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Tita von Hardenberg, Moderatorin

"Jugendkulturen sind mein Steckenpferd"

Moderatorin Tita von Hardenberg

(tsch) Zwei Kinder von ein und drei Jahren, eine Produktionsfirma, eine eigene Sendung - Tita von Hardenberg ist gut ausgelastet. Neben der Moderation des Berliner Szene-Magazins "Polylux" produziert die 37-Jährige mit ihrer Firma Kobalt-Productions die Sendung "Absolut" und das Musikformat "Tracks" für ARTE, realisiert Reportagen und Dokumentationen. Ihr neuestes Projekt, ebenso wie "Polylux" im Auftrag des RBB produziert, ist der Film "Jesus' junge Garde" - das Porträt einer evangelikalen, amerikanischen Jugendbewegung, die auch in Deutschland Fuß gefasst hat. Eineinhalb Jahre lang haben Jobst Knigge, Britta Mischer und sie selbst die Bet- und Bußgemeinde "The Call" und ihre jungen Anhänger begleitet.

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teleschau: Sie beschreiben sich selbst als "Gelegenheitsgutmensch". Das klingt nicht so, als seien Sie religiös ...

Tita von Hardenberg: Sehr religiös bin ich nicht, nein. Aber ich bin evangelisch erzogen worden, habe eben die christlichen Werte des Abendlandes mitbekommen - aber das ist ja nichts Ungewöhnliches.

teleschau: Sind Sie gläubig?

von Hardenberg: Ja, ich glaube schon an Gott.

teleschau: Wie sind Sie zu dem Thema Ihrer Reportage gekommen?

von Hardenberg: Wir beobachten mit der Sendung "Polylux" Jugendkultur, und uns ist immer wieder aufgefallen, dass die Jugend religiöser wird, dass es überall Erweckungsbewegungen gibt. Viele sehnen sich nach strengeren Werten und Orientierung. Diesem Phänomen gingen wir nach und sahen, dass es hier tatsächlich einen großen Trend gibt. Das, was in Amerika schon eine mächtige Bewegung ist, der sogar der Präsident angehört - die wiedergeborenen Christen - gibt es bei uns auch .

teleschau: Wächst diese Bewegung auch in Deutschland?

von Hardenberg: Ja, sie hat einen ungeheuren Zulauf. Die Betgemeinschaft "The Call", die wir begleitet haben, bekommt bei ihren ekstatischen religiösen Events bis zu 30.000 Leute zusammen, die dann gemeinsam beten, tanzen und in Trance fallen - eine Stimmung wie auf dem Rockkonzert.

teleschau: Wie sieht der Film aus?

von Hardenberg: Wir haben drei Jugendliche begleitet und dabei beobachtet, wie sie angeworben werden und sich langsam in Missionare verwandeln. Mit einem der Jungen waren wir dann in den USA bei der Mutterbewegung und bei einem Welttreffen in Manila. Er predigt dort vor 30.000 Leuten- für ihn als 22-Jährigen der Höhepunkt seiner bisherigen Laufbahn. Es ist spannend, diesen Prozess zu beobachten.

teleschau: Wie verläuft der Weg zum Missionar?

von Hardenberg: Die Jugendlichen missionieren selbst, ziehen einfach durch die Provinz und quatschen die Leute an. Wer Feuer fängt, wird dann in der "Holy Revolution School" je nach Befähigung zum Prediger oder Heiler ausgebildet.

teleschau: Welche Ziele verfolgt "The Call"?

von Hardenberg: Sie sind absolut bibeltreu - bezeichnen sich selbst als christliche Fundamentalisten. Sie lehnen die Lehre der Evolution ab, glauben an absolute Keuschheit vor der Ehe. Ihr Ziel ist es, fundamentalistisch-christliche Werte in der Gesellschaft durchzusetzen.

teleschau: Woher kommt diese Sehnsucht nach Werten bei Jugendlichen? Ist es die Schwierigkeit, mit Freiheit umzugehen?

von Hardenberg: Ja, ich glaube, das ist eine gute Analyse. Jugendliche haben scheinbar alle Möglichkeiten, aber in Wirklichkeit auch wieder nicht. Aus dem modernen Werte-Cocktail können sie alles herauspicken, was sie wollen, und damit sind viele überfordert. Da bieten diese Gruppierungen einen Halt: Ein großes Gemeinschaftsgefühl, sehr viel Euphorie und vor allem ganz klare Regeln, wie man leben und nicht leben soll. Das hilft vielen Jugendlichen weiter. Der Film untersucht diesen unbedingten Gehorsam, diese Intoleranz, natürlich auch kritisch.

teleschau: Was würden Sie tun, wenn Ihre eigenen Kinder sich "The Call" anschließen würden?

von Hardenberg: Ich würde versuchen, das zu verhindern.

teleschau: Gab es bereits Filme über "The Call"?

