(tsch) Und ob die Deutschen Humor haben! Der Beweis: Fast 1,3 Millionen Zuschauer wollten Tom Gerhardt in der Rolle des sagenhaften "Siegfried" im Kino sehen. Jetzt kommt Gerhardts schräge Nibelungen-Interpretation auf DVD. Und wem dieser Angriff aufs Zwerchfell noch nicht genügt, der kann mit zwei ebenfalls soeben erschienenen DVDs zu Gerhardts SAT.1-Kult-Comedy "Hausmeister Krause - Ordnung muss sein" nachlegen, bevor es dann ab April im Fernsehen endlich wieder neue Folgen mit Deutschlands durchgeknalltestem Dackelzüchter gibt. Genug Anlass also für ein ausführliches Gespräch mit Comedian Gerhardt (48), der, Ehrensache für einen Ordnungsfanatiker, wie vereinbart anrief ...
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teleschau: Respekt, Sie sind pünktlich auf die Sekunde!
Tom Gerhardt: Ordnung muss sein, wir sind hier ja nicht auf der Kirmes! Gerade drehe ich "Hausmeister Krause" - da ist Pünktlichkeit das halbe Leben.
teleschau: Wenn Sie's nur immer so genau nehmen würden. - Wie hat denn die Germanisten-Fraktion auf Ihre Nibelungen-Interpretation reagiert?
Gerhardt: Die sind geradezu auf die Knie gefallen. Zu Recht: Noch nie hat jemand in einem Film so gut zeigen können, dass sich das Gute am Ende durchsetzt.
teleschau: Wollen Sie uns weismachen, dass "Siegfried" eine Moral hat?
Gerhardt: Und ob: Du kannst das Böse besiegen - du musst nur unendlich gut drauf sein. - Die große Botschaft in einem großen Film.
teleschau: Und die Gralshüter der Germanistik sehen das genauso?
Gerhardt: Also gut: Bei meinem Management gingen so viele Reaktionen ein wie nie zuvor. Es gibt aber die Anweisung, mir nur die positiven Stimmen weiterzuleiten, die bösen Briefe landen im Papierkorb. Mag sein, dass es ein paar unbelehrbare Professoren, einige immer-Gestrige gibt, die mir das nicht verzeihen.
teleschau: In welcher schwachen Stunde kam Ihnen denn die Idee zu diesem Film?
Gerhardt: Das lag auf der Hand. In meiner Familie steckt Raubritterblut: seitens meiner Mutter, einer geborenen "Rennenberg". Sie ist der friedliebendste Mensch, aber ihre Vorfahren sind in einem Dokument als "Die wilden Horden derer von Rennenberg" beschrieben. Am Rhein gibt es sogar noch eine Burgruine Rennenberg. Außerdem habe ich einen altgermanischen Namen: "Gerhardt" bedeutet so viel wie "Harter Speer" (Ger = Speer, hardt = hart, die Red.) Die Vorfahren meines Vaters kommen aus der Gegend von Worms. Alles in allem war dieser Film also unausweichlich.
teleschau: Und das Thema hat Sie so begeistert, dass Sie die Rolle des Helden übernahmen.
Gerhardt: Siegfried war ein naiver, gutmütiger Draufgänger. Und solche Typen habe ich schon immer gerne gespielt. Natürlich habe ich ihn dann etwas spaßbetonter werden lassen als in der düsteren Sage. Toll: Aus diesem schweren Stoff, der schon so viele Germanistik-Studenten gequält hat, ist unter unseren Händen eine leichte Sommerkomödie geworden. Wir haben dieses ellenlange Kulturgut etwas mehr auf den Punkt gebracht - und ein paar noch nicht so bekannte Aspekte in den Vordergrund gerückt.
teleschau: Zum Beispiel, dass Siegfried ein Schwein hatte ...
Gerhardt: Das haben die im Nibelungenlied einfach verschwiegen. Dabei ist doch klar: Wer so viele Heldentaten übersteht, muss einfach Schwein haben.
teleschau: Sie mussten das Schweinchen knutschen!
