(tsch) Vincent Cassel wird beneidet. Nicht etwa, weil er in einem der beliebtesten Urlaubsländer der Deutschen lebt, sondern weil der Franzose mit einer der schönsten Frauen der Welt verheiratet ist. Zumindest wenn man den zahlreichen Gazetten trauen kann, die Monica Bellucci in ihren Hitlisten zu eben jenem Ruf verhalfen. Der 39-Jährige lebt dabei ein provokant unaufgeregtes Leben, liebt es zu reisen - freilich gemeinsam mit Tochter und Ehefrau - und besitzt mehrere Villen an exotischen Orten der Erde. Der passionierte Surfer ist nicht nur in Frankreich, sondern auch in Hollywood ein Star und spielte schon neben der A-Riege von George Clooney bis Nicole Kidman ("Oceans' Twelve", "Die purpurnen Flüsse", "Birthday Girl"). In seinem neuen US-Film "Entgleist" arbeitet er mit seinen prominenten Kollegen Jennifer Aniston und Clive Owen zusammen. Im Interview spricht Cassel über die Schurkenrolle, das Interesse der Medien an seiner Ehe und Frankreichs Quotenregelung für eigene Filme.
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teleschau: Franzosen werden in den USA seit ihrer klaren Opposition zum Irakkrieg mitunter angefeindet. Haben Sie solche Erfahrungen gemacht?
Vincent Cassel: Da heißt die klare Antwort: Nein.
teleschau: Sie besitzen ein gutes Standing, auch in Hollywood ...
Cassel: Der Charakter in meinem neuen Film zum Beispiel war als gemeiner, fieser Gauner angelegt, ganz "straight". Aber der Regisseur (Mikael Håfström, d. Red.) kam nach Paris, wir unterhielten uns Stunde um Stunde, und am Ende waren wir uns einig, dass die Figur doch etwas mehr Komplexität vertragen könnte. Ich konnte also ohne Probleme durchsetzen, dass es eine Art gespaltene Persönlichkeit wurde, also ein bisschen Abschaum von der Straße. Ein kluger, weltmännischer Franzose mit Charme und Esprit. Diese Entwicklung war notwendig, damit ich Spaß daran hatte - und zusagte. Ich glaube, dass man ihn auf diese Weise lange in Erinnerung behalten wird. Natürlich war es auch reizvoll, mit den Kollegen Clive Owen und Jennifer Aniston zusammenzuarbeiten.
teleschau: Sie mögen demnach die Rolle des Schurken?
Cassel: Das möchte ich doch etwas differenzieren: Den Oberbösewicht spielen, das ist okay für mich. Wer könnte es zum Beispiel ablehnen, die Rolle des Hannibal Lecter zu übernehmen? Ich finde aber, dass ich mir für den schnöden Fiesling aus der hintersten Reihe zu schade bin.
teleschau: Gar keine Sehnsucht nach Helden?
Cassel: Ich kann mit Heldenfiguren nicht sehr viel anfangen. Schauen Sie: Was ist denn an einem solchen Charakter interessant? Keine Ecken, keine Kanten. Wenn ich so jemanden mal spielen sollte, dann suche ich sowieso nach dem Dreck in seiner Seele, um die Rolle interessant zu machen.
teleschau: Aber was wird Ihre Tochter von Ihnen denken, wenn Sie einmal Ihre Filme anschauen wird?
Cassel: Ich würde meinen Vater (der Schauspieler Jean-Pierre Cassel, d. Red.) unheimlich gerne mal als Bösewicht sehen - ernsthaft! Er fängt gerade damit an. Er dreht mit jungen Regisseuren zurzeit sehr viel düstere Filme mit düsteren Rollen. Sein Problem war nur immer, dass seine Generation ihn nie hat den Bösen spielen lassen. Nun darf er als Einarmiger oder als Betrüger auftreten. Das ist auch für mich interessant zu beobachten.
teleschau: Andere Väter beginnen, wenn ihre Kinder auf die Welt gekommen sind, Kinderfilme zu drehen.
Cassel: Ja, aber mir ist es eigentlich lieber, wenn meine Tochter andere Leute auf der Leinwand sieht als andauernd mich. "Schau' mal: Da ist Papi! Und da! Und da!" Das muss nicht sein.
teleschau: Wann wird sie Ihre Filme sehen dürfen?