von Hardenberg: Nein, wir sind die Ersten! Uns ist das selbst ein Rätsel. In den Archiven ist nichts zu finden, fast als würden die Medien den Erfolg der Bewegung totschweigen.

teleschau: Was reizt gerade Jugendliche an den religiösen Zusammenkünften?

von Hardenberg: Es herrscht schon eine wahnsinnige Energie dort. Die Leute reden in Zungen, fangen an laut zu beten, sprechen plötzlich ein seltsames Kauderwelsch.

teleschau: Sind Sie dafür empfänglich?

von Hardenberg: Eher nicht. Ich finde, dass ein Gebet etwas Stilles sein sollte.

teleschau: Bleibt christlicher Fundamentalismus ein kurzlebiger Trend?

von Hardenberg: Nein, ich glaube, das wird ganz groß. Das erklärte Ziel dieser Gruppen ist, Einfluss zu nehmen, und damit haben sie großen Erfolg bei der Jugend.

teleschau: "The Call" formierte sich nach dem Schulmassaker in Littleton. Ist das wirklich mit Deutschland vergleichbar?

von Hardenberg: In Erfurt waren es sogar drei Todesopfer mehr als in Littleton- und alle waren überrascht, weil man dachte, das könnte hier nicht passieren. Ich glaube, Leere und Beliebigkeit sind auch hier ein Problem, wenn auch nicht in dem Maße wie in Amerika.

teleschau: Sie sind mit Ende 30 schon keine Jugendliche mehr. Warum sind Sie immer noch fasziniert von Jugendthemen?

von Hardenberg: Vielleicht, weil die Jugend immer älter wird und immer länger dauert (lacht). Nein, ich bin keine Jugendliche mehr, aber Jugendkulturen sind mein Steckenpferd, das verliert seine Faszination nicht. Gesellschaftliche Trends im weitesten Sinne beginnen eben oft bei den Jüngeren.

teleschau: Sie selbst leben ja recht bürgerlich mit Mann und zwei Kindern am Prenzlauer Berg ...

von Hardenberg: Man muss nicht alle Trends mitmachen, über die man Filme dreht. Aber wenn wir über bestimmte Ausstellungen oder Performances berichten, dann interessiert mich das schon auch privat. In erster Linie ist es aber ein Job, der früh anfängt und oft anstrengend ist - ich leite eine Firma, das beißt sich leider etwas mit einem wilden Boheme-Leben. Dafür fehlen einfach ein paar Stunden am Tag. Und mit zwei Kindern sind die Nächte auch lebendiger geworden.

teleschau: Sind Sie konservativer geworden, seit Sie Kinder haben?

von Hardenberg: Nein, im Gegenteil. Aber vielleicht ein bisschen übernächtigter als vorher.

teleschau: Wie lange lässt sich eine Jugendsendung wie "Polylux" moderieren?

von Hardenberg: "Polylux" ist kein Jugendmagazin mehr, das war einmal. Jetzt ist es ein Zeitgeistmagazin, das auf pointierte Weise die wichtigsten gesellschaftlichen Strömungen hinterfragt. Das ist ziemlich zeitlos. Außerdem ist vieles von dem, was früher als Jugendtrend galt - Nachtleben, Musik, Mode - heute auch für 40-Jährige interessant, weil wir immer später erwachsen werden. Mit dem gesettleten Familienleben tun sich heute viele schwer und zögern die Entscheidung bis an die biologische Grenze hinaus. Ein typisches Problem meiner Generation.

teleschau: Hatten Sie selbst ein Problem mit dem Erwachsenwerden?

von Hardenberg: Mit dem Kinderkriegen schon. Ich fand mein Leben erfüllend und hatte keine innere Sehnsucht. Aber wenn man sie hat, merkt man, dass die Kinder einem eine völlig neue Dimension eröffnen.

Lena Grundhuber


Tita von Hardenberg ist nicht nur Moderatorin von "Polylux", sondern hat auch eine eigene Produktionsfirma in Berlin und eine Familie - nur an Schlaf mangelt es.
Tita von Hardenberg ist nicht nur Moderatorin von "Polylux", sondern hat auch eine eigene Produktionsfirma in Berlin und eine Familie - nur an Schlaf mangelt es. (RBB / Johannes Zacher)

Immer donnerstags moderiert Tita von Hardenberg das Berliner Szenemagazin "Polylux" im Ersten um 23.30 Uhr.
Immer donnerstags moderiert Tita von Hardenberg das Berliner Szenemagazin "Polylux" im Ersten um 23.30 Uhr. (ARD / RBB)

Die amerikanische Buß- und Betgemeinde "The Call" findet auch in Deutschland immer mehr Anhänger: 2003 kamen 10.000 junge Leute zur Massenandacht am Brandenburger Tor in Berlin.
Die amerikanische Buß- und Betgemeinde "The Call" findet auch in Deutschland immer mehr Anhänger: 2003 kamen 10.000 junge Leute zur Massenandacht am Brandenburger Tor in Berlin. (RBB)

Datum: 12.11.2005

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