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It's a Free World: Ken Loach über die Welt der Zeitarbeitsfirmen

It's a Free World

(vm/tsch) Romantische Komödien, überhaupt Filme, die von den schönen Dingen des Lebens handeln, sind die Sache von Ken Loach nicht. Der 72-jährige Engländer schaut lieber dahin, wo das Leben hässlich ist und die Menschen leiden. "It's a Free World" spielt in der Welt der Arbeitsvermittlung, der Zeitarbeitsfirmen. Seine Heldin Angie, gespielt von der Loach-Entdeckung Kierston Wareing, gründet so eine, weil sie sich im Gastarbeitergeschäft auskennt. Was Loach aus diesem Stoff macht, ist soziales Kino at its best: kritisch, unpathetisch, auf der Höhe der Zeit.

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Loach sucht sich das härteste Klima für seinen aktuellen Beitrag zum Weltgeschehen aus. Seine Angie (Kierston Wareing), wasserstoffblond und alleinerziehend, steigt ins Geschäft mit Gastarbeitern aus Osteuropa ein. "Bist du wahnsinnig", warnt sie ein Freund, der es gut mit ihr meint. Doch sie antwortet, sie wisse, was sie tut.

Zusammen mit ihrer Freundin und Mitbewohnerin Rose (Juliet Ellis) improvisiert sie und verschafft legalen und illegalen Einwanderern Arbeit für einen Tag. Das klappt erstaunlich gut, denn es stimmt: Angie ist taff, und sie kennt sich aus. Wer sie nicht ernst nimmt, weil sie einen Leopardenmantel trägt, wird eines Besseren belehrt. Sie nutzt die Tatsache, dass sie eine Frau ist, im Sinne ihres Geschäfts aus. Und sie ist ehrgeizig genug, um Grenzen zu überschreiten. Dafür hat sie ihre Gründe.

London war selten so trist wie in diesem Film. Tatsächlich sieht Loachs Film im Niemandsland der Hinterhöfe aus als spiele er im Irgendwo. Der Regisseur schaut den Arbeitern, die mal wieder nicht bezahlt werden, ins Gesicht. Aber nicht, um eine eindimensionale Mitleidstour zu fahren. Loach blickt schlaglichtartig überall hin. Zu den aufbegehrenden Kräften, die sich mal wieder um ihren Lohn geprellt sehen, zu den ehemals erfolgreichen Chefs, die selbst von einem noch skrupelloseren Oben verraten werden.

Der mittlerweile 72-jährige Regisseur ist mittlerweile gern gesehener Gast bei Festivals. Auch diesmal setzt er seinen ganz besonderen naturalistischen Stil ein. Als würde er alle Protagonisten kurz hochheben, ihnen prüfend in die Augen blicken und sie dann wieder zurücksetzen. Loach will keine Empathie schaffen, er stellt dar. Umstände, Zustände, und wie das alles ineinandergreift. Er fasst schnell und präzise zusammen, wer warum wie handelt.

Loach hinterlässt mit seinem Film, der wie eine schreckliche Sightseeingtour über den Zuschauer hereinbricht, ein wirklich schlechtes Gefühl im Bauch. Er macht sichtbar, was bekannt ist, was man täglich verdrängt, wenn man Leistungen in Anspruch nimmt, die so günstig sind, weil irgendjemand dafür nicht den verdienten Lohn bekommt. Die wertlose Sache Mensch.

Hauptdarstellerin Kierston Wareing ist wieder mal eine Loach-Entdeckung. Sie ist Opfer auf der einen Seite, Ausbeuterin auf der anderen. Ohne allzu emotional zu werden, pendelt sie zwischen Skrupellosigkeit und menschlichen Schlenkern. Vor allem gelingt es ihr zu zeigen, wie man sein Gewissen beruhigt, wenn man die Grenzen der Legalität überschreitet. Es ist ja nur für einen Moment.

Ganz selten lässt der Regisseur in seinem sozialkritischen Film Humor aufblitzen, auch Gefühle, die anderswo in Liebe münden, erstickt er im Keim. Der Systemkritiker, der in frühen Jahren gerne zensiert und geschnitten wurde, fand es erstaunlich, wie unterrepräsentiert dieses Thema ist. Als die Arbeitsplätze immer unsicherer wurden, entwickelte sich das Leben der Arbeitsagenturen prächtig. Menschen wurden verliehen; wollte man die bedarfsgerechte Kraft sein, empfahl sich kein Aufmucken. Der Vermittler hielt die Hand auf. Ein seltsames Spiel.

Aber keine Naturgewalt. "Ich glaube, diese Entwicklung liegt im besonderen Interesse einer einzelnen Klasse und uns wird suggeriert, dass wir auf diese Art leben müssten. Das müssen wir aber nicht." Der letzte, der hoffnungsfrohe Satz mag von Loach so gemeint sein, im Film spiegelt er sich jedoch nicht wider.

Claudia Nitsche

Credits:
V:Neue Visionen, GB / I / D / E / PL 2007, R: Ken Loach, D: Kierston Wareing, Leslaw Zurek, Juliet Ellis u.a.

Laufzeit: 92 Min.

Kinostart:
27. November 2008


Mit einer großen Portion Durchsetzungskraft versucht eine junge Frau, sich in der Welt der Arbeitsvermittlung einen Namen zu machen.
Mit einer großen Portion Durchsetzungskraft versucht eine junge Frau, sich in der Welt der Arbeitsvermittlung einen Namen zu machen. (Neue Visionen)

Zehn verschiedene Jobs in sechs Jahren: Angie (Kierston Wareing) will jetzt etwas Eigenes auf die Beine stellen.
Zehn verschiedene Jobs in sechs Jahren: Angie (Kierston Wareing) will jetzt etwas Eigenes auf die Beine stellen. (Neue Visionen)

Die selbstbewusste Angie (Kierston Wareing) weiß, wie sie mit den osteuropäischen Arbeitern umzugehen hat.
Die selbstbewusste Angie (Kierston Wareing) weiß, wie sie mit den osteuropäischen Arbeitern umzugehen hat. (Neue Visionen)

Datum: 22.11.2008

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