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Sally Potter

Von der Macht der Sprache

Regisseurin Sally Potter

(tsch) Sally Potter ist eine Filmemacherin, die sich Zeit lässt, wenn es darum geht, ein Projekt zu planen und es für die große Leinwand umzusetzen. Ihre Filme sind Kunst, das waren sie immer, seit sie 1979 mit "Thriller" in Schwarz-Weiß zum ersten Mal Aufsehen erregte in der Filmszene Großbritanniens. Seitdem überraschte sie immer wieder: Mit 60-Minütern wie "I Am an Ox, I Am a Horse, I Am a Man, I Am a Woman", Schmachtfetzen wie "Tango Fieber" oder zuletzt mit dem Auswanderungsdrama "In stürmischen Zeiten". Nun kommt wieder ein überraschender Film von der mittlerweile 56-jährigen Sally Potter in die deutschen Kinos: "Yes" (Start: 05.01.) proklamiert sie damit offensiv, aber gar nicht provokant. "Sagt Ja zum Leben und zu unseren Unterschieden", so möchte sie das Publikum begeistern - und stattete ihr Werk mit Reimen aus (Hauptrollen: Joan Allen und Sam Neill). Im Interview erzählt die Regisseurin und Autorin, was die Sprache heute bedeutet, wieso Vorurteile keine amerikanische Erfindung sind und warum wir immer 18 bleiben - egal, wie alt wir werden.

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teleschau: Ihr neuer Film trägt einen sehr prägnanten Titel: Wem wollen Sie "Ja" sagen?

Sally Potter: Ich halte "Yes" einfach für eines der schönsten und interessantesten Worte im englischen Sprachraum. Auch ist es das letzte Wort in James Joyces "Ulyssees" in Molly Blooms Monolog. Der Titel ist also für mich einerseits ein Joyce-Zitat, aber auf der anderen Seite noch sehr viel deutlicher ein Zeichen der Zustimmung.

teleschau: Er soll also dem Betrachter helfen, Zuversicht zu schöpfen.

Sally Potter: Nun, wir haben uns alle daran gewöhnt, in einem Delirium aus Negativität, Pessimismus und Hoffnungslosigkeit zu leben. Das zwingt uns in eine Passivität auf allen Leveln: emotional, mental und in dem so lebenswichtigen feinen energetischem System, in dem wir leben. Das, was Kino, Musik, Theater, einfach alle fiktionalen Künste, dagegen tun können, ist die Energie der Hoffnung wieder zurückzubringen in unsere Köpfe. Wir sollen wieder selbst unser Schicksal bestimmen, unser Leben selbstbestimmt gestalten. Wir haben die Macht über das Drehbuch unseres Lebens. Die drei Buchstaben dieses zierlichen Wortes "Yes" zeigen uns all das. Und wenn man es laut ausspricht, dann sitzt man gleich selbstbewusster, gerader, energiegeladener.

teleschau: Der Film problematisiert zudem das latente Misstrauen zwischen Christentum und Islam.

Sally Potter: Was uns in der westlichen Welt fehlt, ist ein offenes Ohr für die verborgene Stimme der Immigranten, speziell aus dem Mittleren Osten. Wir sind auf schlimmste Weise unfähig ... was Fremde wirklich bewegt. Im Film lasse ich daher auf dem Höhepunkt Mann und Frau streiten, dass verbal die Fetzen fliegen. Es geht um Missverständnisse, um falsches Verstehen, um das Gar-Nicht-Verstehen.

teleschau: Die Protagonisten im Film sprechen in Reimen. Was bewegte Sie zu dieser für das moderne Kino doch recht unüblichen Entscheidung?

Sally Potter: Manchmal glaube ich, dass das Dichten in meinen Genen steckt. Es geht mir leichter von der Hand, Lyrik zu schreiben als Prosa. Es ist ein schon lange anhaltendes Verlangen in mir, darüber nachzudenken, wie die Verspieltheit und Lyrik von Worten mit der Verspieltheit und Lyrik eines so von Bildern dominierten Mediums, wie das Kino es ist, zusammengebracht werden kann. In meinen vorherigen Filmen arbeitete ich sehr viel mit Bildern, mit nicht ausgesprochenen Worten, mit Blicken. Jetzt wollte ich das Gegenteil: Lasst uns den Film übergießen mit Worten und Reimen, kein Wort ungesagt lassen! So sieht es nämlich in unseren Köpfen aus: Wir leben mit einem ständigen Monolog von widerstreitenden Stimmen: Eltern, Gesellschaft, die eigene Persönlichkeit. Wir leben ständig mit einer Masse aus Sprache.

teleschau: Nun leben wir aber in einer sehr visuell geprägten Kultur - für Sie ein Vorteil oder ein Nachteil?