Gerhardt: Ich habe mir ein paarmal über den Mund gestrichen, die Augen zugemacht, und dann ging's los. War halb so schlimm. Andere kommen auf den Hund - ich bin aufs Schwein gekommen.
teleschau: Sie sagten schon mehrfach, der Zuschauer habe keine Vorstellung, wieviel harte Arbeit hinter einem solchen Comedy-Dreh steckt ...
Gerhardt: Das stimmt. Gott sei Dank sieht man es nicht, sonst wäre so ein Film alles andere als gelungen.
teleschau: Man kann sich aber durchaus vorstellen, dass Sie am Set bei "Siegfried" Tränen gelacht haben müssen.
Gerhardt: Klar. Ich erinnere mich voller Freude an eine Knutschszene, die ich mit Dorkas Kiefer (sie spielt Kriemhild, die Red.) drehte. Wir purzelten ständig auf dem Boden herum - da lag auch der ganze Saal flach vor Lachen.
teleschau: Es heißt, Sie haben sich Brasilien als Refugium ausgesucht, um nach derartigen Dreh-Strapazen neue Kreativität zu tanken.
Gerhardt: Na ja, das wird immer ein bisschen ausgemalt in den Medien. Liegt wahrscheinlich schon am Wort "Brasilien", das für manche Deutsche ein dumpfes Synonym für Spaß und gutes Leben zu sein scheint. Aber es stimmt: Es gibt da einen kleinen Ort in der Provinz, in dem Freunde von mir wohnen. Ich verkrümelte mich schon des Öfteren dorthin - vor allem, wenn es mir hier mal wieder zu kalt und langweilig wurde. Eine Zeitlang geht das gut, aber man wird sehr leicht verführt: Sonne, Wasser ... - da schleicht sich so ein lässiger Rhythmus ein. Also fliege ich spätestens nach zwei, drei Wochen wieder zurück nach Deutschland.
teleschau: Können Sie sich vorstellen, Deutschland eines Tages ganz den Rücken zu kehren?
Gerhardt: Nein. Ich komme ganz gut zurecht mit meinem Land. Leider haben wir nur zu wenig Sonne.
teleschau: Es gibt die Meinung, die Deutschen hätten auch zu wenig Humor.
Gerhardt: So sehe ich das nicht. Wenn die Deutschen so humorlos wären, würden sich beispielsweise nicht so viele einen solchen Film ansehen. Dass wir Deutschen nicht lachen können, ist wohl ein Klischee, das irgendwelche verschrobenen Intellektuellen erfunden haben, die für so manches Unheilvolle in dieser Welt zuständig sind.
teleschau: Die Intellektuellen sind generell weniger Ihre Klientel, oder?
Gerhardt: Kann man so nicht sagen. Ich habe in diesen Kreisen zwar durchaus meine Feinde, aber es gibt auch Freunde. Das Lager ist gespalten, fifty-fifty, würde ich sagen. Es gibt zum Beispiel einen Philosophie-Dozenten, der sich meinen Film "Voll normaaal" sechsmal im Kino ansah - weil er fasziniert war, was ich in diesem großen Werk alles mit der Sprache anstellte.
teleschau: Wahrscheinlich sind Ihre Filme für Soziologen sogar noch interessanter als für Philosophen.
Gerhardt: Schon. Aber für die ist die Konfrontation mit dem Wahnsinn sowieso allday-life.
teleschau: Obwohl der Prolet, wie Sie ihn Ihren Filmen und Bühnenprogrammen meistens persiflieren, eine vom Aussterben bedrohte Spezies zu sein scheint.
Gerhardt: Da ist etwas Wahres dran. Der gute, alte Industrie-Proll hat sich schon recht dünne gemacht, nachdem sich ja auch die Industrie zunehmend aus Deutschland wegverlagert. Siegfried hatte ja zum Glück ganz andere Sorgen. Die Figur ist auch ganz anders gezeichnet: kein Prolet, eher so ein Obelix-Typ.
teleschau: Zweifelsfrei ist aber Hausmeister Dieter Krause ein Prolet - und ein Spießer obendrein. Geht so einer eigentlich ins Kino?
