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Wolfgang Stumph - Stubbe - Von Fall zu Fall

Vom Glück, unabhängig zu sein

Schauspieler Wolfgang Stumph

(tsch) Klar, da ist sein Dialekt. Und er hat eine Reihe von Filmen gedreht, die sich mit dem Thema Ost und West auseinandersetzen. "Heimweh nach drüben" oder "Der Job seines Lebens" gehören dazu. Bereitwillig spricht Wolfgang Stumph auch heute noch, 19 Jahre nach dem Fall der Mauer, über die Beziehung zwischen Hier und Dort. Doch viel lieber über den allgemeinen Anspruch, den er an sich und andere Künstler stellt. "Moral" - kein Wort fällt so oft wie dieses in einem Gespräch, in dem der 62-jährige Dresdner ein ums andere Mal für den Erhalt von Werten eintritt. Das ZDF strahlt an den Samstagen, 20.12., und 03.01., 20.15 Uhr, zwei neue Folgen aus der Krimireihe "Stubbe - Von Fall zu Fall" aus.

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teleschau: Herr Stumph, ist die deutsche Einheit erst abgeschlossen, wenn Sie nicht mehr stellvertretend für andere nach den Befindlichkeiten im Osten gefragt werden?

Wolfgang Stumph: Sie haben es fast schon selbst beantwortet. Und wenn niemand mehr von neuen und gebrauchten Bundesländern spricht, niemand mehr von Ossis und Wessis.

teleschau: Ein weiter Weg?

Stumph: Die Deutschen selbst sind meines Erachtens viel weiter in der Einheit. Sie sind viel weiter auf ihrem gemeinsamen Weg, samt Weh und Leid, als es die Medien seit langer Zeit darstellen. Aber ich stelle fest: Ein bisschen ändert sich das. Vor einem Jahr habe ich noch die Schlagzeile gelesen: "Die Ossis küssen besser." Hauptsache voyeuristisch. Das scheint sich zu geben. Vielleicht wird beim Jubiläum im kommenden Jahr mal ausnahmsweise gefragt: Was haben wir gemeinsam geschaffen?

teleschau: Die Stimmung ist momentan im Land aber eine andere ...

Stumph: Richtig, zurzeit gibt es wenig Grund zur Freude. Die Wirtschafts- und Finanzprobleme sind vorherrschend. Aber daran wird auch deutlich, dass das längst unser gemeinsames Problem ist. Banker mit Spielbankmentalität, Turbo-Kapitalismus - das hat mit Ost und West nichts zu tun. Wir sitzen in einem Boot. Und wir kommen nur weiter, wenn wir gemeinsam rudern.

teleschau: Aber im Fernsehen wird über die Frage "Kapitalismus oder Sozialismus?" diskutiert ...

Stumph: Auch diese Frage berührt uns gemeinsam. Nur unsere Erfahrungen sind eben unterschiedlich. Ich glaube schon, dass der zügellose Kapitalismus, auch durch den Wegfall des anderen Systems, nun Geschwüre bekommt. Aber es gibt ja durchaus Differenzierungen innerhalb des Systems. System Bush, System Schweden, System Italien, bald das System Obama. Aber ich habe schon Angst, dass wir das alles nicht mehr im Griff haben. Es wuchern die Sucht nach schnellem Erfolg auf Kosten anderer, der Egoismus, der Werteverfall. Wir brauchen mehr moralische Verantwortung - der Staat den Bürgern gegenüber und die Bürger gegenüber der Gemeinschaft.

teleschau: Muss der Staat die Moral gesetzlich regeln?

Stumph: Nein, er muss nur seiner Verantwortung gerecht werden. Wie übrigens das Theater oder das Fernsehen auch eine moralische Anstalt sein sollte.

teleschau: Was soll das Fernsehen leisten?

Stumph: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen sollte weniger auf Einschaltquoten schauen und sich konsequent selbst überprüfen. Wann ist etwas mit moralischen Ansprüchen vereinbar, wann wird nur auf den Erfolg geschielt. So vieles wird den Privaten nachgemacht. Wenn im Hauptabendprogramm nur noch Krimis gesellschaftliche und menschliche Konflikte widerspiegeln, dann ist das zu wenig. Vielleicht hat das Kino künftig wieder eine größere Chance. Fernsehen wird zunehmend Boulevard: Es gibt von allem etwas. Aber ins Kino gehen die Menschen des Themas wegen. Im Übrigen: Einschaltquote bedeutet immer nur eine bestimmte Anzahl von Menschen, etwa 3.000 spiegeln den Geschmack und Sehgewohnheiten von 80 Millionen Deutschen wieder. Über circa 60 Prozent treffen Abend für Abend die Entscheidung, nicht fernzusehen, das sind fast 50 Millionen Menschen.

teleschau: Klingt sehr nach Reich-Ranicki ...

