mal mit der Idee kam, die drei Briefe, die nie abgesendet wurden, zu verfilmen, war ich ziemlich verblüfft: "Drei Briefe vorlesen, 25 Seiten: Wie soll das gehen?" Dagmar zeigte mir das Buch, das unter dem Titel 'Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern' 1997 neu herausgekommen war und sagte schlicht und ergreifend: "Das ist der Film."
teleschau: Sie leisteten Widerstand?
Corinna Harfouch: (lachend) Dagmar ist sehr stark und äußerst hartnäckig. Sie ist einfach jedes Jahr wieder gekommen. Bei einem ersten längeren Zusammentreffen brachte sie dann ihren ersten Drehbuchentwurf mit. Wir verbrachten ein paar Tage zusammen, um uns besser kennen zu lernen. Das hat die Zusammenarbeit ungeheuer befruchtet. Seitdem schätze und liebe ich Dagmar sehr. Inzwischen verstehe ich auch ihre ganz eigene Sprache, ihr Schwäbisch. Ich weiß jetzt, wie sie denkt, was sie wahrnimmt. Geholfen hat mir allerdings auch, dass ich ihren vorherigen Film "Requiem für eine romantische Frau" über Auguste Bußmann und Clemens Brentano gesehen habe, der mich faszinierte.
teleschau: "Requiem für eine romantische Frau" wäre auch ein zutreffender Titel für den neuen Film über Bozena Nemzova. Er ist wie ein Gebet, ein Nachruf, aber auch wie Musik, Gefühle, die nie zum Stillstand kommen. Wie war es für Sie, diese Konzentration durchzuhalten?
Corinna Harfouch: Für mich war die Frage: Wie benimmt sich ein Mensch, wenn er wirklich ganz alleine ist? Diese Frau spricht und spielt sich selbst etwas vor. Sie ist in einem Endzustand, und sie tut alles, um nicht zu sterben. Etwa so wie ein Nordpolforscher, der sich nicht hinlegen darf, weil er sonst unweigerlich umkäme im Eis.
teleschau: Sie spielen sehr glaubhaft die Krankheit, das Schreiben unter Schmerzen, das Kleben an der Erinnerung scheinbar trivialer Dinge. Haben Sie auch selbst schon solche Grenzzustände erlebt. Denken Sie manchmal an den Tod?
Corinna Harfouch: Ich weiß, dass das mal auf mich zukommen wird. Ich denke öfter mal darüber nach, wie das wohl sein wird, wie stark oder wie schwach wir dann sind. Ich bin ja selten krank, bin physisch sehr stabil. Aber wenn ich dann etwas Kleines habe, werde ich doch schnell nervös. Ich merke, dass ich aus meiner Gesundheit eine komische Sicherheit beziehe, die mir dann fragwürdig erscheint.
teleschau: Es gibt im Film beklemmende Szenen, in denen Sie sich der Krankheit wegen den Unterleib verbinden. Es wird geradezu zelebriert.
Corinna Harfouch: Man darf das nicht ausklammern. Schließlich ist das ein wichtiger Teil der Briefe, die mit geradezu absurder Ausführlichkeit beschreiben, wie Bozena das Blut stillt. Sie hat in ihrer einsamen Kammer gar keine Möglichkeit, dem auszuweichen. Beim Drehen gab es allerdings einigen Aufruhr im Team. Der tolle Kameramann Jan Malir hatte da fast nicht draufhalten wollen mit seiner Handkamera, und auch einigen Frauen im Team war das peinlich. Aber es gehört zum Leben von Frauen, dass sie bluten. Es ist ein Teil unserer Natur. Im Off wird der Vorgang ja auch beschrieben wie eine Beschwörungsformel, wie ein Gebet.
teleschau: Man vergisst während des Films, dass Sie spielen. Ihre Darstellung wurde zu Recht bereits mit Superlativen bedacht. War es eine Bravourrolle für Sie?
Corinna Harfouch: Ich hoffe, dass man in meinen Filmen irgendwann einmal die Schauspielkunst nicht mehr als solche wahrnehmen wird, und man dann nicht mehr von Bravour sprechen kann. Im Übrigen freue ich mich darauf, alt zu werden. Weil einen dann die Kräfte verlassen, und man dann nur noch ist und nicht mehr spielen muss.
Wilfried Geldner
Für SAT.1 spielte Corinna Harfouch die Ermittlerin "Eva Blond", neue Folgen sind in Vorbereitung. (SAT.1)
Corinna Harfouch spielt in Dagmar Knöpfels Kinofilm "Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern" die tschechische Nationaldichterin Bozena Nemcova. (movienet)
Das Schreiben bedeutet für die tschechische Dichterin Bozena Nemcova (Dagmar Harfouch) nicht weniger als die Abwehr des Todes. (movienet)
Datum: 12.11.2005
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