logo
Anzeige

Peter Sodann

Leger, aber immer mit Meinung

Schauspieler Peter Sodann

(tsch) Er hat das Bundesverdienstkreuz und den Nationalpreis der DDR, ist Ehrenbürger seiner Stadt Halle, erhielt 1999 den Preis des Verbandes der deutschen Kritiker für seine Kulturinsel in Halle - die Reihe ließe sich fortsetzen. Was kann nun also noch kommen, zum 1. Juni, jenem Tag, an dem Peter Sodann sein 70. Lebensjahr vollendet? "Nüscht mehr", spricht der Sachse, geboren in Meißen, der ohnehin findet, dass runde Geburtstage nicht so wichtig sind. Deutschlandweit populär wurde er als "Tatort"-Kommissar, doch Sodann ist mehr: Regisseur, Theatergründer, Vater von vier Kindern und nicht zuletzt ein Schauspieler, der sagt, was er denkt.

Anzeige

 

teleschau: Sie werden 70 Jahre am 1. Juni.

Peter Sodann: ... was sich wohl nicht verhindern lässt.

teleschau: Stimmt Ihr Fazit noch, das Sie in einem Satz zusammengefasst haben: "Was du nicht selber tust, ..."

Sodann: "... das tut für Dich kein anderer." Diesen Satz verwende ich wohl schon seit meinem 30. Lebensjahr.

teleschau: Und er bestätigt sich immer wieder?

Sodann: Ja. Man sollte sich eben in erster Linie im Leben mal auf sich selbst verlassen. Dann sollte man sich Freunde suchen, bei denen man glaubt, dass man sich vielleicht auf sie verlassen könnte. Und bei alldem gilt immer: Tun Sie das, was Sie wollen. Tun Sie das, was für Sie wirklich wichtig ist. Sonst erleben Sie viele Enttäuschungen im Leben.

teleschau: Haben Sie diese Freunde, von denen Sie sprechen?

Sodann: Nun, es sind nicht viele, aber es gibt sie.

teleschau: Ihre deutschlandweite Popularität nahm ihren Anfang am 19. Januar 1992. Damals wurde der erste "Tatort" mit Ihnen ausgestrahlt. Wie haben Sie diesen Abend erlebt?

Sodann: Ich saß selbstverständlich vor dem Fernseher. Ich schaue mir meinen "Tatort" immer an. Es geht nichts über das Gefühl zu wissen, dass zur gleichen Zeit so viele Menschen auch mit dabei sind. Einige schlafen vielleicht ein, andere freuen sich ...

teleschau: Haben Sie erwartet, dass sich eine solch dauerhafte Erfolgsgeschichte entwickeln würde? Sie sind nach den Münchnern gemeinsam mit Ihrem Kollegen Bernd Michael Lade das am längsten amtierende "Tatort"-Duo.

Sodann: Nun, ich habe es zumindest gehofft, habe mir damals gewünscht, dass die Zuschauer in Ost und West langsam beginnen, diesen "Tatort" von uns zu mögen.

teleschau: Stilistisch ist man sich über Jahre hinweg treu geblieben. Andere Krimis aus der Reihe experimentieren mehr, haben gewagtere Drehbücher. Ihr "Tatort" erinnert indes an den "Tatort" ...

Sodann: ... wie er einmal war. Diesen Satz höre ich täglich auf der Straße. Wissen Sie, diese dummen Amerikanismen, die sich inzwischen überall einschleichen, finde ich albern. Ich wundere mich eh immer, ob nicht langsam die Autofirmen oder der TÜV mal einschreiten sollten.

teleschau: Der TÜV?

Sodann: Klar. Was sind das denn für Autos im Fernsehen, die nach jedem kleinen Unfall einfach mal so explodieren? Nein, mit Polizeiarbeit hat das alles nichts mehr zu tun. Der "Tatort" sollte sich meines Erachtens an die Realitäten halten.

teleschau: Damals, 1992, kurz nach der Einheit, sicher nicht einfach ...

