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Belle & Sebastian

Die Enid Blyton des Indiepop

Band Belle & Sebastian

(tsch) Grau ist es draußen, und kalt, was das Kettenhotel am Rande der Stadt nicht unbedingt liebevoller wirken lässt. Wie ein pummeliger Bunker liegt es da, seltsam eingeklemmt zwischen einem Wohnblock und den Verwaltungsgebäuden einer Bank. Stuart Murdoch steht am Fenster seines Zimmers, lässt den Blick über die an dieser Seite der Stadt etwas verbuckelt wirkende Peripherie Münchens wandern. Am Vorabend, so erzählt er, war er joggen. Im Englischen Garten, dem größten Park der Stadt. Wegen der pergamentdünnen Schneedecke hätte es ein wenig ausgesehen wie in Narnia, sagt er und schmunzelt. Der Kopf der schottischen Popband Belle & Sebastian ist bester Laune. Eloquent, witzig, gescheit. Kaum zu glauben, dass dieser Mann in den Anfangstagen der Band Freunde, Bekannte und der Legende nach auch einmal ein Schaf zu Interviewterminen geschickt hat.

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Nun haben Belle & Sebastian eine Entwicklung durchgemacht. Was früher so etwas wie ein Studentenkollektiv war, musikalisch wie menschlich verhuscht-schüchtern, ist heute eine Band, die nach den Regeln des Spiels agiert. Aus Träumerles wurden Realisten, die die Musik als ihren Beruf begreifen. Und da gehört eben auch ein gewisses Maß an Öffentlichkeitarbeit dazu.

Stuart Murdoch fühlt sich in der Rolle des Sprachrohrs, auch in der der Band-Autorität, wohl. Entspannt schenkt er Tee ein und beginnt zu erzählen. Nicht nur von München und Narnia, auch viel von Amerika. Immerhin nahm man das neue Album "The Life Pursuit" in Los Angeles auf. Mehr Gegensatz zu Murdochs Heimatstadt Glasgow, wo man sich vorher sechs Monate lang im Proberaum verschanzt hatte, geht wohl nicht. Sonne statt Regen, Hollywood-Protz statt Schotten-Understatement. "Es war wunderbar, und streckenweise kam ich mir wirklich wie im Urlaub vor", sagt Stuart Murdoch. "Ich hatte eine sehr schöne Wohnung, einen Mietwagen, fuhr frühmorgens oft den ganzen Sunset Boulevard runter, bis ans Meer, um am Strand ein bisschen zu laufen."

Gut möglich, dass die neuen Songs deshalb eigenartig fröhlich, im gewissen Sinne sehr amerikanisch klingen. Daran trägt jedoch auch Produzent Tony Hoffer seinen Anteil. Der stellte nämlich bei Belle & Sebastian schnell eine gewisse Überfrachtung fest und war wohl auch derjenige, der die letzten Funken der überambitionierten Idee Doppel-Album austrat. "Tony Hoffer war unglaublich. Dieser kleine Mann aus Amerika stand in unserem Proberaum und eröffnete mir plötzlich, dass meine Lieder zu lang seien. Ich solle doch einfach mal zwei Strophen weglassen. Das Schlimme: Die anderen in der Band nickten und sagten, der Ansicht seien sie eigentlich schon länger. Elende Feiglinge! Warum haben sie das mir nie gesagt?"

Aber keine Sorge, das deutet nicht auf ernst zu nehmende Konflikte in Popland hin. Die Vorbereitungen zu den Aufnahmen liefen so rasch wie reibungslos ab. Die Pause, um die Murdoch, frisch zum Hausbesitzer geworden, bat, wurde ihm zwar verwehrt, das Ergebnis war aber ein positives. "Vor etwas über einem Jahr fing ich an, die Songs zu schreiben. Sie flossen aus mir heraus, wie aus einem Wasserhahn", erzählt er und fügt an, dass er das in dieser Ausprägung noch nie erlebt hätte. Ein konzentrierterer Prozess, der aber auch am Altern liegen könnte. "Man ändert sich. Und die Art, auf die man sich ausdrückt, auch." Bedeutet im Falle von Belle & Sebastian: Die Songs ähneln nicht mehr verhuschten, zweifelnden Poesiebucheinträgen, die autobiografische Note ist weg. "Ich fühle mich objektiver. Ich bin jetzt so etwas wie die Enid Blyton des Indie-Pops. Ich erzähle Geschichten über mehr oder weniger liebenswerte Charaktere."