Stumph: Er hat in jedem Fall etwas in Bewegung gebracht. Er war aber zu allgemein, zu unkonkret. Aber er hat einen Anstoß gegeben. Nur wer aneckt, bringt etwas in Bewegung, ist mein Leitspruch.

teleschau: Es heißt, Sie hätten bei Ihrer Arbeit so eine Art Final-Cut-Recht. Sie haben das letzte Wort, wenn es um Entscheidungen geht.

Stumph: Sagt man? Zumindest habe ich das Privileg, mir die Sachen aussuchen zu können. Ich mache meinen Beruf ja nicht aus persönlicher Eitelkeit oder weil ich Geld durch Werbung verdienen will. Ich will meine moralische Haltung preisgeben. Glauben Sie mir: Sie können mehr über mich erfahren, wenn Sie sich meine Filme anschauen, als wenn Sie eine Homestory über mich lesen würden. In den Filmen zeigt sich meine Sicht auf die Komplexität und all die Lächerlichkeiten des Lebens. Wobei ich mich ungern wiederhole. Mich konnte keiner überzeugen, einen dritten "Go Trabi Go"-Film oder "Der Job seines Lebens" zu machen. So war es mit "Salto" und so wird es auch mal mit Stubbe sein. Ich werde bestimmt aufhören, bevor es ein Fernsehdirektor mir nahelegt. Das Gespür habe ich.

teleschau: Hat Sie eigentlich mal jemand gefragt, ob sie Erich Honecker spielen würden?

Stumph: Nein, und das würde ich auch nicht. Vielleicht als Satire, um die Gefahr zu zeigen, die von Betonköpfen ausgeht. Eine Art "Kaisers neue Kleider"-Thema. Das vielleicht. Fragen wie "Wer hat die Macht?" und "Wer missbraucht sie?" interessieren mich zunächst aber mal in der heutigen Zeit.

teleschau: Sie könnten ja die Seiten wechseln, sich für das Amt des Bundespräsidenten bewerben ...

Stumph: Ich will es mal so ausdrücken: Nur weil ich gut kochen kann, muss ich kein Kochstudio eröffnen. Schauspieler sollten politisch denken, sie sollten Moral haben. Aber deswegen müssen sie ja nicht gleich Papst oder Bundespräsident werden. Wir können in unserem Beruf vieles bewegen. Ich mische mich doch lieber politisch ein, als dass ich politisch mitmischen muss. Dass es die Aufgabe des Künstlers ist, sich des Einflusses der Politik zu erwehren, hat schon sinngemäß Tschechow gesagt. Das heißt aber nicht, dass man unpolitisch sein darf.

teleschau: Bedauern Sie, dass das Kabarett Ihnen nicht mehr zur Verfügung steht?

Stumph: Ich entschied mich vor anderthalb Jahren selbst, mit dem Tourneekabarett aufzuhören. Zum einen bietet mir das Fernsehen die Möglichkeit, auch Menschen mit meiner Denke zu erreichen, die nie ins Kabarett gehen würden. Zum anderen wurde das Arbeitsvolumen einfach zu groß. Und schließlich kam diese Comedy-Welle hinzu, diese Missachtung des Niveaus von Humor. Überall Clowns, überall Comedians.

teleschau: Viele Kabarettisten gehen einen Mittelweg. Dieter Nuhr zum Beispiel - der sitzt bei "Genial daneben" und macht trotzdem ein eigenes Kabarettprogramm.

Stumph: Mag sein. Aber ich drehe Filme. Und da kann ich nicht heute bei Balder sitzen und morgen einen Film über Königsberg drehen, in dem es auch um die Vergewaltigung von Frauen im Zweiten Weltkrieg geht. Wobei ich "Genial daneben" mag. Aber stellen Sie sich vor, ich müsste als Halma-Figur an der Seite von Hella von Sinnen über ein Spielfeld hüpfen. Nein. Da rennt man einem fallenden Niveau nach unten hinterher.

teleschau: Was schauen Sie im Fernsehen?

Stumph: Vieles, was mich informiert oder gut unterhält. Ich mag "Hart aber fair" und "Extra 3" beim NDR. Auch die "37°"-Reihe und "Frontal". Unterhalten lasse ich mich gerne von Talkshows wie "3 nach 9" oder auch von "Wetten, dass..?" Ansonsten entspanne ich mich am liebsten beim Fußballspiel.

teleschau: Schlägt Ihr Herz da eigentlich generell für die Mannschaften aus dem Osten?

