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Marie Bäumer

Ein Gang durch die Nacht

Schauspielerin Marie Bäumer

(tsch) Sie hat Erfahrung mit dramatischen Rollen. Nach ihrem Auftritt neben Bully Herbig im "Schuh des Manitu" spielte Marie Bäumer in Oskar Roehlers "Alter Affe Angst" die Hauptrolle. Dass sie aus sich rausgehen kann, beweist die 39-Jährige nicht nur im Film. Auch im Interview kann sie einen erschrecken, wenn sie, während sie ein blutiges Steak isst, energisch antwortet. Doch das ist ihre impulsive Art. Auf Romy Schneider wird sie ungern angesprochen. Viele Jahre musste sie sich gegen die Vergleiche wehren. Ihre aktuelle Produktion heißt "10 Sekunden" (Kinostart: 02.10.), eine künstlerisch verwobene Annäherung an die Gefühle der Leidtragenden, als 2002 über dem Bodensee zwei Flugzeuge kollidierten. Menschen starben, Menschen trauerten und brauchten einen Schuldigen, was noch mehr Leben zerstörte. In diesem Dilemma, das Nicolai Rohde auf verschiedenen Zeitebenen inszeniert, mäandert eine Frau zwischen ihrem Ehemann, dem verantwortlichen Fluglotsen und einem Geliebten.

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teleschau: Haben Sie sich vor der Wahl der Rolle darüber Gedanken gemacht, ob Betroffene verletzt reagieren könnten?

Marie Bäumer: "10 Sekunden" ist kein voyeuristischer Unterhaltungsfilm. Er greift nicht an. Sicher ist es schwer für diese Menschen, wenn sie über die Medien wieder mit dem Thema berührt werden, aber es ist ein Teil, der ohnehin immer da ist. Die Produktion hat mit der Frau des Lotsen, die mit ihren beiden Kindern in Skandinavien lebt, gesprochen. Sie möchte nichts mit dem Film zu tun haben, setzte dem aber auch nichts entgegen.

teleschau: Sie spielen die Frau des Fluglotsen, dem die Schuld für das Unglück gegeben wird. Tatsächlich schaffen Sie es, jene Franziska sympathisch erscheinen zu lassen.

Bäumer: Wobei mich das überhaupt nicht interessiert. Ich beschäftige mich mit den Vorgängen in einer Figur, nicht mit Sympathie oder Antipathie. Mich damit auseinanderzusetzen, sehe ich nicht als meine Aufgabe. Warum sollte sie denn unsympathisch sein?

teleschau: Weil sie in erster Linie zwischen zwei Männern steht.

Bäumer: Dann tun Sie, was der Film nicht tut, nämlich moralisieren. Genau das fand ich an dem Film spannend: Er zeigt nur seelische Erschütterungen auf. Das ist auch der Grund, weswegen ich keine Skrupel bei diesem Projekt hatte.

teleschau: Der Film wertet nicht, das ist richtig, aber könnten Sie seine Aussage zusammenfassen?

Bäumer: Nein, tut mir leid.

teleschau: Physisch gehörte die Franziska sicher zu den anstrengenden Rollen.

Bäumer: Das ist es immer, wenn es um so starke, innere Vorgänge geht. Egal, ob sie subtil oder expressiv dargestellt werden.

teleschau: Ist die Rolle vergleichbar mit "Alter Affe Angst"?

Bäumer: Nein, das war dann noch mal eine andere Abteilung - dagegen war das hier eher ein Witz. Es wäre auch nicht richtig, Altes abzurufen. Franziska ist ein ganz anderer Charakter, kühler, eine Getriebene.

teleschau: Hat Sie Ihre Rolle gereizt oder das ganze Projekt?

Bäumer: Das Projekt, und wie sich Nicolai Rohde dem Thema Täter - Opfer nähert, diesem Gang durch die Nacht, das fand ich spannend.

teleschau: Es gibt eine außergewöhnlich stille Reaktion auf einen Mord.

Bäumer: Im Drehbuch stand: Die Frau rutscht blutverschmiert die Wand runter und weint hemmungslos. Das ist eine Szene, die ich schon mal gesehen hatte, und ich bin innerlich beim Lesen ausgestiegen. Ich schlug vor, es still zu inszenieren. Man hört den Schuss, ahnt, dass Schlimmes passiert ist. Wenn der Schauspieler eine halbe Stunde weint, ist das leider langweilig, es geht darum die Spannung zu halten, und somit dem Zuschauer Raum für seine Fantasie und seine Gefühle zu lassen.

teleschau: Können Sie uns die zehn Sekunden beschreiben, die Ihnen in Ihrem Leben in Erinnerung geblieben sind?

