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"Transsiberian"-Reise wird zum Horrortrip

Transsiberian

(cg/tsch) In der westlichen Welt gibt es wohl kaum noch etwas zu Entdecken, jedenfalls nicht, wenn man darunter das Unberührte und Unbekannte versteht. Deshalb träumen viele von der romantischen Wildnis, von dem einsamen Strand, der wilden Insel oder den Bergen weit weg von der bekannten Zivilisation. Roy (Woody Harrelson) und Jessie (Emily Mortimer), ein gläubiges Pärchen aus Amerika, wollen ihre Fantasie von einer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn wahr werden lassen. Unter der gekonnten Regie von Brad Anderson („Der Maschinist“) wird ihr Abenteuerurlaub zum ungeahnten Horrortrip.

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Woody Harrelson und Emily Mortimer spielen das Pärchen Roy und Jessie auf solch überzeugende Weise, dass man ihnen den naiven Eifer zweier junger strenggläubiger Amerikaner auf missionarischer Reise ins Riesenreich China ohne Weiteres abnimmt. Gerade haben sie ihre Gruppenreise in Peking beendet und wollen vor der Rückkehr in die Heimat noch eine aufregende Tour durch Mittelasien machen. Jessie ist begeisterte Fotografin und war schon immer fasziniert von den urtümlichen Menschen und der rauen Landschaft Russlands, die sie auf einer Fahrt mit der Transsib portraitieren möchte.

Der umgängliche Roy freundet sich schnell mit den wildfremden Mitfahrern an, trinkt Wodka und fühlt sich in der Geselligkeit pudelwohl. Auch als ihnen das seltsame Paar Abby (Kate Mara) und Carlos (Eduardo Noriega) über den Weg läuft, freunden sie sich schnell an. Nur Jessie ist merkwürdig hin- und hergerissen zwischen der sexuellen Anziehungskraft des geheimnisumwitterten Spaniers und ihrem Misstrauen.

Eines wird schnell klar: Die so hoffnungsfroh begonnene Reise wird nicht planmäßig zu Ende gehen. Dafür sind zu viele zwielichtige Gestalten im langen, ratternden Zug unterwegs, der bald anmutet wie eine Geisterbahn und Zeitmaschine zugleich; denn immer mehr scheinen die nichts ahnenden Touristen nicht nur in die sibirische Wildnis, sondern auch in eine Zeit zu rasen, die weder Recht noch Ordnung noch jegliche Humanität kennt.

Was sich anhört wie ein routinierter Gruselfilm, ist ein geschicktes Konstrukt aus Abenteuerfilm, Thriller, Charakterdrama und Horrorstreifen. Regisseur Brad Anderson, der in seinem Verwirrstück "Der Maschinist" seinen Hauptdarsteller Christian Bale zur Höchstform auflaufen ließ und weltweit mit Kritikerlob überschüttet wurde, will sich diesmal nicht auf ein Genre festlegen lassen. Er wechselt wild die Handlungsschwerpunkte, knüpft förmlich ein Tau aus einer Vielzahl roter Fäden, verliert dabei aber niemals die stringente atmosphärische Dichte der Erzählung aus den Augen.

Eines wird in Andersons Fantasie deutlich: Die russischen Permafrostgebiete, die weiten Wälder Sibiriens, durch welche sich die endlos erscheinenden Schienenstränge ziehen, welche mit tausenden toten Zwangsarbeitern bezahlt wurden, sind für den 44-Jährigen zuallererst einmal unheimlich und menschenfeindlich. Die raue Schönheit der Landschaft kombiniert er mit einer latenten Atmosphäre der Angst, die sowohl für die Protagonisten als auch für die Zuschauer lange Zeit kaum greifbar ist. Nur Jessie spürt intuitiv die Gefahr, die in ihren neuen Bekannten Carlos und Abby lauert, die offenbar auf der Flucht sind - nur wovor?

Anderson dient der Drogenhandel als Klebstoff zwischen den immer exzessiveren Erzählkapriolen. Spätestens, wenn Ben Kingsley als ruchloser Ermittler die Bühne betritt und sich später als kriminelles Mastermind zu erkennen gibt, das recht unappetitlich über Leichen geht, verliert der Zuschauer jeglichen Halt, welchen Verlauf die Geschichte am Ende denn nun wirklich nehmen wird.

Dennoch regt sich Faszination für die Anmut der Szenerie: Es gibt zwar viele Momente, in denen all die falschen Fährten Andersons urplötzlich ein jähes Ende nehmen und die bis zum Schluss im Zickzack verlaufende Handlung des Urlaubsthrillers in neue Richtungen stoßen. Doch einer dieser Momente ist besonders eindrucksvoll und lässt erkennen, dass Andersons Russlandbild bei aller schon fast grotesken Überzeichnung beim blutigen Finale nicht gänzlich schwarzmalerisch ist. Als die neugierige Jessie bei einem Zwischenhalt dem attraktiven Carlos folgt, der ihr in der Wildnis eine verlassene Kirche zeigen möchte, die schöner sei als alles, was sie bis dato gesehen habe, kommt es im so friedvoll erscheinenden Nirgendwo zur sexuellen und schließlich tödlichen Konfrontation. Hier trifft die totale Hilflosigkeit in der Einsamkeit auf die unberührte Schönheit der Weiten Russlands. Am Ende sind es diese starken, von kreischender Stille erfüllten Bilder, die noch lange ein leichtes Unwohlsein hervorrufen.

Leif Kramp

Credits:
V:Universum, GB / D / E 2007, R: Brad Anderson, D: Emily Mortimer, Woody Harrelson, Thomas Kretschmann u.a.

Laufzeit: 115 Min.

Kinostart:
11. Dezember 2008


Die Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn wird für ein amerikanisches Ehepaar zum Höllentrip.
Die Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn wird für ein amerikanisches Ehepaar zum Höllentrip. (Universum Film)

Auch Carlos (Eduardo Noriega) und seine Freundin Abby (Kate Mara) sind mit dem Transsibirien-Express unterwegs.
Auch Carlos (Eduardo Noriega) und seine Freundin Abby (Kate Mara) sind mit dem Transsibirien-Express unterwegs. (Universum Film)

Schon bald haben die russischen Polizisten Myassa (Thomas Kretschmann, links) und Grinko (Sir Ben Kingsley) die Verdächtige Jessie gefunden.
Schon bald haben die russischen Polizisten Myassa (Thomas Kretschmann, links) und Grinko (Sir Ben Kingsley) die Verdächtige Jessie gefunden. (Universum Film)

Datum: 07.12.2008

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