Cassel: Wenn sie 25 Jahre alt geworden ist. Das ist zum Schutz ihrer Seele: Es ist hart genug für sie, Tochter zweier Schauspieler zu sein. Ich möchte, dass sie die Distanz wahren kann, die sie braucht, um nicht vollständig vom Bild ihrer Eltern in den Medien - ob im Film, Fernsehen oder in den Zeitungen - geprägt zu werden. Sie soll lieber Brad Pitt anhimmeln ...
teleschau: ... der, wenn sie in die Pubertät kommt, aber zu alt sein wird.
Cassel: Dann bin ich aber auch viel zu alt. Also wird sie sich wohl einen anderen aussuchen müssen.
teleschau: Werden Sie weiser, je älter Sie werden?
Cassel: Vielleicht bin ich etwas milder geworden. Aber ich fühle immer noch die Art von Energie, die ich schon vor zehn Jahren in mir hatte. Ich denke mehr darüber nach, warum ich mich in der Vergangenheit auf eine bestimmte Art verhalten habe. Ich analysiere mich im Nachhinein selbst und verstehe erst jetzt, viele Jahre später, wieso ich damals auf einen Impuls so oder anders agiert habe.
teleschau: Sie sind in Hollywood wie im französischen Kino zu Hause: USA fürs Geld, Europa für die Seele?
Cassel: Das trifft es nicht ganz, weil ich in Frankreich weitaus mehr Geld verdiene als in Hollywood. Aber es macht mir Spaß, in den USA zu drehen, weil ich dort mit den unterschiedlichsten Leuten zusammenkomme. Wir sprechen verschiedene Sprachen, haben andere Lebensentwürfe - das ist für mich sehr erfüllend. Und wenn ich zurückkomme an ein französisches Filmset, dann habe ich diese ganz besondere Energie, die man nur entwickeln kann, wenn man etwas vollkommen anderes erlebt hat.
teleschau: Sie fühlen sich als Kosmopolit?
Cassel: Es ist nicht so, dass ich mich überall zuhause fühle. Paris ist meine Heimat und wird es auch immer sein. Dort entspanne ich mich, weil ich dort auch am meisten bin. Ich arbeite ja nicht viel, allenfalls mache ich ein oder zwei Filme im Jahr. Es ist nicht besonders gesund, zu viel Zeit bei Dreharbeiten zu verbringen und danach um den Globus zu reisen, um den Film zu bewerben. Wenn man das sein ganzes Leben lang macht, verliert man den Boden unter den Füßen - und den Kontakt zur realen Welt.
teleschau: Was ist für Sie die reale Welt?
Cassel: Eine Welt, in der man weiß, wer man ist. Es ist zwar nett, dass Sie mir Fragen stellen, aber überlegen Sie mal: Eigentlich ist das hier schon eine sehr verrückte Situation - eine irreale. Im normalen Leben möchten die Leute doch nicht deine Meinung zu allem wissen. Vielleicht sage ich das, weil ich am Ende einer Promotiontour für zwei Filme stehe, die länger als einen Monat gedauert hat und ich deswegen etwas kaputt bin. Aber ich kann Ihnen sagen: Es ist ungesund und total narzisstisch. Deswegen nehme ich mir eine Auszeit mit meiner Familie: Wir fliegen nach Rio de Janeiro mitten hinein in den Karneval.
teleschau: Dabei scheinen Sie aber auch der Selbstdarstellung nicht abgeneigt zu sein: Ihre Internetseite zeigt zahlreichen Fotoshootings - sind Sie von Natur aus nicht auch etwas narzisstisch?