Sodann: Da kann ich ihnen eine kleine Geschichte erzählen: Anfänglich zog ich mich für die Rolle ganz normal an. Da kamen dann die Leute zu mir und meinten, ich sollte mich als Ost-Schauspieler doch ein bisschen hübscher anziehen. Wo doch nun der Westen da sei. Dann vergingen die Jahre, der Westen war da, und die Menschen baten mich, doch ein bisschen legerer zu sein. - Ich fuhr immer gut damit, mich an so etwas nicht zu halten, sondern das zu tun, was ich für richtig hielt.

teleschau: ... was in diesem Fall bedeutet?

Sodann: Leicht, aber doch leger. Aber immer mit Krawatte.

teleschau: Sie standen und stehen aufgrund des populären Sendeplatzes bis heute vor der schwierigen Aufgabe, den Gemütszustand eines ganzen Landstrichs wiedergeben zu müssen.

Sodann: So ist es. Es ist ein Problem unserer Zeit, dass die Gefühle des Ostens nicht in ausreichendem Maße behandelt werden. Wir lasen andere Gedichte, sangen andere Lieder, wuchsen eben anders auf. Und die Menschen erinnern sich daran. Das wird noch eine Weile lang so bleiben. Natürlich gibt es viele, die die DDR heute verfluchen, andere tun es nicht mehr.

teleschau: Wie gehen Sie persönlich mit dieser Tatsache um?

Sodann: Ich musste seit jeher meinen Weg finden, um mich zu behaupten. Ich habe früher in der Deutschen Demokratischen Republik meine Meinung geäußert (Sodann saß neun Monate in Haft wegen Regime-Kritik, Anm. d. Red.), und ich tue es heute auch. Wissen Sie, ich habe mich Anfang der 70er-Jahre mal als "betenden Kommunisten" bezeichnet ...

teleschau: Ein Ausdruck, den man in fast allen Veröffentlichungen über sie lesen kann.

Sodann: Und er stimmt immer noch. Wobei: Früher in der DDR war das Beten nicht gewünscht, heute ist der Kommunist nicht gewünscht. Ich bin von einer Bredouille in die andere gekommen.

teleschau: Sie haben sich zeit Ihres Lebens energisch gegen die Obrigkeiten gewandt. Sagen Sie auch den Menschen auf der Straße ähnlich deutlich Ihre Meinung?

Sodann: Immer. Sie fragen mich ja auch ständig danach. Sie kommen sogar auf mich zu und fragen mich, was sie wählen sollen ...

teleschau: Und?

Sodann: Ach, das weiß ich doch auch nicht. Es gibt sicher auch eine Entscheidung, einfach nicht zur Wahl zu gehen. Auch damit drückt man was aus.

teleschau: Die Demokratie hört das nicht so gerne.

Sodann: Das muss erlaubt sein. Es ist ein Weg, um mitzuteilen, dass man eben keinen kennt, den man wählen will.

teleschau: Sie kündigten im Juli 2005 an, für die PDS kandidieren zu wollen, zogen diese Entscheidung aber nach wenigen Tagen wieder zurück, nachdem der MDR in diesem Fall mit einem Bildschirmverbot reagiert hätte. Haben Sie diesen Vorgang, der Sie in die Schlagzeilen brachte, bereut?

Sodann: Nie. Ich wollte eben lieber ein politisierender Schauspieler sein als ein schauspielernder Politiker. Trotzdem: Ich bin der festen Überzeugung, dass diese drei bürgerlichen Parteien auf keinen neuen Gedanken kommen. Also könnte man doch darüber nachdenken, ob nicht eine Linke im Zusammenspiel der Kräfte neue Impulse setzen könnte. Wer ein bisschen was aus der französischen Revolution aus der Versenkung holt, ist deswegen nicht gleich ein Kommunist. Die Aussage des französischen Philosophen Diderot ist nach wie vor wichtig: "Das Land gehört niemandem und die Früchte allen." Und das sollte im Übrigen nicht nur in Deutschland gelten, sondern international.

teleschau: Ein Gedanke, der sich aber nicht nur auf die Regierenden beziehen muss ...

Sodann: Wir hätten viele Möglichkeiten, um etwas besser zu machen, aber dazu braucht man keine mittelmäßige Elite und auch ein gebildetes Volk, das Zusammenhänge erkennen kann. Das scheint mir momentan die wichtigste Aufgabe zu sein. Und dazu bedarf es Bildung und Kultur. Letztere liegt im Argen: zu viel volkstümelnder Mist.

teleschau: Was wohl nicht nur am Fernsehen liegt.