Bäumer: Die Geburt meines Sohnes. Gut, das geschah nicht in zehn Sekunden, aber es waren die schönsten. Nicht die schlimmsten.

teleschau: Wie schlimm ist es, auf neue Angebote zu warten?

Bäumer: Ich drehe dieses Jahr drei Filme und bin sehr dankbar. Viele Kolleginnen klagen über kaum Angebote, was nicht an ihrer Qualität als Schauspielerinnen liegt.

teleschau: Werden denn noch so viele Projekte gecancelt, wie vor einigen Jahren? 2001 traf es Sie gleich mehrmals, obwohl "Der Schuh des Manitu" noch für einen Popularitätsschub sorgte.

Bäumer: Stimmt, das war eine Zeit lang extrem, im Moment ist es nicht mehr so schlimm. Ich habe ein Jahr bewusst weniger große Projekte gemacht, weil wir nach Frankreich übergesiedelt sind. Es könnte immer besser sein, aber 2007 hatte ich zwei Kinofilme und ein Theaterstück. Dieses Jahr war es zweimal Kino und einmal Fernsehen. Mit Wolfgang Kohlhaase "Haus und Kind", neben Stefan Kurt, dann "Der große Kater" von Wolfgang Panzer mit Ulrich Tukur und "Im Angesicht des Verbrechens", eine Serie über die Russenmafia mit Dominik Graf als Regisseur.

teleschau: Vermutlich hätten Sie auch eine Romy-Schneider-Produktion spielen können.

Bäumer: Ja, ich war mit allen Projekten konfrontiert.

teleschau: Es gibt eine Fernseh- und eine Kinoproduktion. Ist es angenehm, wenn dieses Thema an anderen hängen bleibt und Sie nur zusehen?

Bäumer: Tut es ja nicht, weil mich alle fragen, warum ich nicht mitspiele. Ich finde, man muss keinen Film über Romy Schneider machen. Was soll das? Wer sollte als Romy Schneider besser sein als sie selbst? Als Schauspielerin eine Schauspielerin zu spielen, führt sich selbst ad absurdum. Man hat diese Frau genügend verfolgt, und man sollte sie die nächsten 100 Jahre in Ruhe lassen.

teleschau: Erstaunlich ist trotzdem, dass es so viele passende Gesichter gibt, oder?

Bäumer: Finde ich gar nicht, es gibt nur eine, die ihr ähnlich sieht, eine Österreicherin, die nicht mal im Gespräch war. Es gab sogar vier geplante Projekte, aber irgendwie sind sie alle zu spät zum 25-jährigen Todestag. Ich las schon die Pressemitteilung, dass ich sie spielen würde, bevor ich das Buch hatte. Dann wusste ich, dass da bald etwas kommen würde.

teleschau: Sie leben jetzt zum Teil in Frankreich und teils in Hamburg. Wie kam es zu dieser halben Auswanderung?

Bäumer: Ich habe mit 17 drei Radtouren alleine durch Frankreich gemacht, mich in dieses Land verliebt und beschlossen, dass ich da mal hinziehen will. Mein Sohn spricht jetzt Französisch und geht dort auch zur Schule.

teleschau: Wie ist der Herbst in der Provence?

Bäumer: Ein Farbenmeer, das kann man sich gar nicht vorstellen, ein Rausch. Da stehe ich nur mit offenem Mund auf dem Hügel und schaue um mich herum.

teleschau: Planen Sie mehr in Frankreich als in Hamburg?

Bäumer: Ich plane nichts, das hat keinen Sinn, an den ständigen Änderungen verzweifelt schon mein Kindermädchen. Da fällt mir gerade ein, ich bin im Herbst in Hamburg und Berlin zum Drehen, und überhaupt nur eine Woche in Frankreich. Aber darauf freue ich mich.

Claudia Nitsche


In Paul Harathers "Adam & Eva" spielte Marie Bäumer 2002 an der Seite von Simon Schwarz.
In Paul Harathers "Adam & Eva" spielte Marie Bäumer 2002 an der Seite von Simon Schwarz. (ProSieben / Tobis / Klier / Timpen)

Franziska (Marie Bäumer) und Svenja (Anna Loos) unterhalten sich angeregt.
Franziska (Marie Bäumer) und Svenja (Anna Loos) unterhalten sich angeregt. (Alamode Film)

Als Bardame Uschi feierte Marie Bäumer 2001 in "Der Schuh des Manitu" einen großen Kinoerfolg.
Als Bardame Uschi feierte Marie Bäumer 2001 in "Der Schuh des Manitu" einen großen Kinoerfolg. (ProSieben / herbX film gmbh / Constantin Film / Jürgen Olczyk)

Datum: 22.09.2008

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