Cassel: Das ist etwas, was ich tun muss. Als Schauspieler habe ich die Pflicht, meine Filme bekannt zu machen. Das geschieht auf vielfältige Weise, unter anderem eben auch dadurch, dass ich Bilder von mir machen lasse. Es gibt da verschiedene Strategien: Entweder man wandelt auf großer Spur und besucht alle riesigen Fernsehshows. Mag ich gar nicht. Oder man kommt in die kleinen Medien, was sehr viel mehr Arbeit macht, vielleicht auch weniger Aufmerksamkeit erzielt, aber es dir erlaubt, kantigere Filme zu machen, kontroversere Filme. Das mag narzisstisch sein, gehört aber alles zum Job. Deswegen bin ich so oft zu Hause. Eben, um in die Realität zurückzukehren.
teleschau: Engagieren Sie sich für die harte Realität im Sinne von politischer Aktivität oder Ähnlichem?
Cassel: Ich genieße das Leben. Ganz ehrlich: Ich möchte mich nicht für irgendwelche Sachen engagieren, um damit irgendetwas zu kompensieren. Ich fühle mich aufgrund meines Berufes nicht dazu verpflichtet, Organisationen zu unterstützen oder politisch aktiv zu werden. Es gibt genug zu tun dort, wo ich lebe. Wenn ich etwas zu sagen habe, dann mache ich das in Form meiner Filmwahl. Das trifft jetzt nicht auf "Entgleist" zu - das ist Hollywood-Unterhaltung - aber auf andere Filme wie "Irreversible" zum Beispiel.
teleschau: Fühlen Sie sich von der neugierigen Öffentlichkeit in Ihrem Familienleben bedrängt?
Cassel: Ich spüre die dunkle Seite der Medienmacht (lacht). Aber ich muss verstehen, dass ich mit meiner Frau gemeinsam Filme mache. Wir können niemanden glauben machen, dass wir uns nicht kennen. Das wäre blöd. Klar sind die Leute an dem interessiert, was hinter anderen Vorhängen vor sich geht. Aber ich kaufe keine Boulevardpresse. Ich möchte die Leute nicht finanzieren, mit denen ich mich im Clinch befinde. Man darf nichts lesen: Nichts Böses und vor allem nichts Nettes - das korrumpiert. Ich übe mich in kompletter Distanz.
teleschau: Sie sind also nicht der Richtige für eine Homestory?
Cassel: Ach, Sie meinen so was total Cooles wie für MTV-"Cribs": "Hey People, hier seht ihr meinen Flachbildfernseher und hier meine Tochter! Hey Darling, sag' hallo zu M-T-V!" Das ist doch total irre! Wäre ich nicht der Typ dafür.
teleschau: Aber eigentlich müssten Sie sich doch in Deutschland oder den USA relativ unbehelligt bewegen können.
Cassel: Stimmt, aber nicht in Italien zum Beispiel. Da ist es am schlimmsten. In Frankreich dagegen, wo man meinen könnte, dass die Leute sehr neugierig sind, was uns angeht, hält man sich etwas zurück. Da bohren die Medien nicht so sehr im Privaten herum, wie man es zum Beispiel aus Großbritannien kennt.
teleschau: Liegt das daran, dass die Franzosen besonders stolz auf ihre Stars sind?
Cassel: Das mag so sein. Wir haben ja Quoten für alles: So viele Filme müssen französisch sein, so viele Lieder im Radio müssen von Franzosen sein. Wir sind die letzte Nation - neben Indien -, die es mit der amerikanischen Filmindustrie aufnehmen kann. Wir haben etwa 230 Filme im letzten Jahr produziert. Im Vergleich: Die Italiener ohne solche Quoten schafften nur 15 - das ist doch unglaublich wenig! Italien hatte die interessanteste Filmindustrie der Welt. Und heute müssen all die genialen Filmemacher - ob Regisseure, Techniker oder wer auch immer - Restaurants eröffnen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Was für eine Verschwendung!
teleschau: Achten die Franzosen auch schon bei der Erziehung darauf, dass nur französische Filme geschaut werden?
Cassel: Ich habe eine andere Erfahrung gemacht: Ich wurde durch amerikanische Filme sozialisiert, kannte so gut wie keine französischen. Aber in anderen Familien lief das sicher, wie Sie sagen; denn irgendjemand muss die inländischen Produktionen ja geschaut haben. Auf Pump lässt sich so etwas ja nicht über Jahrzehnte hinweg erfolgreich aufrecht erhalten.
Leif Kramp
Einer, der vor der Kamera und mit den Medien gleichermaßen gut spielt. (2005 Miramax Films)
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