Sodann: Im Gegenteil. Hier hat der Schauspieler noch ab und an die Möglichkeit, einigermaßen normale Menschen zu spielen. Aber im Theater sehen Sie doch kaum noch eine normale Gestalt auf der Bühne.

teleschau: Sie waren fast ein Vierteljahrhundert lang in Halle an der Saale Intendant des "neuen theaters". Wie sehr liegt Ihnen die Bühne noch am Herzen?

Sodann: Sehr, aber das Theater allgemein ist stark durch Kino und Fernsehen beeinträchtigt worden. Und nun glaubt es, durch Sensationen etwas wettmachen zu können. Dabei muss Theater genau das sein, was es immer musste: eine Auseinandersetzung mit dem Dasein ... aber das ist ja nicht mehr mein Bier.

teleschau: Sie wurden im Juli 2005 auf Geheiß der Stadt vorzeitig abgelöst als Intendant. Sind Sie noch sauer?

Sodann: Auf die Stadträte, ja, weil sie etwas zerstört haben, das ich mühsam aufgebaut habe: ein Theater, in das Menschen freiwillig gehen wollen. Ein Theater, das den Autoren achtet. Es gibt heute viel zu viele, die alles besser wissen und gleichzeitig nichts. Wenn die Regisseure nichts besser wissen als die Autoren, sollten sie lieber ihre eigenen Stücke schreiben als Dichter und Denker zu verstümmeln.

teleschau: Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Sodann: Weil die Verantwortlichen nicht glauben wollen, dass die Zuschauer womöglich klüger sind als die Schauspieler oder die Regisseure. Eines Tages, so hoffe ich, steht mal einer auf im Zuschauerraum und gibt den Monolog von Hamlet einfach so wieder: Sein oder nicht sein. Und der Schauspieler oben wird sich wundern, weil er die Zeilen nie gelernt und wahrscheinlich auch nie gelesen hat.

teleschau: Das Publikum als korrigierende Kraft des Künstlers? Ein geradezu romantischer Gedanke.

Sodann: Keineswegs, das Publikum tut doch genau das. Es korrigiert den Künstler, in dem es ihn einfach nicht mehr will, dem Theater also fernbleibt.

teleschau: Ihre Eltern waren einfache Leute, ihr Vater Stanzer, ihre Mutter Landarbeiterin. Haben Sie sich jemals gefragt, wie Ihr Leben verlaufen wäre, wenn Sie selbst bei Ihrem Ausbildungsberuf des Werkzeugmachers geblieben wären?

Sodann: Nun, das eigentlich nicht. Wohl aber frage ich mich gelegentlich, was aus mir geworden wäre, wenn ich an einem anderen Ort geboren wäre. In einem anderen Dorf. Was wäre aus mir geworden, wenn ich diesen Grundschullehrer nicht gehabt hätte, der mir viel mit auf den Weg gab? Oder wenn ich Eltern gehabt hätte, die andere Ansichten als meine gehabt hätten? Oder was wäre gewesen, wenn ich in meinem Leben nicht diese paar Menschen getroffen hätte, die mir das sagten, was sich im Nachhinein als Wahrheit herausstellte. Ja, solche Fragen stelle ich mir schon ab und an.

teleschau: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren Vater?

Sodann: Sehr gute. Er war bei den Naturfreunden, umgab sich gerne mit anderen Menschen, war in der kommunistischen Partei. Aber vor allem war er ein frohsinniger Mensch. Leider starb er früh, im Krieg.

teleschau: Ein Frohsinn, der sich übertragen hat? Nicht nur als Kommissar Ehrlicher interpretieren Sie Ihre Rollen gerne mal mit einem Augenzwinkern.

Sodann: Humor ist die Grundvoraussetzung, um das Leben zu bewältigen. Man muss die Welt zwar ernst nehmen. Aber es ist gut, wenn man auch noch vor dem Scheiterhaufen lachen kann.

teleschau: Überkommt Sie trotzdem ab und an das Gefühl, manches zu ernst, zu wichtig genommen zu haben?