In Los Angeles hörte Stuart Murdoch Radio. Natürlich nicht einen der allgegenwärtigen R'n'B-Plärrsender, sondern Oldie-Stationen, die vor allem Sixties- und Seventies-Rock spielten. Er gibt unumwunden zu, dass das gemeinsam mit der Produktionsweise Hoffers für das doch etwas andere Klangbild von "The Life Pursuit" mitverantwortlich sein könnte. "Die Songs der damaligen Zeit sind schon bemerkenswert. Sehr oft einfältig, fast dumm. Aber gleichzeitig einfach angenehm wohlklingend und schön! So etwas würde heutzutage gar nicht mehr aufgenommen."

Nein, Belle & Sebastian sind nicht plötzlich Harpo oder die Steve Miller Band. Ihre Stücke sind nach wie vor überlegt und ausgefuchst, was die erste Single "Funny Little Frog" eindrucksvoll bezeugt: "You're my girl and you don't even know it", singt Murdoch. Obsession als Überform der Liebe - amüsant und selten so heiter besungen. "Nun gut, das ist ein etwas risikoreiches Verhaltensmuster, und vielleicht ist es auch mental ungesund", sagt Stevie Murdoch und lacht. "Aber irgendwie ist so eine kleine Obsession eben perfekt. Du hast im Kopf diese Freundin - aber daheim niemanden, der mit dir streiten will oder der vielleicht einen Tag lang nicht bezaubernd ist."

Im Internet wird derweil fröhlich spekuliert. Die Fans der schottischen Popband nutzen das Medium intensiv, betreiben Diskussionsforen und Boards. Dass einige der Songs bereits vor Veröffentlichung des Albums im Netz auftauchten, stört Stuart Murdoch nicht, ebenso wenig wie der Privathandel mit Live-Mitschnitten. "Das ist absolut in Ordnung. Die sind neugierig und versuchen, dieser Neugierde Herr zu werden. Ich denke nicht, dass deshalb weniger Leute unser eigentliches Album kaufen werden. Da ist ja noch eine DVD dabei, außerdem ein dickes Booklet." Im Übrigen partizipierte Murdoch als Teenager ebenfalls am devoten Fantum - und das in einer Zeit, in der es kein Internet, kein MP3, kein Ebay gab. Er musste sich seine AC/DC-Bootlegs noch in den Raucherecken des Pausenhofes organisieren, musste an den Lederjackenzipfeln der Heavy-Metal-Kids hängen, um schließlich obskure Kassetten von den Kanalinseln zu bestellen. "Es war aufregend, wie heimlich Rauchen. Da war ich, gerade mal elf Jahre alt, natürlich in meiner Schuluniform. Und jeden Tag ging ich zu den coolen Jungs hin und fragte: 'Sind sie schon da, sind sie schon da?' Es hat Monate gedauert - aber irgendwann hatte ich einen Mitschnitt der allerersten Tour. Das war für mich der Himmel. Und ich höre immer noch die Studioalben - nicht regelmäßig, aber doch von Zeit zu Zeit."

Jochen Overbeck


Stuart Murdoch erzählt mit Belle & Sebastian schöne Geschichten über Obsessionen und andere Kleinigkeiten.
Stuart Murdoch erzählt mit Belle & Sebastian schöne Geschichten über Obsessionen und andere Kleinigkeiten. (Sanctuary)

Pop-Kollektiv? Nein, nein. Das ist 'ne richtige Band: Belle & Sebastian.
Pop-Kollektiv? Nein, nein. Das ist 'ne richtige Band: Belle & Sebastian. (Sanctuary)

Belle & Sebastian veröffentlichen "The Life Pursuit".
Belle & Sebastian veröffentlichen "The Life Pursuit". (Sanctuary)

Datum: 22.02.2006

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