Sally Potter: Es ist schon ein Mythos, dass wir eine visuelle Kultur geworden sind, weil uns das Fernsehen unter seiner Knute hat. Aber in der Realität haben wir uns zu einer mehr oralen Gesellschaft entwickelt, das heißt: Sprache ist das Ein und Alles. Der Erfolg von Rap und HipHop beispielsweise ist kein Zufall, sondern steht in direkter Verbindung damit. Vor allem die jüngeren Generationen haben einen ausgeprägten Sinn für Sprache - nur die Struktur von Sprache ändert sich laufend. Heute ist sie bruchstückhafter, wirkt dadurch einfacher. Daher bin ich sehr gespannt, wie junge Zuschauer, speziell Studenten auf meinen Film reagieren.

teleschau: Sie haben mit Ihrem Film also vornehmlich junge Zuschauer als Zielgruppe im Auge?

Sally Potter: Ich habe keine explizite Zielgruppe vorgesehen: Ob altes, junges, westliches oder östliches Publikum. Am liebsten sollen natürlich alle den Film sehen. Ich war aber in regem E-Mail-Kontakt mit einigen Studenten, die "Yes" schon in einem sehr frühen Stadium gesehen haben, weil ich ein Seminar an ihrer Universität gehalten habe. Ich fragte sie ganz direkt, ob es ein Film für ein junges Publikum sei. Sie bejahten das vehement, nicht nur wegen des auftretenden Teenager-Charakters, sondern weil wir uns alle identifizieren wollen mit den Problemen und Auseinandersetzungen anderer. Es ist eine falsche Auffassung, dass wir nur Gleichaltrige im Kinofilm wiederfinden wollen. Es gibt viel wichtigere Eigenschaften, die wir alle gemein haben. Da kommt es nicht auf das Alter an: Wenn man älter wird, dann merkt man, dass wir alle innerlich eigentlich immer 18 Jahre alt bleiben. Meine 91-jährige Großmutter war davon jedenfalls überzeugt und wunderte sich über ihre vielen Falten.

teleschau: Worauf fußt die Brisanz des Filmthemas, dass das Anders-Sein so schwierig ist in unserer Gesellschaft?

Sally Potter: Wir fürchten uns vor Unterschieden jeglicher Art. Die Struktur unserer Gesellschaften basiert ursprünglich auf der Struktur von Sklavengesellschaften, geteilt in die, die zählten, und jene, die nichts wert waren. Letztere mussten die Drecksarbeit übernehmen. Die Oberen dagegen ließen sich bedienen. Diese Wurzeln haben viele vergessen. Ich glaube aber fest an etwas, das in der amerikanischen Verfassung steht: Leben und Freiheit für alle und Gleichheit in den Augen Gottes, auch wenn man nicht an Gott glaubt.

teleschau: Gerade auch in den USA wird der Islam durch die weltpolitische Situation mitunter angefeindet. Inwiefern spielen da Ihrer Ansicht nach Vorurteile eine Rolle?

Sally Potter: Vorurteile entstehen aufgrund von fehlender Information. Wenn die Informationen fließen, werden die Vorurteile notgedrungen weggespült. Nicht nur die Amerikaner, sondern auch die Briten, Deutschen und alle anderen auf der Welt haben ihre Vorurteile in Korrelation zu dem Wissen, das ihnen zur Verfügung steht. Jedes Land hat zwar seine speziellen Vorurteile, aber in den USA gibt es darüber hinaus eine zynische Taktik seitens der Herrschenden, eine Atmosphäre der Angst zu manifestieren, um den Mittleren Osten zu verteufeln. Die "Achse des Bösen" ist dafür der augenscheinlichste Ausdruck. Das Wort "Böse" einzusetzen, ist auf interkultureller Ebene sehr gefährlich. Andererseits hat der Rest der Welt auch ein falsches Vorurteil über die Amerikaner: der arrogante Fastfood-Konsument, übergewichtig und all das. Das ist so etwas von falsch! Jegliches Klischee ist gefährlich.

teleschau: Wann werden wir unsere Unterschiede ungezwungen feiern können?

Sally Potter: Ich hoffe, dass wir schon jetzt feiern können, wie verschieden wir sind. Das ist notwendig, um die Augen geöffnet zu bekommen. Bemerkenswerterweise geschieht so etwas vorbildlich in einer Stadt wie Beirut. Abgesehen von der vom Krieg belasteten Vergangenheit ist das eine Stadt, in der Moslems, Armenier, orthodoxe Christen sowie alle weiteren Glaubensarten von Christen und Juden auf engem Raum zusammenleben. Es ist möglich. Daran müssen wir nicht nur glauben: Ich sehe es.

Leif Kramp


"Leben und Freiheit für alle und Gleichheit in den Augen Gottes" - die Regisseurin Sally Potter glaubt fest daran.
"Leben und Freiheit für alle und Gleichheit in den Augen Gottes" - die Regisseurin Sally Potter glaubt fest daran. (Alamode Film)

Sally Potter (rechts) suchte stets das Gespräch mit ihrer Haupdarstellerin Joan Allen.
Sally Potter (rechts) suchte stets das Gespräch mit ihrer Haupdarstellerin Joan Allen. (Alamode Film)

Geboren im September 1949 in London - und doch für immer und ewig 18 Jahre alt: Sally Potter.
Geboren im September 1949 in London - und doch für immer und ewig 18 Jahre alt: Sally Potter. (Alamode Film)

Datum: 29.12.2005

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