Gerhardt: Der jute Krause - ins Kino? Gute Frage, gute Frage. Einmal war er, glaub' ich, wirklich im Kino. Auf der Hochzeitsreise, damals im Sauerland. Die Lissy hat es sich so gewünscht. Versprochen hatte er es ihr schon so oft. Sie wäre ja so gerne auch in "Titanic" gegangen, aber da hatte der jute Hund plötzlich Bauchschmerzen ...
teleschau: Nun, Krause ist wohl alles andere als ein Cineast.
Gerhardt: (verstellt die Stimme) Ach, der blöde Quatsch da mit dem Kino, und die verdammischten Schauspieler da. Das fängt schon mit dem Parkplatzsuchen an ... Nee, das kostet Krause viel zu viel Geld.
teleschau: Die "Siegfried"-DVD würde sich Krause bestimmt auch nicht zulegen.
Gerhardt: Um Gottes Willen. Die findet er ganz abscheulich. DVDs - von derart modernen Dingen hält der nichts. Krause würde über Siegfried sagen: "Für so ne dreckelige Blödsinn da kriegt der auch noch Geld dafür. - Frechheit so was!"
teleschau: Fernsehen guckt er auch kaum ...
Gerhardt: Höchstens mal 'ne Tiersendung, die Lottoziehung - oder eine Reportage über irgendwelche schrecklichen Ereignisse - um sich so sein Weltbild zu bestätigen.
teleschau: Er ist ein Arschloch, das haben Sie selbst gesagt. Sie lieben ihn trotzdem.
Gerhardt: Der jute Krause ... So sehr, dass ich jetzt beschlossen habe, wohl die zehn Jahre voll zu machen. Das wäre ein Traum. Wer kann sich schon zehn Jahre lang in unserer schnelllebigen Fernsehlandschaft behaupten! Wir haben 1998 begonnen, im Augenblick drehen wir im achten Jahr hintereinander, und im November geht's schon in Runde neun - Krause Attack! Die zehn neuen Folgen werden ab April bei SAT.1 laufen. Gerade noch rechtzeitig - wir wollen ja ungern gegen die Weltmeisterschaft spielen.
teleschau: Ist Krause eigentlich Fußball-Fan?
Gerhardt: Ja, der hat es mit dem FC Bayern. Sein Sohn, der Tommy, ist natürlich für den 1. FC Köln.
teleschau: Und Tom Gerhardt?
Gerhardt: Ich sehe mir ganz gerne Fußballspiele an. Ich war zum Beispiel schon im sagenumwobenen Maracana-Stadion in Brasilien. Meistens bin ich aber beim FC in Köln.
teleschau: Mit Ihrem Hang zu volksnahen Charakteren wären Sie doch genau der Richtige für eine TV-Satire zur Fußball-WM ...
Gerhardt: Ach, wie soll so was denn aussehen?! Wir Comedians kriegen ja jedesmal vor so einem großen Sportereignis mindestens drei Anrufe, ob wir nicht "irgendwas Komisches im Fernsehen" dazu machen wollen. Aber mir fällt da echt nichts ein. Außerdem: Ich will Fußball gucken und nicht kommentieren. Ich würde viel lieber wieder mal auf die Bühne gehen. Da kommt auf jeden Fall wieder etwas, denn mein Live-Publikum fehlt mir schon sehr. - Auch weil mich das Herumtingeln immer wieder neu inspiriert. Ich habe eben meine spezielle Welt des Wahnsinns, und die will ich in ihrer Reinheit erhalten.
teleschau: Was würde Ihre spezielle Welt des Wahnsinns denn gefährden?
Gerhardt: Die klassische Fernsehkrankheit: Ein Format läuft so erfolgreich, dass der Sender auf die Idee kommt, es fortan jede Woche zu senden, dann werden noch schnell irgendwelche zusätzliche Autoren engagiert - und schon haben wir Alltagsware, der Anfang vom Ende. Aber nicht mit Krause!
Frank Rauscher
"Völlig normal": Tom Gerhardt, wenn er mal nicht Dieter Krause ist. (SAT.1)
Schwein gehabt: Siegfried (Tom Gerhardt) mit seinem besten Freund. (2005 Constantin Film, München)
Alles für den Dackel ... Dieter (Tom Gerhardt) mit des Hausmeisters besten Freund. (SAT.1 / Elke Werner)