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Esther Schweins

"Mein Leben ist kein Planspiel"

Schauspielerin Esther Schweins

(tsch) Mit Esther Schweins zu telefonieren fühlt sich an, als säße man in einer Kneipe irgendwo in Berlin. Dort lebt die Schauspielerin mit dem roten Haar, dort raucht sie ihre Zigaretten und philosophiert über das Leben. Gut möglich aber auch, dass das alles ein großer Irrtum ist. Denn vielleicht beherrscht die Frau ihr Handwerk einfach so souverän, dass man ihr blindlings folgt in die Rolle, die sie sich gerade ausgesucht hat, denn "vorstellen", so sagt sie, könne sie sich viel. Wie dem auch sei, im Moment sprechen wir mit einer nachdenklichen Esther Schweins über Sozialkritik im Theater. In der Verfilmung von Maxim Gorkis "Nachtasyl", zu sehen am Mittwoch, 19. Oktober, 22.40 Uhr, bei ARTE, spielt sie die Rolle der Walli - eine Frau mit hartem Herzen und existenziellen Problemen.

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Mit der Idee, einen Theaterfilm zu drehen, liebäugele sie schon länger, sagt Esther Schweins. Ursprünglich wollte sie mit Regisseur Hardi Sturm ein Stück von Anton Tschechow in Szene setzen, dann aber sei mit der Sachsen-Wahl 2004 die Politik dazwischen gekommen - die rechtsradikale NPD schaffte den Einzug in den Landtag. "Wir fragten uns: Wie konnte das passieren? Wo wurzelt das? Da fiel Hardi Sturm das 'Nachtasyl' ein", erzählt die Schauspielerin.

Auf der Basis von Gorkis naturalistischem Stück über eine Gruppe armer Taugenichtse wollten sie untersuchen, was geschieht, wenn Armut und Arbeitslosigkeit den Menschen die Hoffnung rauben. Und es hört sich ganz danach an, als spräche Esther Schweins nicht nur vom Autor, wenn sie erläutert, worum es hier eigentlich geht: "Gorki war sein ganzes Leben lang von der Frage angetrieben: 'Wo bleiben Moral und Ethik, wenn Hunger herrscht?" Zum Nachdenken solle der Film anregen - zum Beispiel darüber, was passiert, wenn über den eigenen Existenzsorgen das Mitleid für andere verloren geht, welche Konsequenzen es hat, wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht.

So viel soziales Bewusstsein mag ein wenig erstaunen bei einer Schauspielerin, die ihre Karriere als Komödiantin bei "RTL Samstag Nacht" begonnen hat und einem größeren Publikum vorzugsweise in Filmen wie "Tausche Kind gegen Karriere" oder "Küss niemals einen Flaschengeist" begegnet. Dabei wechselt sie munter zwischen den Genres: In der RTL-Serie "Die Cleveren" spielt sie eine Kriminalhauptkommissarin und noch in diesem Jahr kommt die 35-Jährige mit dem Thriller "Feuer" in die deutschen Kinos.

Aber da gibt es eben auch diese andere Esther Schweins: Eine, die Theatermagazine beim ZDFtheaterkanal und bei 3sat moderiert, einen Verein zur Unterstützung sozial schwacher Jugendlicher und Obdachloser gegründet hat und seit der Flutkatastrophe in Südasien Spenden und Hilfsgüter für Sri Lanka sammelt. Es hat also durchaus seinen Grund, dass Esther Schweins darum gebeten wird, TV-Duelle zu kommentieren. Für sie scheint Engagement eine Frage des sozialen Gewissens zu sein, aber auch eine des inneren Friedens. Dabei geht es diesem "Kind der 80-er", wie sie mit einem hörbaren Schmunzeln bemerkt, vor allem um eines: Nie wieder Krieg. Die Schrecknisse des Krieges seien in ihrer Familie immer thematisiert worden - und ihre Folgerung daraus könnte aus einer Rede von Willy Brandt stammen: "Europa hat soviel Krieg über die Welt gebracht. Jetzt ist es an uns, Ideen für den Frieden zu entwickeln."

Die Frage drängt sich auf: Was hat sie dazu bewogen, eine Schauspielschule zu besuchen, statt Sozialarbeiterin, Missionarin oder Lehrerin zu werden? Esther Schweins kann selbst nur Mutmaßungen anstellen: "Vielleicht ist dieser Beruf die einzige Möglichkeit, außen vor zu bleiben." Lange habe sie damit gehadert, Künstlerin geworden zu sein, statt "etwas zu tun". Und dann fällt ihr doch noch eine alte Geschichte ein: "Einmal traf ich eine ältere Dame, die alle nur 'Brettchen' nannten, weil sie so dünn war. Sie hat sich viel um ältere Menschen gekümmert. Die sah mir mein Problem am Gesicht an und sagte dann zu mir: 'Kindchen, Du musst doch erst mal leben, bevor Du was für andere tun kannst.' Von ihr habe ich sozusagen meine Absolution bekommen."

So ernsthaft sie soziale Fragen diskutiert, so undogmatisch gibt sich die rothaarige Schöne, was ihre eigene Karriere angeht. Das Wichtigste sei ihr, immer etwas Neues zu lernen, wandlungsfähig und wachsam zu bleiben: "Ich fand es schon auf der Schauspielschule komisch, dass man sofort in Schubladen eingeordnet wurde. Ich dachte mir immer, Schauspielerei muss doch alles abdecken können, ich wollte mir immer die Möglichkeit bewahren, alles zu tun." Den Grund etwa, warum sie irgendwann von der Comedy Abschied genommen habe, kenne sie selbst nicht genau, sagt sie - und schickt ein Lachen hinterher, das ein bisschen danach klingt, als finde sie schon die Frage vollkommen absurd.

Fragen stellen statt Antworten geben, Möglichkeiten bewahren statt einzurosten - das habe sie gelernt, das sei ihr wichtig. Konkreter wird sie nicht in Bezug auf die Zukunft, da schlägt sie lieber einen nicht uncharmanten, selbstironischen Haken ins Berlinerische: "Mal kieken, was das Leben so bringt." Und dann fasst die Single-Frau, die sich so ungern festlegen lässt, irgendwann doch in Worte, was sie wohl eigentlich meint: "Mein Leben ist kein Planspiel."

Lena Grundhuber


Esther Schweins lässt sich nicht gerne festlegen.
Esther Schweins lässt sich nicht gerne festlegen. (ZDF)

Soziales Engagement ist Esther Schweins sehr wichtig: "Jeder kann etwas tun", findet sie.
Soziales Engagement ist Esther Schweins sehr wichtig: "Jeder kann etwas tun", findet sie. (ZDF / Florian Bolk)

In dem Theaterfilm "Nachtasyl" spielt Esther Schweins die Rolle der hartherzigen Herbergsmutter Walli.
In dem Theaterfilm "Nachtasyl" spielt Esther Schweins die Rolle der hartherzigen Herbergsmutter Walli. (ZDF / Oliver Polich)

Datum: 07.09.2005

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Diskussion: "Esther Schweins"

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