Sodann: Nein, eigentlich nicht. Es mag sein, dass ich verschiedene Dinge ernster nehme als andere. Aber mir ist der Satz von Bertold Brecht immer im Kopf geblieben: "Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde!" (aus Brechts Rede an den Völkerkongress für den Frieden, 1952, Anm. d. Red.)

teleschau: Sie haben stets betont, dass mit dem Alter bei Ihnen keinerlei Rückzugsgedanken einhergehen.

Sodann: Richtig. So soll es auch bleiben. Ich brachte damals den Schauspielern in meinem Theater gegenüber die Hoffnung zum Ausdruck, 125 Jahre alt zu werden.

teleschau: Ein optimistischer Plan ...

Sodann: Kann sein, wer weiß. Mir geht es vor allem um die Hoffnung, am Ende des Lebens wirklich müde zu sein. Zu wissen, dass man alles x-mal erlebt hat, dass nichts mehr fehlt. Und dann will ich selbst entscheiden, wann ich da oben angelange. Denn in den Himmel komm' ich ...

teleschau: Da sind Sie sicher?

Sodann: Da bin ich sicher.

Kai-Oliver Derks


Peter Sodann vollendet am 1. Juni sein 70. Lebensjahr.
Peter Sodann vollendet am 1. Juni sein 70. Lebensjahr. (MDR / Axel Berger)

Seit 1992 ein eingespieltes Team: Peter Sodann als Kommissar Ehrlicher (links) und Bernd Michael Lade als Kain. Den "Tatort: Blutschrift" zeigt das Erste am Montag, 05.06., 20.15 Uhr.
Seit 1992 ein eingespieltes Team: Peter Sodann als Kommissar Ehrlicher (links) und Bernd Michael Lade als Kain. Den "Tatort: Blutschrift" zeigt das Erste am Montag, 05.06., 20.15 Uhr. (MDR / Axel Berger)

Die Hauptrollen im "Tatort", "wie er einmal war": Peter Sodann (links), Annekathrin Bürger und Bernd Michael Lade.
Die Hauptrollen im "Tatort", "wie er einmal war": Peter Sodann (links), Annekathrin Bürger und Bernd Michael Lade. (MDR / Axel Berger)

Datum: 07.05.2006

Diskussion: "Peter Sodann"

Um eine Diskussion zu "Peter Sodann" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 170141

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    Walk the Line
    "Hello, I'm Johnny Cash." Mit diesem bescheidenen Gruß eröffnete der legendäre Sänger seine Konzerte auch noch, als ihm die Welt schon zu Füßen lag. Das US-Biopic "Walk the line" (2005), das nun mit etwas ...

    Sag niemals nie
    "Nie mehr", sagte Sean Connery den Produzenten und kehrte - nach seinem sechsten Bond-Abenteuer - der Leinwand und seinen Fans den Rücken. Zwölf Jahre später bekam er ein exzellentes Drehbuch, hochkarätige ...

    Sean Connery hat für "Indiana Jones 4" immer noch nicht unterschrieben
    Wer so ein richtiger Sir ist, der lässt sich halt gerne auch mal länger bitten: Wie "Variety" berichtet, habe sich Sean Connery - obwohl die Dreharbeiten bereits im Juni beginnen sollen - immer noch nicht ...

    Helden der Nacht
    "We own the night." Die Nacht gehört uns, so heißt "Helden der Nacht" im Original und so hieß der Slogan der New Yorker Polizei in den Achtzigern, als sie der russischen Mafia den Kampf ansagte. Regisseur ...

    Mit Schirm, Charme und Melone
    "Mission: Impossible", "Ein Duke kommt selten allein", "Starsky & Hutch", "3 Engel für Charlie", "Miami Vice" - so manches Stück TV-Unterhaltung aus längst vergessenen Tagen feierte in den letzten Jahren ...

    Indiana Jones und der letzte Kreuzzug
    Die Karten sind vorbestellt, vielerorts sogar schon für die Mitternachtsvorführung. Das Indy-Fieber ist wieder ausgebrochen. Ein seltenes Phänomen, das in dieser Form nur mit der Neuauflage von "Star Wars" ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 110 - id = 6199 - task = view - option = com_content - limitstart= 0