Stumph: Nein, eher für einzelne Spieler. Für den kleinen Lahm zum Beispiel. Für Menschen, die vielleicht nicht so eine Aura wie Effenberg oder Matthäus haben. Die sich aber durch Qualität und Einsatz eine Führungsrolle erwerben.

teleschau: Aber wenn Cottbus und Rostock spielen ...

Stumph: Nun, früher war ich Fan von Dynamo Dresden. Ich gebe zu, auch heute bin ich schon ein bisschen lokalpatriotisch. Zumal Menschen auch immer Unterhaltung in ihrer eigenen Region brauchen. Das gibt Zusammengehörigkeitsgefühl, Kraft, Motivation. Der Sport gehört da dazu. Was übrigens aber auch nichts mit dem Osten zu tun hat, das ist im Ruhrgebiet oder anderswo genauso.

teleschau: Eine gewisse Erdverbundenheit zählt zu Ihren vorrangigen Eigenschaften. Gibt es nichts, wo sie den Verführungen eines Stars erliegen? Was gönnen Sie sich?

Stumph: Diese Uhr hier. Die hat zweitausend Euro gekostet. Glauben Sie mir: Noch vor zehn Jahren hätte ich gesagt, so was kaufst du dir nie. Ich gebe zu, da haben sich die Maßstäbe geändert. Ich wollte mich belohnen. Aber sonst? Nein. Ich leiste mir das Glück, unabhängig zu sein. Ja und nein zu sagen, wann ich will. Das ist wahre Freiheit, und die habe ich mir erarbeitet. Ich habe keinen Manager. Ich kann mir meine Fehler nur selbst organisieren. Ich arbeite gerne im Team und für ein Team, aber ich will nicht benutzt werden. Ich sehe mich eher als Ich-AG.

teleschau: Welche Fehler haben Sie gemacht?

Stumph: Sicher einige individuelle Fehler. Ich mag manchen Menschen falsch eingeschätzt haben. Aber wenn ich das merke, versuche ich es wieder gut zu machen und die Dinge zu klären. In meiner Karriere gab es auch Fehler, aber sie alle waren und sind notwendig, um meinen Weg zu gehen. Ein gerader Weg kann niemals so glücklich machen wie ein steiniger, ein kurvenreicher. Wer an die Quelle will, muss eben gegen den Strom schwimmen, und das ist immer schwer und hart.

teleschau: Was ist die Quelle?

Stumph: Sicher nicht Geld. Für mich geht es darum, sich treu zu bleiben. Als Schauspieler muss man sich immer der Verantwortung anderen gegenüber bewusst sein.

teleschau: Gefällt es Ihnen, wenn man Sie einen Volksschauspieler nennt?

Stumph: Nun, die Bezeichnung haben wenige verdient, sie ist eine Ehre. So etwas wird vergeben, aber ob ich das schon verdiene? Man wirft mir manchmal vor, in meinen Filmen menschle es zu sehr. Und ich frage dann immer: Na und? Soll es teufeln? Meine Aufgabe ist es, Menschliches darzustellen. Und es ist schön zu wissen, dass das mancher in mir sieht.

Kai-Oliver Derks


Wolfgang Stumph (62) appelliert an Ost und West: "Wir sitzen in einem Boot. Und wir kommen nur weiter, wenn wir gemeinsam rudern."
Wolfgang Stumph (62) appelliert an Ost und West: "Wir sitzen in einem Boot. Und wir kommen nur weiter, wenn wir gemeinsam rudern." (ZDF / Christine Schröder)

"Auf dünnem Eis" (Sa., 20.12., 20.15 Uhr): Stubbe (Wolfgang Stumph, links) befragt den Bankangestellten Hofstetter (Alexander Held).
"Auf dünnem Eis" (Sa., 20.12., 20.15 Uhr): Stubbe (Wolfgang Stumph, links) befragt den Bankangestellten Hofstetter (Alexander Held). (ZDF / Nicolas Maack)

Ein eingespieltes Team: Wolfgang Stumph und seine Tochter Stephanie, die auch in der ZDF-Reihe "Stubbe - Von Fall zu Fall" seine Tochter spielt.
Ein eingespieltes Team: Wolfgang Stumph und seine Tochter Stephanie, die auch in der ZDF-Reihe "Stubbe - Von Fall zu Fall" seine Tochter spielt. (ZDF / Nicolas Maack)

Datum: 05.12.2008

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